Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1922
- Issue
- 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Einheitsfront? Bon Dr. Bruno Rosenberg Dem Verbände nationaldeutscher Juden wird von seinen Gegnern vorgeworfen, daß er die „jüdische Einheitsfront" sprenge. Dieser Vorwurf übt ohne Frage eine starke Wirkung auch auf . solche Juden aus, die gefühlsmäßig vollkommen mit unfern Bestrebungen übereinstimmen. Unter all den Waffen, mit denen der Verband bekämpft wird, ist diese unzweifelhaft diejenige, deren Glanz den Aengstlichen am meisten schreckt und vor der er sich mutlos zurückzieht, ohne-zu prüfen, ob ihre Schärfe und Durchschlagskraft auch, dem dialektischen Eefunkel entspricht, durch das sie ihn blendet. Der Begriff einer „Einheitsfront" wurde in Deutschland -zu Beginn des Weltkrieges gebildet. Er seht voraus, daß eine innere Bindung die in gemeinsamer Front Kämpfenden Zusammenhalte, und daß ihre Waffen sich gehen einen gemeinsamen, klar erkannten Feind richten. Beides traf damals in Deutschland zu: I Die innere Festigung war gegeben durch das mächtig aufflainmende Nationalgesühl, für den äußeren Druck ' sorgten die rasch aufeinander folgenden Kriegserkläungen. Wie steht es nun mit der unermüdlich geforderten jüdischen Einheitsfront der Gegenwart? Worin ^besteht das innere Band, das geeignet ist, sie zusammenzuhalten? In der gemeinsamen Religion? Nein! Denn die deutsche Judenheit umfaßt alle Schattierungen des Glaubens, vom Freidenker angefangen über die Mitglieder der Reformgemeinden bis zu solchen, die in unerschütterlicher Treue an dem Offenbarungs-Glauben und dem Kult ihrer Urväter hängen. In einem gemeinsamen jüdischen Nationalgefühl? — Nein! Denn Zionisten und entschiedene Jüdischnationale fühlen sich als Mitglieder einer jüdischen Nation, deren Kern in Palästina zusammengeballt werden soll, während die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden mit größerer oder geringerer Gefühlsstärke, mit mehr oder Minder starker Entschlossenheit ihre unauflösliche Zugehörigkeit zum deutschen Volke betont. Ist es nötig, noch besonders hervorzuheben, daß auch wirtschaftlich nnd politisch verschiedenartigste Anschauungen die deutsche Judenheft durchsetzen und zerrütten? Es gibt in der Tat mrr eine einzige Bindung, die alle deutschen Juden umfaßt: das Bewußtsein einer um Jahrhunderte oder Jahrtausende zurückliegenden gleichartigen Abstammung und einer bis in die Neuzeit hineinreichenden , Schicksalsgemeinschaft. Es kann nicht geleugnet werden, daß diesem Bewußtsein ein Gefühlswert zukommt. Aber ist er stark genug, um einen Zusammenschluß aller! deutschen Juden nicht nur zu fordern, sondern auch über! alle Gegensätze hinweg aufrechtzuerhalten? Ist dies! Wißen stärker, verpflichtender, als beispielsweise das! der „französischen Kolonie" in Deutschland, die mit einem gewissen Stolz die Eigenart ihres Wesens pflegt, ohne im entferntesten daran zu deuten, sich in eine französische Einheitsfront einreihen zu laßen? — Alle diese Fragen müssen, wenn man ehrlich ist. für die Mehrzahl der deutschen Juden verneint werden. Von unseren Gegnern wird bei Begründung ihres Vorwurfes, der Verband nationaldeutscher Juden sprenge die jüdische Einheitsfront, in der Tat auch weniger auf eine etwa vorhandene innere Bindung hingewiesen, als auf die Notwendigkeit, dem äußeren Feinde, das heißt dem Antisemitismus, geschloffen entgegen zu treten. Unzweifelhaft hat die Forderung, alle - Juden müßten sich, solange es noch einen Antisemitismus gäbe, zu gemeinsamer Abwehr gegen ihn verbünden, etwas außerordentlich Bestechendes. Wie steht es nun in Wahrheit damit?! Ebenso wie die Juden, so zerfallen auch die Antisemiten in verschiedene Gruppen. Unser entschlossenster und heftigster Gegner ist der Hakenkreuz-Antisemitismus. Aber nicht einmal er stellt eine vollkommen gleichartige Maße dar. Seine Anhängerschaft setzt sich zusammen aus fanatischen und unbelehrbaren Rasse- Politikern, aus Psychopathen, gewissenlosen Geschäftemachern und in die Irre gegangenen Idealisten. Es wäre töricht und gefährlich, den starken Einschlag echter und selbstloser Begeisterung zu leugnen, der in der deutschvölkischen Jugend lebt. Ihr ist der Antisemitismus nur ein Mittel, die Not des geliebten Vaterlandes zu lindern: blind vor Schmerz über die erlittenen Demütigungen folgt sie dem Rufe derer, denen sie — gleichviel, ob mit oder ohne Berechtigung — nun einmal ihr Vertrauen geschenkt hat und die versprochen haben, ihr den Weg ins Freie zu zeigen. Daß dieser Weg nicht in die Helle einer freudigen Zukunft führt, sondern immer tiefer hinein in Nacht und Zerrüttung, kann und will diese Jugend heute nicht erkennen. Das ist schmerzlich für uns Juden, verhängnisvoll für unser Vaterland. Aber kann man einen Irrtum anders bekämpfen, als durch unermüdliche Belehrung? Glaubt man Begeisterung ersticken zu können durch Bildung einet drohenden Abwehrfront? j Es sei zugegebest, daß sich unter den Hakenkreuz Antisemiten eine große Anzahl gewißenloser, teilweise auch krankhafter Radaupolitiker befindet. Ihnen gegenüber wäre eine einheitliche jüdische Abwehrfront ohne Zweifel berechtigt, wenn sie . . . notwendig wäre. Aber haben nicht/Erfahrungen früherer Jahre gelehrt, — ich erinnere an Ahlwardt und den Grafen Pückler — daß solche Parteigruppen am besten der eignen inneren Fäulnis überlaßen werden und daß sie mit um so arößerer Sicherheit in Zersetzung übergehen, je weniger man diesen Prozeß durch äußer/ Einwirkung stört? Immerhin wäre die Forderung einer jüdischen Ein heitsfront diesen Leuten gegenüber noch am ehesten annehmbar, und wir haben nfe Zweifel darüber gelaßen. daß der Verband nationaldeutscher Juden sich im Augenblick einer von dieser Seite kommenden wirklichen Gefahr selbstverständlich seinen gefährdeten Stammesgenoßen zur Seite stellen wird. Aber man verlangt mehr von uns; man fordert die Bildung einer Einheitsfront gegen jdcn „Antisemitismus" schlechthin. Haben diejenigen, die ein solches Pro- . gramm aufstellen, sich jemals hie daraus mit Notwendigkeit entstehenden Folgen klargemacht? . Der landläufige Antisemitismus hat gegenwärtig alle Schichten des deutschen Volkes durchseucht. Gewiß — es gibt Unter^iede. Es gibt einen parteioffiziösen Antisemitismus, der im politischen Programm seine Stelle findet, und es gibt einenlsolchen, der dem Parteiprogramm zuwiderläuft und sich nur in passiver Resistenz und in gesellschaftlicher! und beruflicher Ablehnung zeigt. Aber in welchem Gewände auch immer, — vorhanden ist er überall. Ich habe mit Führern der demokratischen und Mitgliedern der kommunistischen Partei gesprochen — von den i Anhängern der Rechtsparteien ganz zu schweigen —, und sie haben meine Behauptung bestätigt. Eine! Kampffront zu bilden gegen den Antisemitismus schlechthin heißt deshalb im Augenblick nichts anderes.jals der Gesamtheit unserer nichtjüdischen ^Mitbürger den Krieg erklären. An diqer Tatsache wird nichts geändert dadurch daß dieser Krieg ein Verteidiaungs- und kein Angriffskrieg wäre Ein solcher Entschluß -2 l