Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1923
- Issue
- 3 (Mai-Juni 1923)
- Date
- 1923-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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die ihr Judentum im wefrnkllchen »ölktfth kuffasseu und deren Liberattrmus nur auf dem Gebiet« der Kullfragen allenfalls erkennbar wird. Auch'die Auffassung d«S Judentums im religiösen .Sinne ist weit entfernt von jeder Lmhettltchkett. Man findet alle Schattierungen, von verstiegenster Mystik btt zum plattesten Rationalismus. Manch« Aufsätze gemahnen an dal tiefe Wort, dwk der Dichter Meyrink einem asten Osstaden in den Mund legt: .Wat ist Jude. war ist Christ, war ist ein Seid«? Lin Name für die, die ein« Religion haben statt einer Glaubens'. S. S-. Frankfurt a. M. Die Redensart .Den Antisemiten Wasser auf di« Mühl« liefern' ist älter, als Sie glauben. Sie ist nicht viel jünger als daS Wort .Antisemitismus' selbst. Sie stammt aus den Zetten bald nach der Preuh. Zuden-Emanzipation, in denen oberflächlich« Denker sich «inbildeken, di« Jahrtausende alt« Zudenfrage könnte durch den Federstrich eines Gesetzgebers gelöst werden, während einsichtige Köpfe auf jüdischer und nichtjüdischer Sette schon damals die Verfehstheit und Gefährlichkeit dieser Auffassung erkannten. Der große Philosoph Eduard. ». Hartman» wendet sich bereits in seiner vorzüglichen Schrift ,DaS Judentum in Gegenwart und Zukunft' (erschienen 188S; er. Aeint demnächst in neuer Auflage) gegen dt« erwähnte törichte Redensart. Auch Raphael Löwenfeld und Theodor Herr! machten sich schon zu Anfang der 80er Jahr« über die gleiche Anschauung lustig, der erster« vom deutschen, der zweite vom zionistischen, beide aber vom Vernunft-Standpunkt. Daß heute Flachköps«' auf jüdischer und christlicher Seite noch immer mit dem gleichen .Gedanken' und sogar mit den gleichen Worten operieren, kann nicht überraschen. Die große Menge hat in 40 Jahren ntchtS binzuaelernt und wird auch in den nächsten Jahrzehnten nichts hinzulernen, wenn man sie nicht mit sanfter Gewalt auf die Schulbank drückt. Der träge Mensch glaubt non einmal am liebsten dem, der die geringsten Ansprüche an ihn stellt und chm vorredet, er sei so, wie er ist, ganz recht und brauche durchaus nicht an seiner Entwickelung zu arbeiten. Solche Leute empfinden «S natürlich als Störung ihrer Ruhe, , wenn man Dinge, hi« jeder Spatz von den Dächern pfeift, jo deutlich ausfprichh daß sie es auch zu ebener Erde hören müssen. Daß eS, abgesehen von der Gesühlsfrage, rein verstandesmäßig ganz falsch ist. den praktisch doch zwecklosen Versuch der Vertuschung aller Mißstäude gegenüber Rlchtjuden immer wieder zu erneuern, begreifen dies« Leute nicht. Sie begreifen auch nicht, daß es schon ein Erfolg ist, wenn Antisemiten' überhaupt etwas davon wissen, daß dS deutschsühlende Juden gibt, und wenn st« sogar unsere Aussprüche zitieren, selbst «venn der ein« oder andere ein paar verlogen« Schlußfolgerungen daran knüpft, war übrigens der Abgeordnete Schlange-Schöningen nicht einmal getan hat. Laienpredigr vom Reiferrrerrschen Meine lieben nakionakdeutschen Juden und Ihr, die es werden wollt! Ihr habt recht gehört: auch nakionaldeutscher Jude kann man «erden. Der freilich kann es nicht, der . im tiefsten Grunde des Herzens zwiespältig ist, der auf deutscher Erd« umherftolpert, wie Wilhelm Busch's verdrehter Engländer mit dem nach Osten gerichteten Fernglas vor-dem Auge: Schön ist es auch anders»». Und hier bin ich so wie so. Aber die anderen können eS, die den Keim des Deutschtums im Herzen tragen, nur vtrgraben unter schlechten Gewohnheiten, Vorurteilen und Redensarten. Wie wird man nationaldeutscher 2>de? Nicht indem man ein Blatt Papier unterschreibt, ein Äuf- «ahmegesuch oder ein Postscheckformular. DaS sind gewiß gute«. Dinge, aber nur für den, der schon nationaldeutscher Jude ist. klm «S zu werde n, muß man anders schreiben. Mit dem ehernen Griffel -eS Willens muß man schreiben in das Buch d«S GehirnS: Willst du ein Deutscher sein, so sei eS ganz! Ein kluger Mann hat einst von den Eierschalen hts Ghettos gesprochen, die manchem deutschen Juden noch anhaften. Ich will Euch helfen, etwas von den Schalen abzuftreisen. ES naht die Zelt des Reifens und des WandernS, der Erholung von des Alltags Last und Not. Wohl-dem. der in GotteS kreier Natur vergessen kann, was ihn drückt.. Aber , nicht alles soll man vergessen. Ihr kennt den oft mißbrauchten Satz von der Gemeinbürgschaft aller Juden. In einer Hinsicht, aber auch nur in dieser, enthält er Wahrheit. Was «in einzelner Jude liebleS, Freches. Feiges, Dummes, Geschmackloses tut. der Gesamtheit »er Juden wird eS angekrerdet. DaS gilt doppelt für die Reisezeit: denn draußen fällt jeder Fehler doppelt auf. Der Mensch sieht schärfer, der von den Sorgen dej Alltags entlastet Ist. Vergebt auch draußen nicht, daß «» in Deutjchland etne Iudensrage gibt. Nicht allekann ich heute sagen, waS mir auf der Seele liegt. Bon den schwersten Sünden, von der Sünde wider de» heiligen Geist d«S Deutschtum« ein anderer Mal. Rur der kleinen Feriensündeu sei heut, gedacht. Manckek ^«-ch sage. «chkA gen wie «in harmloser Spaß, nm 1° besser, wenn Ihr »«»«r Welt. Man vergißt nicht s» selcht, ^worüber man einmal ge- Der Du «in Deutscher «ein willst, sp deutsch! Mauscheln ist keineswegs daS Kennzeichen eine» gefühtttreoen Judentums, sondern d<tt tiner schlechten Lrüedang- . Wird die deutsch« Sprach« wirklich «icher und «ttdrucksfähtger. wenn Du Brocken eines verunstalteten Hebräisch hinetmnengst? Ist e« nicht äberheblich und undeutfch zugleich, wenn Du mtt Spaß!' oder .Zustand!' abtust, wa» Dsr keinen Eindruck macht? Auch die Gab«, dl« Du einem Bettler! reichst gewinnt nicht an Wert, wenn Du «in bedauerndes .nebbich' htnzutust. Du willst voll genommen werden als Deutscher «tnter Deutschen. DaS ist Dein gutes Recht. Aber stimmt e« dazu, wenn Du daS, was Dir ausnahmsweise dehagt, nur .allen jüdischen Kindern gesagt wissen willst?! Dränge Dich nicht vor! Wer seiner selbst sicher ist weiß sich etnzuordnen ln Reih« und Glich. Nur der Emporkömmling will immer der erste sein. Keine Aufgeregtheit, kein« .jüdisch« Hast', kein ewiges Haschen nach Beachmmg! Du machst ausgezeichnet« Witze, — oewtß. Ader ist eg notig, daß der Schwerkranke am anderen Ende d«S Saales sie! hört? Und wenn Du ins Auto, steigst, mustre nicht die ganz« Straß«, ob man Dich auch bemerkt. Man blickt ohnedies aoü hem Fenster, wenn man lärmen hört. _ Prahle und protz« nicht! Wer sich seines Wertes bewußt ist, braucht ihn sich nicht von anderen bestätigen « lassen. Sprich nicht immer von Deinem Beiter, hem berühmten Professor Es ist nicht Dein Verdienst, Verwandt« zu haben, die mehr geleistet haben, als Du. Und sprich auch! nicht immer von Deiner Billa, selbst wenn Du sie wirklich hast. Wer dat Geld mit vollen Händen hinauswirft, erweckt den Verdqcht, zum jüdischen Zweig der Familie Raffke zu gehören. Nhr junger Reichtum verschwendet, alter pflegt mit Würde sparsam za sein. Dränge Dich nichtauf! Es ist gewiß nicht gut. wenn Du Deinen Verkehr nur aus Juden beschränkst. Ar und vor allem Deinen Kindern kann es nur dienlich fein, zu erkennen, daß eS in Deutschland auch Christen gibt.! Aber darum laufe den Christen nicht nach. Such« Dir zum Verkehr Menschen von anständiger, deutscher Gesinnung und anständigen, deutschen Manieren, gleichviel, ob sie Juden oder Christen lind. Halte Deinen Tischnachbarn nicht gleich für «inen .Antisemiten', wenn er nicht, schon am ersten Tage stundenlang mit! Dir plaudert. Es gibt Leut«, die zur Erholung reisen. Wenn yr Deiner Gegenwart von Juden gesprochen wird, stelle Dich nicht,! als ginge eS Dich ntchtS an, aber denke daran, daß falsche Empfindlichkeit nicht minder würdelos ist, als Dickfelligkeit. Setzest Du es durch, daß über die Iudenfrage ruhig und sachlich gesprochen wird, so hast Du «in gutes Stück an der Brücke zum anderen! User gebaut. Aber last« es nicht zu, daß man Dich als .Ausnahyre^ ampricht. Und nun zu Euch, lieb« Frauen! Dle Krone dev Schöpfung nennt man Euch. Gebt Acht,! daß aus der Krone nicht eine Narrenkappe werde. Dirndlkleider werden unglaubhaft, wenn man echte Perlenketten darüber und seidene Strümpfe da>- runter trägt. Und es ist keineswegs ein Zeichen jüdischer Selbstentwürdigung, wenn Ihr zugebt, daß Eu e Nasen nicht immer zu Troler-Kostümen paffen. Aber der K'eiderteusel ist nicht der einzige Versucher. Wenn Du, teure Hausfrau, von Deinem Mann Geld brauchst, laß «S Dir nicht gerade im Epeisesaal geben. Man hält Euch ohnehin für vermögend, nachdem Ihr gestern Gänsebraten gegessen habt. Und halte auch licht Deinen Siegfried für den artigsten und hübschesten Jungen der Weltz-1 Glaube mir. Deine Nachbarin findet ihn ebenso unerträglich, wie Du ihren Horst.! Der Seher winkt mir, liebe Zuhörer. Genug für heute. Nicht wahr. Vieles, waS ich Euch sagte, klang wie harmloser Spaß? Aber denkt einmal nach, vielleicht finde! Ihr den Ernst heraus. Und wenn Ihr ihn findet, dann möget Ihi selbst zu Laienpredigern werden, zu Missionaren des Deutschtums, der selbstsicheren Zurückhaltung und des guten Geschmacks. Geh« t hin und prediget! Ambo. Mitteilungsblatt. Wir erhallen Immer wieder Klagten darüber, daß Mitglieder daS Mitteilungsblatt nicht erhalten haben wollen. Vielfach wird Unachtsamkeit d«S Mitglieder selbst odet seiner Hausgenossen die wahre Ursache sein, j Die Mitteilungsblätter werden von der Post gewöhnlich in dit gleichzeitig zugesteltten Tageszeitungen hinetngeleat und häufig M den Betlagen dieser Zeitung achtlos weggeworsen. Ist «in Bla« tatsächlich bei der Po k verloren gegangen, so nützt nur Beschwerde bei der für di« Be keünng »ständigen Pofianstatt. Durch Beschwerden bei der Ge chäftsstelle und deren Beschwerden b«i dem Poffzeitungsamt entstehen Kosten, die meist zwecklvS sind.-I Dle Schrtsll- ««-»tw-rtlich-r Schriftlai«: »r. Wo» D-V-Xvn». a»->»««>ch»r,. »rxi: ««l» » 0,7.