Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1924
- Issue
- 1 (Januar-Februar-März 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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dazu beitragen, b«i Juden und Nichtjuden das Gewissen und den Blick für das Wesentliche der Judenfrag« zu schärfen und di« nötigen reinlichen Scheidungen herbeizuführen. 2. vr. Gustav Blum«. Sehr geehrter Herr-Or. Naumann! Sie hatten di« Freundlichkeit, mir zu der vom Verband« nationaldeutscher Juden einberufenen Versammlung vom 28. Januar ein« Einladung zu senden. Nach dem Verlauf des Abends bin ich Ihnen besonders dankbar dafür und bereue nicht, ihr gefolgt p» sein. - Denn für den Nichtjuden waren die Eindrücke in der Tat änderst lehrreich, und wenn der Anschauungsunterricht an lebendigen Menschen für den, der zu sehen und zu hören gelernt hat, stets besonders aufschlußreich sein wird, so lehrte Ihre Versammlung den aufmerksamen Zuhörer über das Wesen der Frage, um deren Klärung sich Ihr Verband so tapfer bemüht, vielleicht mehr als ein ganzer Jahrgang der C. V.-Zeitschrift oder des Reichswartes. ' Sie wissen, dah ich politisch unzweideutig rechts stehe, daß ich aber keineswegs der Meinung bin, dieser Standpunkt müsse gleichbedeutend sein mit dem, was man heute im politischen Sprachgebrauch „völkisch" nennt. Ich habe nie verstanden, wieso es besonders deutsch oder arisch oder christlich sein soll, sittliche Verantwortung auf andere abzuschieben und sich über den seelischen Niederbruch unseres Volkes, der di« Grundtatsache dieser erbaulichen Epoche - deutscher Geschichte ist, hinwegzusetzen mit dem Unrühmlichen Wehgeschrei: Wir sind eben von den bösen Juden verführt und vergewaltigt worden. Ich sehe darin nur die genaue Wiederholung der primitiven und unedlen Theorie unserer Niederlage, mit der. die Linke in der Sünden Maienblüte der Revolution die Kosten ihrer Propaganda bestritt: Wir sind — von den Machthabern des „fluchbeladenen, alten Systems" — „belogen und betrogen" worden. So lange der Deutsche in der Katastrophe feines Volkes und Staates sich immer stur als das „Opfer" anderer Kräfte fühlt, anstatt den Stolz und Gewissensernst männlicher Selbstverantwortung tzu empfinden^ hat et den wahren Weg aus dieser Katastrophe noch nicht gefunden. Wenn ich so keineswegs als „Antisemit" den Dersammlungssaal betrat, so kann ich nicht leugnen, dah ich ihn sehr nachdenklich, ja, in einem Zustand tief verletzten und erbitterten Nationalgefühls verlassen habe. Nicht etwa infolge Ihres Referates, — das brau^ ich wohl nicht besonders zu betonen. Dieses Referat und die Art, wie es von den Mitgliedern Ihres Verbandes ausgenommen wurde, war eine wahre Herzensstärkung für jeden national empfindenden Deutschen, der von allen „Äbbau"-Notwendigkeiten der Gegenwart die des innerdeutschen Hasses und Mihverstehens für weitaus die notwendigste hält. Was mich aber der „Anschauungsunterricht" dieses Abends mit fast erschreckender Deutlichkeit gelehrt hat, war die Richtigkeit Ihrer Theorie von den drei Kategorien des deutschen Judentums: der zionistischen, der „Zwischenschicht" und endlich eben derer, die auf dem Boden Ihres Verbandes stehen. Und so rückhaltlos der Nichtjude, der den Stolz und die Leidenschaft seines Volkstums fühlt, sofern er sich zugleich politische Besonnenheit und Redlichkeit bewahrt hat, in den Juden Ihrer, nationalen Einstellung seine deutschen Mitkämpfer am Werk völkischer und staatlicher Genesung anerkennen wird, so klar ist es mir aus dem Verhalten der Zuhörer während Ihres Vortrages und vor allem während der Aussprache geworden, dah in den Angehörigen jener beiden anderen Schichten — und sie sind nicht wenige — in der' Tat eine schwere Gefährdung dieser Genesung gegeben ist.. Ich sah in der Tiefe des Saales und hatte sie alle drei um mich, konnte sie aus nächster, Nähe beobachten: die Nationaldeutschen, die mit heißer deutscher Anteilnahme, mit Begeisterung und Entrüstung, ja, mit Wut dem Gange der Erörterung folgten, die Lauen, die Ihre Ausführungen und die der Ausspracheredner Ihrer Einstellung mit kaltem Schweigen oder sarkastischem Achselzucken aufnahmen, und endlich die Nationaljuden, die lärmend, zum Teil mit vor Fanatismus blassen und verzerrten Gesichtern für ihre gefährdete Sache eintraten und bei diesem löblichen Beginnen mit der ganzen naiven Anmahung und Unduldsamkeit, die ihnen eigen ist. nur eine Kleinigkeit vergahen, dah es sich nämlrch hier um deutsche Angelegenheiten handelte. In der Tat, es war äuherst lehrreich! Es muhte jedem. Beobachter, der sich den Eindrücken nicht absichtlich verschloß, Zur Evidenz klar werden, dah es innerhalb des deutschen Volkes, das heute in jedem Belraä t um die letzten Schanzen seines staatlichen und nationalen Daseins -kämpft, eine zahlenmäßig geringe, an Einfluß höchst beträchtliche Minderheit gibt, die dir unerbitt- ,licke Notwendigkeit und den furchtbare.» Ernst dieses Kampfes« nicht, mit dem unbedingten, leidenschaftlichen, aus den letzten Schichten irrationaler Seelenkräft« hervorbrechenden Zugehörijkeitsgefühl empfindet, dir «in Volk in dfr Lage des deutschen heut« von jedem verlangen muh.! den er als zuverlässigen Mitstreitei in seine Front aufnehmen soll, eine j Minderheit, die vielleicht unbewußt, aber, gerade deshalb aus um so tiefer wurzelndem Wesenstrieh heraus sich noch! immer irgendeinen Ausweg und Rückw« in äußerdeutsch« Gemeinschaften und Ziel« offen hält, di« sich also, um ts kurz zu sagen, deutsch oder jüdisch zu nennen vermag, je nachdem es gerade in den Zusammenhang paßt. Und es giht eine zweite, ebenfalls sehr beträchtliche und tm Wachsen befindliche Schicht, für welch« jene außerdeutsche Zieläemeinschaft schlechterdings das Primäre ist, dasjenige,^ was 7 sie als den ohne jede Frage höchsten Wert ihres nationalen Erlebens empfindet, die sich in allem, was Volksgemeinschaft ausmacht, kulturell, biologisch, in der Frag« nationaler Uebfrlieferung und — vor allem — im stillen Gelöbnis nationaler Zielsetzung, bewußt und mit größter , Entschiedenheit vom deutschen Volke abkehrt und heute, heuti! ihre deutsche Pflicht getan zu haben glaubt, wenn sie sich zu einem blassen, rein rationalistisch und dialektisch verstandenen „Staatslbürgertum" bekennt. stuf welcher. Höhe diese Dialektik steht, dafür gaben di« Herren vr. Klee und Ministerialrat vr. Äadt in der Aussprache erbauliche Proben. Also, weil Minkowski und Landau „Ostjuden" gewesen seien, deshalb soll das deutsche Volk« das in den letzten Jahren Hunderttausend«» wertpollsier Angehöriger nicht den notdürftigsten Lebensunterhalt gewähren konnte, das sie verkommen und nicht so ganz selten verhungern lassen muhte, widerspruchslos den Zustrom von Tausenden und Abertausende» unkultivierter Halbasiaten, die im Fühlen. Denken. Wollen durch eine Welt von uns geschieden sind, sich gefallen lassen! Und außerdem natürlich von! wegen der „Humanität"! Warum nicht gleich aus Gründen der „Zivilisation", denselben Gründen, in deren Namtn bekanntlich die „zivilisierte Welt" Senegalneger und ander« Halbtiere auf unsere märkischen und pommerschen Jungen gehetzt und 800000 deutsche Menschen, Greise, Frauen. Kinder, dem Hungertode preisgegeben hat. denij selben Gründen, in deren Namen diese zivilisierte Welt ein lewenstrohendes, in blühender Entwicklung stehendes Volk stiederaeknüttelt und also den noch immer grüßtest „Pogrom" der Weltgeschichte begangen hat. den Deutschenpogrom von 1914!bis (vorläufig!) 1924. Man hat die Stirn, in einer deutschen Versammlung heute mit solchen Argumenten zu kommen! Und warum sollen wir uns nicht Zionisten in hohen Staatsämtern gefallen lassen? Ich war aufs höchste gespannt. was jener hohe preußische Beamte, der ausdrücklich Und bewußt die Zugehörigkeit zum deutschen Volke verneint.! zur Rechtfertigung feistes erstaunlichen Standpunktes öorzubringen vermöchte. Es mußte doch einem Widerspruch gegenüber, den jedes unverbildete Denken und Fühlen als unerträglich, unlösbar empfindet, etwas schlechthist Beweisendes, «den Einwand Niederschlagendes sein. Was sagte er? Antwort: in England und Amerika käme dergleichest auch stör. Das war das einzige, buchstäblich einzige Argument! Pas ist nun In der Tat ein starkes Stück! Selbst angstnommen, es wäre so — was ich hier nicht nachprüfen will —, selbst angenommen, die Gleichheit der persönlichen und psychologischen Voraussetzungen zwischen unseren „Fällen" und denen „drüben" wäre erwiesen — was sie nicht ist —. stellen denn die Anschauungen und Einrichtungen jener Völker, me unter staatlichen und völkischen Bedingungen leben, di« mit den unserigen überhaupt nicht in einem Atem genannt werden können, einen allgemein verbindlichen Maßstab dar, dem wir uns ein für allemal zu unterwerfen hätten? Man hat uns das allerdings 1918 von einer Seite, die jenem Herrn vermutlich politisch nahesteht, einreden wollen: aber uNs heute noch damit kommen zu wollen, zeugt doch von einer — Rückständigkeit, die keine sehr hohe Meinung von der politischen Urteilskraft dieses neudeutschen Negierung soertreters erwecken kann. Di« Schule, in die das deutsche Volk seitdem genommen worden ist, dürfte, wie di« nächsten Wahlen ergeben werden, doch nicht ganz erfolglos gewesen sein. Wir erlauben uns beute, die deutschen Dinge nach deutsche» Anschauungen und Notwendigkeiten emrichten zu wollend und wir fragen den Teufel danach, ob wir uns dabei im Einklang oder Widerspruch mit angelsächsischen Meinungen befinden. Wenn jener Herr so genau weiß, daß das. was uns unerträglich erscheint, drüben „sehr aut geht". -7 wer sagt ihm denn, daß nicht auch jene Völker in der Beurteilung politischer Notwendigkeiten Schwächen und Jrrtümern unterworfen sind, und ob es nicht ohne zionistische Regierungsvertreter auch drüben „noch besser gehen würde". Diese Frage stellen sich heute bereits sehr viele Engländer und Amerikaner, daran ist nicht der geringste Zweifel. Man hat uns jahrelang mit demselben Brustton der UÜberzeugung erzählt, drüben gäbe es keinen Antisemitismus. Und heute