Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 5 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 I Deutsches fiandwerk Von Ichea SBaffetnoi tSir eröffnen mir diesem Aufsatz die Aussprache, die als Fortsetzung der Diskussion über das Thcma .Deurschrum und Berufswahl" mit besonderer Bezugnahme, auf die Kinder deutschfühlender Juden im Anschluß an den Mitgliederobend vom 30. März 1925 in Aussicht genommen war. Weitere «euherungen zu dem. gleichen Thema lind erwünscht. Insbesondere wird auch die Erörterung der Frage, inwieweit wir unsere Jugend der Landwirtschaft zufübren sollen und können, viel Interessantes bieten. ^!ie «chriflleiwng Aus der regen Diskussion, die an unserem Mitgliederabend vom 30. März d. I. dem Vortrag des Herrn Regierungsrat Dr. Erich. 2 imon folgte, - kristallisierten sich besonders zwei Probleme heraus. Es waren die Aragen der Zuführung des vor der Benifswahl stehenden, nationaldeutsch eingestellten jungen Juden einmal zum Ackerbauerberuf und ferner zum Handwerk. Man gelangte zu dieser Erörterung, da sich besonders, arrs dem von dem Herrn Referenten voraebrachlen statistischen Material ergab, daß dxr Jude in Deutschland heute entweder die akademischen Beruse — und darunter. wieder die freien Berufe als Rechtsanwalt, Arzt und dergl. — bevorzugt, oder daß er sich, wenn die Voraussetzungen für dieses Gebiet nicht. vorhanden sind, den kaufniännischen Berufen zuwendet, bei denen ja auch nicht Hand-, sondern Kopfarbeit zu leinen ist. Ich möchte hier noch einmal das Problem .Juden und Handwerk" erörtern. Aber ehe ich mich dieser Frage im besonderen zuwende, muß ich feststellen, daß wir es hier nicht in so hohem Maße, wie'es auf den ersten Blick scheint, mit einer sveziell jüdischen Frage zu tun haben. Die ganze deutsche Volkswirtschaft wendet der Frage 'betreffend den .Nachwuchs des Handwerks", wie sie es nennt, schon seit langem, besonders aber fest der Revolution ihre Aufmerksamkeit zu. Ta mir in unserem Verband uns ja in erster Linie als Deutsche fühlen und demgemäß auch betätigen wollen, wird es sicher nickt ohne. Jnterene sein, zu erfahren, daß die Forderung .Zuführung der Juden zum Handioerk" sich im wesentlichen deckt mit der' Forderung. .Zuführung der Jugend aller Schichten, insbescstibere des bürgerlichen Mittelstandes, zum Handwerk". Wir dürfen, wenn wir erkennen, wie wünschenswert.es wäre, daß der Sohn des Rechtsanivalts, Fabrikanten usw. ein Handwerk ergreift, nicht vergeffen, daß wir es hier mit den Schichten zu tun. haben, aus denen sich auch in nichtjüdischen Kreisen der Handwerkerstand nicht zu rekrutieren pffegt. Verfolgt man die Handwerkspreffe, so sieht man. daß die Klagen nicht verstummen, wie etwa: es sei üblich geworden, mir die Dümmsten und. Faulsten, mit denen die Schule überhaupt nichts airzufangcn mußte, für das Handwerk gut genug zu halten: — der Fabrikbetrieb habe das Handwerk ausgesogen; — oder: die Zeiten, zn denen es als eine besondere Ehre galt, Geselle oder gar Meister zu heißen, seien vorüber. Seitdem das l!). Jahrhundert, das Zestalter der Maschinen, begann und die Begriffe.Gewerbeunternehmer" und .gewerblicher Arbeiter", in neuester Zeit .Arbeitgeber" und .Arbeitnehmer", unsere Wirtschaft durchdrungen haben, geht, das Streben in Handwerkerkreiseu vielfach dahin, statt selbst ein ehrsamer Handwerksmeister zu bleiben und auch seinen Kindern das Handwerk. zu erhalten, es zu einem Fabrikbet riebe zu bringen, damit die Kinder es. wenn Möglich, nicht;mehr nötig haben, selbst zu arbeiten. Vor mir liegt ein--Artikel des Herrn Direktor Menne vom Statistischen Berufsamt Frankfurt a. M., in dem genau dasselbe angeführt ist) was mir die Berufsberaterin des Jüdischen Berufsamtes Berlin vor kurzem sagte: .Wenn man einem höheren Schüler ein Handwerk vor- - .schlägt — die Väter sind ja meist vernünftiger — jedoch die Mütter:-Aber, nein, ein Handwerk, ganz ausgeschloffen! Was würde dann meine Verwandtschast sagen!" Wir tun also unseren jüdischen Müttern, unrecht, wcNn wir ihnen ein besonderes Maß. von Dünkel und eine besonders weitgehende Rücksichtnahme auf die Meinung der Verwandtschast zum Vorwurfe machen. Auch verschiedene Erlaffe des Reichsarbcitsmimsters, die darauf Hinweisen, daß es zweckmäßig sei. wenn von den Meistern gerade den höherer; Schülern zwecks Förderung des Eintritts derselben in das Handwerk besonderes Entgegenkommen gezeigt werde, scheinen mir darauf zu deuten, daß die Abneigung gegen das Handwerk keine und jüdifcbe Jugend. I e l, eand: jur. rt rer. pol. ausgesprochene Eigenheit der deutschen Jud^n ist. sondern allgemein in diesem Jahrhundert wurzelt, das erst wieder die Achtung vor dem Meister erringen muß. | Bestärkt werde ich in der Ansicht, daß nicht ein besonderes l Vorurteil gerade bei den Juden zur Vernachlässigung des ( Handwerks geführt hat, durch den Umstand, daß die erwerbsj tätigen jüdischen Frauen genau so. vielleicht noch mehr als ihre christlichen Mitbürgerinnen, sich tatsächlich dem Handwerk 1 zuwenden. Jeder von uns kennt wohl jüdische Schneiderinnen. ' Putzmacherinnen usw. die zum Teil sogar besonders geschickt j und tüchtig sind und nicht etwa nur jüdische Kundschaft haben. | sondern, wie mir bekannt ist. auch zahlreiche Damen der! christlichen Kreise zu ihren Anftraggeberinnen zählen. Ich muß! es leider Unterlasten, zu diesem Punkte Zahlenmaterial heranzuziehen, das ja besser als Worte illustrieren könnte. Tie Zahlen der letzten Gewerbestatistik, die vom Jahre 1007 stammt, geben gerade auf dem Gebiet der Frauenberufe mit Rücksicht auf die großen Umwälzungen, die sich seit jener Zeit vollzogen haben, meiner Ansicht nach nicht mehr ein richtiges Bild. Aber gerade weil wir Juden es betreffend die Stellung zum Handwerk mit keinem rem jüdischen Problem zu tun haben, können mir dadurch, daß wir uns mit allen deutschen : Volksgenossen darin zusammensinden, unsere vor der Berufswahl stehende Jugend des „guten" Bürgertums auf das Handwerk hinzuweisen, im Sinne unseres Verbandes für das „ H i n e i n w a ch s e n in die deutsche Volksgemeinschaft" wirken. Es muß bei uns. ebenso wie in nichtjüdischen Kreisen, wie es^Herr Dr. Ä. M. in einem von der V o s s i s ch e n Zeitung abgedruckten Artikel .Die Kunst im Handwerk" ausdrückt, „endlich mit dem Vorurteil gebrochen werden, das speziell in den bürgerlichen Schichten noch sehr lebendig ist und viele vernünftige Lebensentscheidungcn verhindert: daß nämlich die sogenannte geistige Arbeit so un- , endlich viel vornehmer — dafür meist aber auch schlechter be-; zahlt — sei. als die handwerkliche". Ter Verfasier hat Rcckit, I wenn er fortfährt: „Es ist ein Stück praktischer Demokratie, wenn dieses Vorurteil allmählich beseitigt wird". Und für unseren, der Juden, besonderen Fall möchte ich hinzusetzen, cs ist ein Stück praktischer B e t ä m p f u n g ' b c s Antisemitis in u s. Aber ehe wir diesen Satz zur positiven Forderung erheben, mästen wir den Inden einer „Eignungsprüfung" betreffend seine Befähigung zum Handwerk unterziehen. Es mutz die Frage geklärt werden: liegt etwa in.der besonder, n jüdischen Veranlagung ein Etwas, das die Juden zum Handwerk nicht geeignet erscheinen läßt? Wir können als feststehend ansehen, daß dem heutigen! Juden ein dem Nichtjuden — von besonderen Gruppen und ganzen Völkerstänimen abgesehen iir dieser Allgemeinheit nicht eigener Trieb zum Handeln inncwohnt. Der Ostjude; z. B. fängt, wenn er auch als Handwerker oder selbst Schwerarbeiter nach Deutschland gekommen ist, meist sehr bald, nachdem er deutschen Boden unter den Füßen hat, zu handeln an. .i und entwickelt hierbei leider instinktmäßig die größten Fertig- 'j keilen, während etwa ein abgebauter nichtjüdischer Beamter es selten über den Dilettantismus hinausbringt und sich meist > auch bei kaufmännischer Tätigkeit sehr unbehaglich fühlt. Aber . dieser Trieb zum Handeln, der in innerem Zusammenhang I steht mit dem gleichfalls meist vorhandenen Trieb zum Grübeln und Kritisieren, liegt nicht, wie es von antisemitischer Seite; fälschlich behauptet wird, dem Juden im „Blute", er hat sich vielmehr erst in einer langen und schmerzlichen Entwicklungs-; geschickte herausgebildet und läßt sich, wenn es nur zweckmäßig angefangen wird, erfahrungsgemäß sehr schnell zurückbilden. Der Jude ist auch heute, genau wie der Nichtjude, von Natur durchaus geeignet, handwerksmäßig und schwer! körperlich zu arbeiten, wie ich selbst in der Praxis zu beob- | achten Gelegenheit hatte und mit mir gewiß viele andere, die sich mit diesen Dingen beschäftigen. Es kann und wird noch! bester werden, wenn man die im Juden steckenden körperlichen! und insbesondere handwerklichen Fähigkeiten mehr kultiviert. Aber da diese Neu- und Zurück-Entwicklung noch in den i Anfängen steckt, erscheint eine Mahnung angebracht. Man sei i vorsichtig bei der Auswahl der Kinder, die wir dem Handwerk > zuführen, denn ein Mißgriff kann — gerade weil es! sich um Juden handelt — großen Schaden anrichten, da i bekanntlich in der Beurteilung der Juden viel zu oft aus! Einzelfällen auf die Allgemeinheit geschloffen wird. Und die