Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1934
- Issue
- Nr. 6/7 - Oktober/November
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 76 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Kulturbedeutung des jüdischen Hauses Von Else R a b i n, Breslau. Die Erlebnisse der letzten Zeit koimten nicht ohne starke Einwirkung auf die Seele des deutschen Juden bleiben. Unbeschadet der Verbundenheit mit deutschem Geist mußte ilm das Gefühl der Entwurzelung in der Umwelt ängstigend befallen. ' Gleich aus welchem Motiv -— Trotz, Vereinsamung oder wahrhafter Erkenntnis vom Wert des neu Begehrten — der deutsche Jude unserer Tage sehnt sich nach einer jüdischen Kulturatmosphäre. Wie in der weiteren Gemeinschaft, so sucht er in dem engsten Kreise das spezifisch Jüdische, ihm wahrhaft Gehörende, seiner Art Gemäße,! sucht und findet oft nicht und leidet, mehr oder weniger] sich der Ursache bewußt, unter der trostlosen Leere feines Hauses. Denn was hatte er errungen? Im besten Falle ein durch ästhetischen Fermsinn und künstlerische Neigungen kultiviertes Heim im Luxusstil, das sich allen neuzeitlichen Ideen, durch Menschen oder Bücher vertreten, willig geöffnet hatte. Im schlechtesten Falle die zufällige Herberge ideenloser, ja materialistischer Menschen, die inmitten der mühselig mit allen Geldopfem erzwungenen Kopie einer vornehmeren Lebensephärc als geplagte Sklaven der Erhaltung ihres Lebensstiles;in banales Dasein führten.- Als die äußere Welt sich versagte, und das Herz dem efgenen zustrebte, wurde der Denkende sich der schmerzlichen Entdeckung bewußt. Es gab Juden in Villen und i^iodemen Komfortwohnungen, aber es gab wenig jüdische Häuser. Man war aus einem Gut, das den Ahnen £n Not und Angriff eine feste Burg ihres jüdischen Se^ns gewesen, gleichgültig hinausgeschritten und hatte die strenge Form des jüdischen Hauses als überlebte, vorsintflutliche Eigenbrötelei enger Geister - mit verächtl: ehern Spott abgetan. Erst mit der Sehnsucht nach ji discher Gestaltung des persönlichen wie des gemeinschaft ichen Lebens keimte das Verständnis für die Bedeutung des verlorenen Gutes. Die Som erart des jüdischen Hauses — dies begann man zu erahnen — war einer der grundlegenden Bausteine für eine jüdische Kultur, weim Kultur haben dies bedeutet: einen Zugang besitzen aus eigener Stele zu der Welt sittlicher Anschauungen, zu den Gesetzen eines veredelteh S “ins, wie der jüdische Geist sie aus dem dargebotenen göttlichen Gut in sich auf genommen hat. Seelenkultur erwächst nur dann, wenn sich Bildungsfaktoren paaren'mit wachem Sinn für soziale Bindung, mit Verständnis für die historischen Zusammenhänge des allgemein menschlichen Lebens und nicht zuletzt d6s eigenen. Volkes und mit einem all dies tragenden Sehnen nach Gottverbundenheit, in das die religiöse und soziale Kultur der Generationen wie ein lebenspendender Quell eir mündet. . 76 Wie aber dazu gelangen? Der Durchschnittsmensch führt sein Leben in der Fron des täglichen Daseinskampfes. Für die Erhebung der Seele bleibt weder Zeit noch Willenskraft, noch weniger Vorbild und "Führung. Das Leben vieler verläuft ohne Feierstunden des Geistes, ohne die auch nur zeitweise gesuchte Verbindung mit den ewigen M erten, die den Menschen über seine Kleinheit hinausheben. Hier offenbart sich die Bedeutung des jüdischen Hauses. Es bietet sicli dem .Willigen als Führer an, um' ihm eine Kulturatmosphäre zu bauen, in der er fast ohne Mühe seine seelische kulturelle, Formung empfangen kann. Das Wesen des jüdischeil Hauses ist Formgebung des jüdischen Geistes. In der durch das Gesetz bestimmten Tradition und Form jüdischer Lebensführung erhält der jüdische Geist lebendige Gestalt. In großen und kleinsten Versuchen und Symbolen imitiert das Leben im jüdischen Hause sein Urerlebnis, Versenkung in Gottes, allem Menschlichen entrückte Heiligkeit, und seine Uridee, den Willen, im Joch des Gesetzes einen Weg im Irdischen zum Göttlichen zu bahnen, durch Gebundenheit zur Freiheit] Denn Geist |erhält sich im irdischen Leben nicht ohne Form. Sittiche Ideale vermögen nicht allein in der Sphäre des Wortes zu leben. Dann bleiben sie bloße Abstraktion, die' keine seelenbildende Kraft hat. Sie bedürfen einer Welt der sinnlichen Anschaulichkeit, bildhafter Darstellung, symbolischer Verkörperung. Auf diesem Prinzip beruht die Tradition der Lebensführung im jüdischen Hause. Die Fessel, die der Wille bewußt trägt, ist kein starrer Formelkram, sondern aus Geist geborene Form und hat als solche die Kraft, auf den Geist zu wirken. : In wegweisenden Gesetzen, eindringlichen Erinnerungen und sinnerfüllten Symbolen stellt das jüdische , Haus die Bindung an das Göttliche in den Alltag des Lebens. Es erhejbt, in tieferer Weise, die Forderung, die Ibsens Brandt der Menge entgegenschleudert, „das Tagewerk mit diem Glanz des Stempfad-Traumes“ zu erfüllen. Es schafft Gegensatzbilder zum Alllag, rein formal bereits eine Welt, die andere Maßstäbe sucht und kennt als die reyie Zweckmäßigkeit des Kampfes ums Leben. Es gewährt auch dem wenig phantasievollen Durchschnittsmenschen die Möglichkeit, eine Stimmung der Würde über |sein häusliches Leben zu legen. Denn es bewahrt in all^r Hast der täglichen Arbeit geruhigen Emst und geheiligte Freude,'die geweihte Stunde und die festliche Lebenshaltung. <