Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1935
- Issue
- Nr. 9/10 - September/Oktober
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 102 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht gelten. Blätter und Bilder dieser Art sind ja zumeist wegen <ler Seltsamkeit, -der Besonderheit dps Gegenstandes geschaffen worden, zuweilen auch mjit der Absicht des Spottes, des Hohnes, der Sehmähung, wie etwa <)ie Darstellung eines' betenden Frankfurter) Handels-Juden voii Jacob Homburg (ca. 1780), eine| Darstellung, bei der die Schmähung weniger im Bilde selbst als in der Unterschrift ausgesprochen wird. — Ist es wohl überhaupt möglich, die Innigkeit, die Inbrunst .des Gebets darzustellen, ist es möglich, das Spezifisch-Jüdische eines Betenden zu erfassen i^nd im Bilde zu gestalten? Außer Adolf Menzel, der inj einem' leidenschaftlichen Bilde einen im Gebet ringenden Juden am Versöhnungstag dargestellt hat, haben sich vornehmlich jüdische Künstler um dieses Problem bemüht und zwar in zwiefacher Gestaltung. Die einen zeigen den- Betenden bei gestimmten religiösen Handlungen, wie Jozef Israels b^im Kiddiisch, Hermann Struck bei Habdalah. oder zeigen ihn mit den traditionellen Symbolen, ■mit Gebetriemen und Gebetmantel, wie Laboschin, Stanislaus Bender, Leopold Gottlieb» auch flermann Struck, Marc Chagall und Leseer Ury. Aber seltsam!; Je stärker tlie Zeremonie, das Ritual betont wird, desto mehr veräußerlicht die rleligiöse Empfindung —i wie in der Wirklichkeit so in der künstlerischen Wiedergabe. Wenn Gebetriemen urid Gehäuse, wenn Gebetmanitel und Schäufäden in ^Mißtischer Treue im Bilde .erscheinen, so verweilt das Ai^ge bei diesen symbolischen Dingen und dringt nicht ein in die seelische, in, die (religiöse Welt, die dem Maler (solcher Bilder vielleicht selber nicht aufgegangen ist. ^"o aber die Zeremonie, die rituale Gestalt des Gebets als Ausdrueksfomi der religiösen Handlung, des religiösen Erlebens in der gangen Tiefe mit frommem Schauder empfunden wird, da verschmilzt das Gegenständliche mit dem Geschehen i u einer unlösbaren Einheit, (Ja wird die äußere Erscheinung aus der Erschütterung. der Seele igeboren. Es bedarf da nicht der leidenschaftlichen Bewegung und dss wilden Aufschreis', wie in Menzels Bilde, auch aus mhiger Haltung vermag religiöse |Ekstase' zu strömen, wie m betenden Juden-von Mar Chagall. Hier werden die Symbole des Gebets, T'fillin,, Tallit, Zizith, vom Körjiär förmlich aufgesogen: sie geh|ören zu diesem Körper, zi dieser Hand, zu diesem Arm,> zu diesem Kopf und ki inden nichts anderes,^als was der nur leicht und doch in Leidenschaft geöffnete Mund, was dieses ekstatische Antlitz ausströmt. Ähnlich ^st auch in Le«6er Urys let* er Schöpfung Gebetmantel un4 Käppchen mit Kopf und Körper des Betenden zusaiümengeschmolzen, und wi » eingeschmiedet ruht in den Händen das kleine Büchlein, über das die Augen hinwe^gleiten, müd’ und milde. Doch derselbe Meister hat —jeinige Zeit vorher — noch einen andern betenden Juden gemalt. Auf traditionelle Dinge ist fast völlig verzichiet: ein kleines Käppchen auf dem Schädelj, ein aufgeschliigenes Buch am unteren Rande,;— aber welche grand ose Erscheinung — eine Vision! Aus1 unergründlicllem Dunkel steigt die Gestalt empor, strebend zum Licht. Hell fällt es auf das mächtige'Stimgewölbe — als hätte die Sehechina auf ihr sich nijedergelaBsen, fällt auf die Schultern und auf das Buch am Rande der Tiefe — der Tiefe, aus der das Gebet um Rettung emporsteigt: „Mimmaamakim korossicho“' (Aiis'j der Tiefe rufe icl zu Dir)! Es ist nicht einer der betet, sondern es bet :t in ihm, nicht einer, der Rcligio^i übt, slondern hier wird Religion unmittelbar geboren, aus dem Urquell, au i der erschütterten, bedrängten Seele. So wird dies X' erk ebensosehr eine religiöse Schöpfung, wie es eine, künstlerische ist. Beides strömt i ineinander, weil es einer Einheit, der Einheit der Menschenseele entströmte. In solchem Werk tritt die Form zurück hinter dem Inhalt, die äußere Gestalt vergehwindet vor dem inneren Gehalt. So hat auch Lieberinann ini einer Zeichnung einen betenden Juden verwirklicht.!Nur ein Bündel .wirrer Linien — sie fügen (sich dennoch zu einem gekrümmten Rücken, zu Armen' und Händen, die zitternd ein Buch halten, zu einem Köpf, der tief und tiefer sich •il_ l T,” l 1 _1. ,L * . 1_:•___• 1. über das Büchlein senkt — l und die Welt vergessend. inbrünstigem Gebet, sich Leine Fcjrm mehr! Hier hat der Geist die Form verhichtet, ein Blatt, in dem vielleicht Liebermanns große Seele am unmittelbarsten sich offenbarte. j; i i i IX er je einen jiidischeii -Greis hat beten sehen, hat mehr von jüdischem Schicksal erfahren, als aus Büchern und Schriften und alten Dokumenten. Das betende jüdische Antlitz ist dem {Künstler wahrhaftes Dokument vom jüdischen Schicl{s|ale. Ich sah solch einen greisen Juden betend — er hatte das hundertste Jahr überschritten —; still stand (er ohne Stütze, nur wenig geneigt über .sein Buch, dessen Zeichen die trüb gewordenen Augen nicht zu erkennen vermochten. Aber er betete: „Seine Lippen bewegten sich, seine Stimme ward nicht gehört“. Unbewegt schien der Körper wie das Antlitz, aber dennochrj-ts betete in ilim. All die Furchen und Falten im Antlitz des Hundertjährigen schienen leicht zu vibrieren, als beteten sie mit, als erzählten sie von Not und Quäl, vom ewigen Leid eines gehetzten Volkes. Der Blick, ganz nach innen gezogen, schon von dieser Welt gewendet, hatte doch noch seherische Kraft, und aus der ganzen Gestalt Strömte Zuversicht und Hoffnung, die Hoffnung jedes betenden Juden, „daß voll werde die! ]Srde der Erkenntnis Gottes wie die asser, die den Me« resboden bedecken.“ i mjaU t Druck: Graphische Itumui Arnold Weylaodt C. m. b. H. Berlin SO 16, Eigener Verlag der I [ungeetr. 19. D.A.I11.1C0C0. VerantwortlidierSchriftleiter. G roftloge U. O, B. B., Berlin W 62, KleisutraAe 12 Daniel Berjnatesn, Bln.-Wilmeredorf