Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1921
- Issue
- 3 (Dezember 1921)
- Date
- 1921-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/5438908-5438609-5438736--038-4871036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
cm nationale Erweckungearbeit zu leisten und können dieser Aufgabe naturgemäß nicht ander« als unter nationaldeutscher Flagge gerecht werden. ' Aber auch internationale Sinnesart hat, mehr altz gut ist, Deutschen Judentum Fuß gefaßt. Kein vernünftiger" Mensch wird gegen die Pflege internationaler Beziehungen auf dem Gebiete von Kunst und Wissenschaft, allgemeiner Menschenliebe, überstaatlicher Zivilisation (Verkehr, Rechtshisse, gegenseitige Unterstützung in der Ordffung des äußeren Zusammenlebens der Völker) etwas einwenden wolläi; wir haben bis zum Kriege davon eher zu wenig als zuviel'gchabt. Aber wir Deutschen und wir deutschen Juden insbesondere unterliegen der Gefahr, diesen internationalen Rücksichten auch auf Bezirke unseres Lebens Einfluß zu »erstatten, auf denen sie nichts zu suchen haben. Unser staatliches Eigenleben durchaus nach fremden Mustern einrichten zu wollen, weil deren Nutznießer sie als die höchste Blüte menschlicher Erkenntnis rühmen, führt zu furchtbaren Jrrtümesn, die schmerzlichste Gegensätze innerhalb de« Volkeganzen aufreißen müssen, führt zur 'Mißachtung und dadurch zum Verlust eigener nationaler Besitztümer, dir uns kein« ^Nachahmung von jenseits der Grenzen herübergeholter angeblicher Ideale ersetzen' kann. Die Neigung unstrer Stammesgenossrn, Naheliegendes überscharf zu kritisieren und dafür feiernde Kulturgüter in urteilsloser Bewunderung als' allein'sel!ig machenden Besitz anzuprrisrn, hat durch " den schrecklichen Ausgang de« Krieges noch eine unheilvolle Steigerung erfahren —' und so sehen wir uns mit jedem Tage mehr der Gefahr ausgesetzt, für alle« upd jedes, was dem deutschen Voll!« jetzt Ueble« widerfährt, verantwortlich gemacht zu werden. Die traurigen Erfahrungen der letzten Jahre haben freilich manchen unteri uns schon von der Neigung zum Ueberradikalismus kuriert; man sieht doch nach und nach wieder ein, daß diese Geifiesrichtung nur zu zerstören vermag, und daß wir auf dem Wege, den sie uns führt, nur zur völligen Selbstvernichtung gelangen können. Aber e« bedarf, um diese verderbliche Geistesrichtung erfolgreich zu, bekämpfen, auch tptiger Gegenwehr von Seite derjenigen, die sich die deutschen Durzcln ihres Seins nicht von wirklichkeitsfremden Internationalisten durchschneiden lassen wollen. 'Dieser Gegenwehr soll d< r Verband nationaldeutscher Juden in erster Reihe dienen. In diesem Zusammenhang ist der Name, den er sich gegeben hat, zu verstehen. Er will nicht trennen, was zusammengehört, sondern wieder zusamn,erführen, was unnatürlicher Weis« getrennt worden ist. Im übrigen scheint man sHch mittlerweile an gewissen Stellen doch von der Unbedenklichkeit »nationaldeutscher* Bestrebungen überzeugt zu habest. Denn in der öffentlichen Kundgebung des Zentralvereirts deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vom 29: November ly2i. ist diese Bezeichnung ganisation;»gesprochen worden, die dem Zentralverein oder wenigstens voti ihm als eine befreundet^ OrganiÜltton^bichandell wird: dem K. (5 , der großen Bereinigt, nä deutscher Studenten jüdischen Bekenntnisses, Herr Dp. Hollaender war so freundlich, ihr zu bescheinigen, daß sie »auf nittionaldeutschem W»den* steh«, womit wohl als s zugestanden gelten kann, daß ein deutscher Jude sich als nationoldeutsch bezeichen kann und doch nicht reaktionärer einer Gesinnung oder abscheulicher Bedienlenhaftigkeit gegenüber* völkischen oder anderen Antisemiten vei dächtig zu sein braucht. Danach wird der Verband nationaldeu scher Juden in Zukunft vor Mißverständnissen, di« an seiren Namen anknüpfen könnten, ganz gewiß geschützt sein. ,! . Hr. S. Breslauer. Der Verband national deutscher Juden und die jüdische Jugend. Von Han» Wetn her«. Vordem er k«»g. Dieser von einem Sechzehnjährigen geschriebene Bussah ist nicht im eigentlichen Sinne das Werk eine« Jugendlichen. Der Deifaffer sieht mit staunenswerter geistiger Reife, die trotzdem nichts Altkluges und Großsprecherisches hat, das Problem der Jugendarbeit ganz und gar vom Standpunkt« des »Erwachsenen*, er sieht es nicht von innen heraus, sondern von außen her an. Wenn wir ihm auch nicht in alleä Punkte» beipstichten können, gibt sehr Aussatz doch sehr wertrolle Anregungen, dl« hoffentlich eine fruchtbare Erörterung der Jugendfrage zur Folge haben werden. Die Schriftleitung. Ohne Umschweife will ich di« Hrage formulieren, die hier entscheidet. Die Jugend will Ideale vor sich sehen, will Ideen, di« sie tragen. Ist der Verband fähig, ihr ein solche- Ideal zu geben? Die Idee, die der Verband für den deutschen Juden proklamiert, ist das deutsche Wesen, der deutsch« Geist. Eine Idee verlangt Liebe und Hingabel Ist diese Idee für den jungen deutschen Juden von heute realisierbar? Kann er den Deutschen mit rückhaltsloser und vorbehaltsloser Herzlichkeit lieben? —! Die Entwickelung des Judentums ging in allen Kulturstaaten im letzten Ährhundert aus dem Ghetto ^ur Freiheit, zur wenigstens formellen Gleichberechtigung. Das Ghetto bedeutete die Isolierung; nach stiner Überwindung begann der Jude am Wohl und Webe seine! Wohnlaube« teilzunehmen. In Deutschland wurde des Judrn ilrt immer deutscher. Hatte Heine noch verhältnismäßig Weniges vom Deutschen zi^stch" ausgenommen, so schreibt Jacob s Vassermann schon in nahezu völlig deutschem Geiste. Ist .seines Liebe zu Deutschland noch von Hohn über Mängel, Phi isterHastigkeiten, die er am Deutschen findet, begleitet, vermag Wassermann schon darüber hinwegzüsehen und den Deutscher zu lieben, wie er ist und sich nicht Sndern^wird. Die Juden in. allen Ghettos rüher waren sich fast gleich. Abgesehen von wenigen, freilich zroßen Ausnahmen (ich erinnere an die Juden von Amsterdan 1) in der äußeren Entwickelung zurückgehalten, verarmten sie innerlich und die geiche Not gab ihnen ein gleiche« Gesicht. I ZHr Blick ging über Bibel , und Talmud nicht hinaus. Befreit, begannen sie sich dem Wesen, der geistigen Einstellung der -Wohnländer anzupaffen. Das geschah von selbst, -ohne, daß es nötig war, es zum Programm zü erheben. Welchen, Juden, welchem vernünftigen Menschen in der Lag« der Jüdin wäre es denn beigefallen, dm sich mit einem Male darbietenden inneren Reichtümern di«.Pforten zu verschließen, mit der Bibel- und Talmud- Weisheit^ des Ghetto« sich kegnügen zu wollen, wmn mannigfach« befruchtende Anregung seiner harrte? Ja dem Maße, wie der deutsche Jude aus seiizer Isolierung als Jude heraustrat, wukde er deutscher, wuchs sein« Liebe zum Deutschtum. In He n Maße, in dem seine Liebe zum Deutschtum wuchs, trat d» Jude aus seiner Isolierung heraus. Eines bedingt das arberr.