Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 2 (Februar 1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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ist dies, wenigstens zum Teil. ein> Reaktion auf den Antisemitismus der verschieden Länder, der es gestattet, rein politische, d. h. jüdischnationale Bestrebungen mit einem charitativen Mäntelchen zu bekleiden. Wie steht es nun mit der Behauptung der Fremdartigkeit? — Tie deutsche Judenheit ist seit dem Kriege so stark von ostjüdischen Elementen durchsetzt, daß sich diese Behauptung jedenfalls nicht ohne. weiteres bestreiten läßt. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß viele Ostjuden allein durch ihr äußeres Gebaren fremdartig wirken. Orientalische Farbenpracht der Kleidung, lleberladung mit Schmuck mögen im Süden ertragbar sein, wo die Sonne ihren Glanz mildert, im nüchternen Licht des Nordens erscheinen sie fremd und geschmacklos. Aber sehen wir vou den Ostjudcn einmal ab. ' Auch in manchen Kreisen längst eingesessener lind wahrhaft deutsch gewordener Juden zeigen sich'Eigenschaften, die unsere nichtjüdischen Mitbürger abskoßen müssen. Es wird eine Sprache gesprochen, in besonderem Tonfall und mit jüdischen Ausdrücken durchsetzt, eine Art Jargon, der oft sehr wryig und unerhört nüaucenreich ist, der aber in dem Nichteingeweihten das unbehagliche Gefühl des Ausgeschloffenseins erweckt. Ter deutsche Nichtjude hört seine Muttersprache und versteht sie nicht; er glaubt zu verstehen und sieht sich getäuscht. Dazu kommt die begrenzte „Geistigkeit"- mancher jüdischer Kreise, die überheblich wirkt. Sie umfaßt meist das Gebiet, der Literatur, der bildenden Künste, der Politik, des Wirtschaftslebens und der Philosophie, lieber all diese ohne Frage wichtigen und schönen Tinge wird geplaudert, oft oberflächlich, bisweilen tief. und ursprünglich, aber immer in einer Weise, als sei damit das Gebiet abgesteckt, das einen geistig hochstehenden Menschen interessieren dürfe. Ter nichijüdische Deutsche fragt sich verivundert, warum die Kenntnis des gestirnten Himmels, der Fauna und Flora eines Landes, handwerklicher Technik, physikalischer Gesetze minder wichtig sei als dieses politisch-künstlerische Wissen, das sich nur allzu oft in leere Beg^riffsspielerei verliert. Bleibt als Trittes die den Juden innewohnende Lebenskraft. Daß sie besteht und sich seit Jahrtausenden bewährt hat, ivird von, Freund und Feind anerkannt. Sie ist an sich ein Borzug. Als Nachteil kann sie nur dort empfunden werden, wo die beiden anderen Eigenschaften — Geschlossenheit und Fremdartigkeit — mit ihr sich verbinden. Für die erwähnten, als gemeinschaftsstörend empfundenen Eigenschaften deutscher Juden gibt es zweifellos geschichtliche und psychologische Begründungen uns Entschuldigungen in Fülle. Teshalb sei noch einmal betont: es ist hier nicht die Rede'von moralischer Schuld. Nur Tatsachen sollen festgesteüt und Schlußfolgerungen daraus gezogen werden. Spricht man das vorstehend «besagte vor Juden offen aus, so hört man häufig den Einwand, daß Eigenschaften, die man den Juden vorwirft, keineswegs auf jüdische Kreise beschränkt seien, und daß, was dem'einen recht, dem anderen billig sein müsse. Dieser Einwand, mag er menschlich noch so begründet sein, ist rxalpolitisch falsch. Nirgends steht -einer angegriffenen Minderheit die gleiche Handlungsfreiheit zu. wie einer machtvollen Mehrheit, und keine Erwägung der Gerechtigkeit schafft die Tatsache aus der Welt, daß Frau Raffkes Kleidung und Benehmen nur Spott und Gelächter erregen, während die laute Stimme einer wesensverwandten Frau Eohn und ihre Brillanten einen tiefgehenden Widerwillen Hervorrufen. Kommen wir also zum Ergebnis: Ter Antisemitismus, der in seinen Behauptungen sicherlich weit über die Wahrheit hinausgeht und in seinen Mitteln durchaus verwerflich ist, rindet seine Nahrung an gewissen wirklichen oder scheinbaren Eigenschaften bestimmter Kreise der deutschen Juden. Die von skrupellosen Geschäftspolitikern aufgeputschte Mehrheit gerät durch diese ständige Stärkung des Anti-Empfindens in einen Zbstand erhöhter Spannung und neigt zu Gewalttaten. Welche Abhilfe ist möglich? Die Zionisten haben den Weg der Trennung gewählt. Er ist ohne Frage berechtigt, wenn er ehrlich beschritten wird. Taß dies in allzu seltenen -Fällen geschieht, ist ein Kapitel für sich. Für uns nalionaldeutsche Juden ist dieser Weg, der aus Deutschland hinansführt, ungangbar. Was aber haben wir, die. wir uns im Kern unseres Wesens deutsch fühlen, zu tun. um mit unseren nichtjüdischen Mitbürgern in 'ein gedeihliches Verhältnis zu kommen? Es gibt auf diese Frage nur eine einzige Antwort: Wir müssen uns rückhaltslos der Mehrheit eingliedern. Das wird nur möglich sein, wenn wir aus die Vorstellung verzichten, als sei jeder Antisemit ein Schurke. Die Bewegung des Antisemitismus ist eine zwangsläufige und ursprünglich ideale, mag der Idealismus ihrer Anhänger auch auf falsche Wege abgeirrt sein und sich später mit noch so vielen eigennützigen und häßlichen Motiven vermischt haben. Den guten Glauben, den uns unsere Gegner zugestehen sollen, muffen auch wir ihnen zubilligen. — Wir muffen uns ferner klarmachen, " daß die Judenfrage weder auf dem Wege einer abstraften Gerechtigkeit, noch durch sogenannte Toleranz zu lösen ist. ' Wir leben in einer Welt der Tatsachen, nicht der Begriffe. Die Minderheit niuß Opfer bringen, nicht die Mehrheit.' wenn beide miteinander verschmelzen sollen. ES ist keine Selbstverleugnung, den Weg der Vernunft und der Versöhnung zu beschreiten. Religiöse Fragen spielen in der Bewegung des Antisemitismus offensichtlich keine ausschlaggebende Rolle, sie werden' höchstens gelegentlich zur Bemäntelung deS Wesentlichen benutzt. Dieses heilige und persönlichste Recht deS Menschen bleibt also unangetastet. Es ist aber auch unwahr, wenn behauptet wird, man verlange von uns, daß wir unsere Eigenart aufgeben. Davon kann gar keine Rede sein. Nur darauf müssen wir verzichten, diese Eigenart aufdringlich zu betonen und' uns so zu benehmen, als sei die Art unserer nichtjüdischen Mitbürger' weniger wert als die unsrige. Es ist notwendig, daß wir' mehr Selbstvertrauen und weniger Eitelkeit zeigen und auf, diesem Wege die Unbefangenheit wiederlgewinnen, die uns im Ghetto verloren gegangen ist. DaS schöne Solidaritätsgefühl darf nicht zur Mauer gegen unsere Umwelt werden, sondern soll auch den fteundwilligen nichtjüdischen Mitbürger einschließfn. Wir müffen jüdische Ansdrücke und Sprachwendungen vermeiden, selbst auf die Gefahr,^ daß ejn guter Witz dadurch verloren geht. Vor allem aber: Wir müssen das Ideal unserer Zukunft als ein rein deutsches ge st alten! Deutschtum und deutsches Judentum dürfen niemals wieder Gegensätze werden. Ergibt sich wirftich einmal die Notwendigkeit einer Wahl zwischen beiden, gebührt unbedingt dem Deutschtum der Vorrang. Der Antisemitismus läßt sich nicht „abwehren" oder durch eine „jüdische Einheitsfront" bekämpfen; wohl aber läßt er sich abbauen, indem man die Quellen verstopft, aus denen er gespeist wird. DieS können 1 wir tun. ohne daß wir wertvolle Rechte der Persönlichkeit! dabei opfern. Oder sollten die fremdartigen Feyen, die unS aus früheren Jahrhunderten noch anhängen, unserem Leben mehr bedeuten, als dip Liebe zu Deutschland und seinen Bewohnern? Würde unsere Eigenart wirklich Schaden leiden, wenn wir, die wir nicht Zionisten sind, darauf verzichteten. Geld zum Aufbau von Palästina zu geben, und statt dessen unsere wirtschaftlichen Kräfte ausschließlich für den Wiederaufbau Deutschlands verwendeten? Wäre es mirkljch eine Selbsterniedrigung, wenn wir unsere Sprache rein hielten von undeutschen Ausdrücken? — Die jüdische Fremdartigkeit ist, zum mindesten bei den alteingeseffenen deutschen Juden, nur eine äußerliche; die jüdische Geschlosserjheit nur eine scheinbare. Was also würden wir verlieren, wenn wir sie preisgäben? — Nichts I Dafür eintauschen aber würben wir das' herzliche Einvernehmen mit unseren nichtjüdischen Mitbürgern^ und das stille Glück eines Heimatsgefühls, das uns heute noch durch Angriff und Haß geschmälert wird. Unsere Lebensfähigkeit wird man erst dann neidlos anerkennen, wenn man gewiß ist. daß sie keinem anderen Ziele, als dem Gedeihen des Vaterlandes dient. ' Kann es nach dem Gesagten noch ein Schwanken geben? Man täusche sich nicht, es ist ein langer und steiniger Weg, der noch vor uns liegt. Aber wer die Höhs will, darf die Mühe und Gefahr des Steigens nicht scheuen. Von deutscher Zukunft. Von Jflax J^aumann. (Dritte» Tieft der Schriften de» Verbände» nationaldeutscher Zuden.) -;- prcie 75 Pfennig. - Zu beziehen durch alle Luchhandlungen und durch die Geschäftsstelle. i ~ ■■ i i i ..w’i