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Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V. · 1922-05-01 · 5 (Mai/Juni 1922) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
Volume
1922
Issue
5 (Mai/Juni 1922)
Date
1922-05-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Der deutsche Rabbiner und das! Deutschtum. i , Bon Studienrat Dr. FritzWachsner. Irgendeine jüdische Gemeinde ha^ wieder einnial die Freude, einer Anzahl Knaben in feierlichem Gottesdienst die religiöse Vollberechtigung zuzusprechen. Der Rabbiner setzt ihnen in erhebender Rede auseinander, sie hätten sich nunmehr stets als „Söhne der Pflicht"! zu betrachten. Bon den „Pflichten gegen die Gemeinschaft" spricht er, „in die hinein man geboren ist und der man sich nicht freventlich entziehen darf". Er erwartet von seinen jüngsten Eemeindemitgliedern, Hag jetzt lebenslänglich die Liebe zum Judentum für ihr Tun und Lassen entscheidend bleiben wird. Das ist wohl der Ton, auf den die Mehrzahl unserer Predigten eingestellt ist. Schöne Worte, meisterlich gestellt und vorgetragen, ein Genuß für „andächtige Hörer", denen an der Erbauung alles liegt und! wenig an der Belehrung. Die Irgend aber, nicht nür die an Lebensjahren, befriedigen sie nicht. Sie verlangt klare Auskunft über die Pflichten, die ihr jene Gemeinschaft'auferlegt, deren Namen der vorsichtige Prediger nicht genau zu bezeichnen wagte, Klarheit , auch über deren Verhältnis zu eigentn Gefühlen, die ihr sagen, daß es auch außerhalb des Judentums Dinge gibt, die der hingebenden Liebe der Besten wert sind. Mehr gibt der Jugend schon ein wesentlich anders gerichteter Prediger, der sich stark genug fühlt, schne wirklichen Empfindungen zu bekenrien. Der spricht weniger von der Gemeinschaft, als viel mehr vom „Bolk", dem anzugehören hohe Ehre fei, nachdem es sich Jahrhunderte hindurch, von Not und Tod umtobt, bis heute erhalten habe. In der Stärkung des „jüdischen Volkstums" erblickt er eine Hauptaufgabe seines Standes; sie allein gibt ihm Gewähr für die Erfüllung der Gebote seines Glaubens , - . Ein Ideal taucht vor den Augen vieler junger Menschen auf, das ihnen der zuerst genannte Rabbiner nicht vorzuzeichnen wußte. Ihm mit Herz und Hand zu dienen, erscheint nicht wenigen verlockend, schon tyeil es sie in weite Fernen führt, in ein Land, umgeben von der Mystik des biblischen Sagenkreises, deren Schleier zu lüften reizt, selbst wenn schwere Arbeit Und Entbehrungen aller Art nicht ausbleiben sollten. Und haben die Geister, denen man andere Nahrung aus eigener geistiger Armut vorenthielt, erst einmal für ein Ideal Feuer gefangen, welches es auch sei, so stürzen sie sich hinein in den Strudel, ohne vipl zu prüfen, ob die gedachte Tätigkeit überhaupt ihrem inneren Empfinden entspricht. Die Lehren aus dem Munde des sie bestrickenden religiösen Lenkers, dem sie unmöglich, mangelnde Kenntnis oder gar unlautere Gesinnung ' zutrauen können, sind ihnen unfehlbares Gebot. Besser als lange AbhandlurHen zeigen diese zwei alltäglichen Beispiele, welche Macht in der Hand des Rabbiners liegt, wie er es vermag, seine Gemeinde und vornehmlich dib Jugend in jeder Richtung zu führen,! die er selbst vertritt. Und wohin führt er die Jugeud?! Der Rabbiner unseres ersten Beispiels, der nur von der! -.Gemeinschaft" sprach, ohne Religion und Volkstum gegen einander abzugrenzen, führt sie in Unklarheit pnd j Verwirrung, Er gibt ihr eine Frage auf den Weg statt! einer Antwort, und lebenslängliche Haltlosigkeit, verworrene „Zwischenschichtlerei" ist das Los derer, die ihm folgen. In unserem zweiten Beispiel hat der Beauftragte Gottes die Grenzen seiner natürlichen Sendung weit überschritten. Sein Gebiet ist die Religion. Auf religiösem Gebiet soll der Kenner des Schrifttums und der Ueberlieferung als Autorität gelten; er soll sich für den sittlichen Hochstand seiner Gemeinde verantwortlich fühlen und mit seiner ganzen Persönlichkeit eintreten. Kennzeichen jeder wahrhaft großen Religion — und zu ihnen gehört das Judentum, die Stammutter aller monothennschen Glaubensformen, in erster Linie — aber ist es, daß sie nicht Erbeigentum des Volkes bleibt, dem sie ihre Entstehung verdankte, sondern über die engen Grenzen von Raum und Zeit, die das Volkstum bedingen, streit hinausschreitet. So kommt es ja, daß in der Sitchnlehre alle hochstehenden Religionen übereinstimmen!ohne Untereschied ihrer Herkunft, und daß sich hier die gebildeten Menschen aller Völker trefflich verstehen können. Mit der Religion hat heute^er Begriff des jüdischen Volkes nickt mehr das mindeste zu tun. Wer diesen Begriff benutzt, darf seiner nur in historischem Zusammenhang gedenken, sonst treibt er bewußt oder unbewußt Mißbrauch der Religion zu politischen Zwecken. Muß ehre solche Hineinz^rrung der Politik in die Religion am sich schon als eine bedauerliche Geschmacksverirrung gelten, so wird sie im Munde eines Geistlichen geradezu zum Verbrechen. Wir jüdischen Deutschen verbitten es uns, daß man unseren Kindern e i chzu reden sucht, sie gehörten einem asiatischen Volke an, dessen Sprache ihrerjZunge nicht liegt, auch wenn man sie nach jahrhundertelangem Verlust der Selbstständigkeit künstlich modernisierte. Unsere Kinder sollen sprechen, „wie! ihnen der Schnabel gewachsen ist" und das ist Gott sei Dank deutsch. Sie sollen ebenso empfinden, so lange sie leben, und sich nicht beschwatzen lasten von! den trüben Missionaren eines politisch und gerade!darum unreligiös gewordenen Judentums. Eine Religion, die uns die Abkehr von unserem natürlichen Empfinden als vollwertige Mitglieder der deutschen Kultur auferlegen sollte, könnten wir nie und nimme^ als verbindlich für uns anerkennen. Zur Ehre der jüdischen Religion aber sei gesagt, daß in ihr selbst für derartige Ungeheuerlichkeiten keinerlei, Grundlage gegeben ist, und auch das Gebühren einer Anzahl ihrer verantwortlichen Lehrer und Prediger wird an dieser' leicht belegbaren Tatsache nichts andern. Werden doch diese Herren selbst von den eigenen Anhängern oft genug Lügen gestraft, die immer wieder verkünden, daß der Zionismus an seine Getreuen keinerlei religiöse Anforderungen st ellt. Aber noch heute betet man in allen deutschen Synagogen regelmäßig für das Wohl des deutschen Reiches und Volkes; genau wie in den christlichen Kirchen. Und auch heute noch würde sich keine Gemeinde etwa von einem anders gesonnenen Rabbiner bieten lasten, daß er dieses den meisten Mitgliedern besonders heilige Eebetj unterschlüge. Die Liebe zum Vaterland ist der großen Mehrzahl der deutschen Juden längst religiöses Geböl geworden, das sie mit Eifer zu erfüllen strebt, selbst wenn ihr das von Fanatikern in ihren eigenen Reihen wie von solchen anderen Glaubens noch so schwer gemacht wird. Aber eben deshalb können wir auch verlangen, daß unserem Rabbiner selbst das Gebet für deutsches Reich und deutsches Volk nicht nur Lippendienst sei. Will er die Lehren der Religion in verständiger Weise auf politische Fragen amoenden, «r darf er es nach unserem selbstverständlichem Empfind«, nur, um das Wohl'des Volkes zu fördern, dem seine!Gemeinde angehört, also des deutschen. Ein jüdisches Volk kennen wir nur aus den Geschichtswerken und Sagen und für die Phan- 2

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