Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1933
- Issue
- Nr. 4 - April (4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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V Bücherschau Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi ..Das Wesen des Antisemitismuseingeleitet durch „Antisemitismus nach _ dem Weltkrieg“ von R. S. Coudenhove-Kalergi, Pan- . europa-Verlag, Leipzig, Wien. 12.—15. Tausend. 1932. Im Februarheft 1930 dieser Blätter wurde die im Jahre 1929 erschienene erste Auflage der vom Begründer der PaneuropabeWegung neu herausgegebenen Dissertation seine« Vaters über ..Das Wesen des Antisemitismus“ kurz heprochen. Erfreulicherwefce konnte im Jahre 1932 eine neue Auflage erscheinen. Heinrich Reichsgraf von Couden- . hove entstammt dem nordbrahantischen Uradel. Er wurde im Jesnitenkolleg Kalksburg bei Wien erzogen. Als iister* reichisoh-ungarischer Diplomat lernte er die verschiedensten Länder kennen. Später verließ er'-den Staatsdienst und lebte auf seinem Schloß-Ronsperg in völliger Unabhängig* v keit seinen geistigen Interessen. Im Jahre 1901 bestand er an der Prager Universität sein philosophisches Doktorexamen mit der Dissertation, die sein Sohn nunmehr neu eingeleitet und veröffentlicht bat. -Graf Coudenhove.. der Vater, war. wie er selbst hervorhebt. in jüngeren Jahren wegen Erfahrungen mit jüdischen Wucherern praktischer und später noch theoretischer Antisemit. Erst ein gründliches Studium der Judenfrage belehrte ihn eines Besseren. Er führt auch den modernen sogenannten Ratsenantisemitismus auf religiöse Gegensätze znriick. anf die Schmähungen und Eindrücke, die der einzelne in frühester Kindheit von seiner Umgebung aufnehme und die im Unterbewußtsein sich weiter auswirken. Coudenhove. der Vater, zeiet die Unhaltharkeit. der Rassentheorien, insbesondere der Arier- und Semitentheorie, beschreibt den Antiiudaismus im Altertum, gibt einen Abriß der Geschichte der christlichen Judenverfolcunsen. er- V örtert die Stellung der Juden in den niehtchristlichen Ländern. widerlegt die üblichen Anklagen gegen die Juden nndkommt zu dem Ergebnis, daß die Juden Vine durch religiöse Bestimmungen geschaffene, aus zahlreichen Rassenelementen zusammengesetzte künstliche Nation seien. Fr begrüßt den Zionismus und erhofft von ihm eine Erleichterung der Lage der Juden in denjenigen Ländern, in denen sie bedrückt und unterdrückt würden. Mit besonderer Sympathie begrüßt er aber das Reformiudentum. das die toleranteste aller monotheistischen Religionsformen sei. Er hofft und erwartet, daß es nurmehr eine Frage der Zeit sei. bis alle gebildeten Juden Christus als einen der besten, größten und' heiligsten Männer ihrer Nation begrüßen würden. Das Heil komme von den Juden! Coudenhove. der'Sohn, steht dem Zionismus mit größerer Skepsis gegenüber. Der Sowjetismus erschwere die Ziele des Zionismus, der arabische Nationalismus bedrohe sie. Aus einer Waffe gegen den Antisemitismus habe sich der für die Ostinden berechtigte Nationalismus im Zionismus in eine gefährliche Waffe des Antisemitismus gegen das Westiudentnm verwandelt. Der Antisemitismus beruhe auf einem künstlichen, nicht auf einem natürlichen. Instinkte: er sei erworben, nicht angeboren. Die Kinderseele sei nach Freuds Entdeckungen die Retorte, in der ein großer Teil der späteren Instinkte und Gefühle entstehe. Verschüttete Kindheitseindrücke und Vorurteile senkten sich ins Unterbewußte und wandelten sich Ha in Instinkte. Das Westiudentum sei keine Nation, sondern gleich dem euronä- ' iscben Hochadel eine Kaste. Für die Ausw anderung der Ostjuden, die noch eine Nation bildeten, gebe es viele Länder. die geeigneter seien als das von der panarabischen Bewegung bedrohte Palästina. Die Ansichten, die Coudenhove —(- Vit}r und" Sohn — vertreten, fordern in manchen Punkten zum Widerspruch heraus. Insbesondere wird man bezweifeln können, ob der religiöse Fanatismus die einzige Quelle des Judenhasses ist, ob nicht vielmehr häufig wirtschaftliche Gegtjpsätze, verbunden mit dem Gesetz des geringsten Widerstandes, (Einstellung der Mehrheit gegen die Minderheit), den Antisemitismus zu erklären imstande sind. Das! Werk behandelt aber das Problem des Antisemitismus von: so hoher Warte aus und mit einer heute leider selten gewordenen geistigen Freiheit und Unabhängigkeit, daß seine Lektüre ein Genuß ist. Möge cs weiteste Verbreitung finden! Raimund Eberhard: „Goethe und das Alte Testament“ (Wien 1932, Verlag C. Barth). Das Buch des protestantischen Landgerichtsrats Eberhard über ..Goethe und das Alte Testament“ ist,' wie der Verfasser hervorhebt, aus Liebe und Schmerz gebordn; aus Liehe zu dem Buche, dem er die tiefsten rejligiösen Eindrücke der Jugend verdankt,, aus Liepe zu Goethe und aus Schmerz über die schmachvolle Verujnglimpfung des Alten Testaments, wie sie in Weiten Kreisen eingerissen ‘ ist. In seiner „Vorbemerkung“ weist Eberhard darauf hin, daß ebenso wie Goethe das ganze deutsch^ Volk während vieler Jahrhunderte durch das Alte Testanjent hindurchgegangen sei, dessen Religiosität aus der Geisteegeschichte nicht mehl' herauszustreichen sei. j Mit dem Fleiße des Philologen durchwandert Eberhard die Dichtungen und wissenschaftlichjen Schriften, die Gespräche und den Briefwechsel Goethes und weist uns den Einfluß alttestamentlicher Zitate in jeiner Fülle nach, die auch den Leser überrascht, der Goethe und die Bibel gut zu kennen glaubte. Im zweiten Hauptteil des Werkes! verfolgt Eberhard die Einwirkungen des ARen Testamentes auf Goethes Lebensweg von den Jugendjahren in Frankfurt bis zu den letzten Tagen in Weimar. Er geht nicht darajn vorüber, daß Goethe hin und wieder einmal über die jüjdisch-alttestamentliche Einkleidung des Gottesglaubens, Glossen gemacht habe; er kann aber durch eine überwältigende Fülle von Belegen nachweisen, daß Goethe alle Zeit seines LebenB dem „Buch der Völker“ und dem Gotte, zu den) ihn Spinoza geführt habe, die Treue bewahrte. Eberhards Buch, das 'unabhängig von dem äuch die rabliinischen Schriften heranziehendep Werk Leo Deutschländers (Frankfurt a. M., 1923) entstanden ist, behandelt vom protestantischen Standpunkte aus auch die Fragen der jüdischen Religion von gleich hoher Warte, wie sie Graf Coudenhove-Kalergi als Katholik in dem Werke „Das Wesen des Antisemitismus“ erörtert hat. Fritz Goldschmidt (Spinozg-Loge). Arnold Ztceig: De Vriendt kehrt heim. Gustav Kiepenheuer, Verlag. Wer Arnold Zweigs Palästinarom in zur Hand nimmt, wird durch ’die fesselnde Gdstaltungski aft des Dichters bald in den Brennpunkt dreier großer Interessenkreise hineingezogen: in die Strömung innerhalb der zionistischen Bewegung, — in die Weltanschauung der orthodoxen Judenheit. die vor allem Frömmigkeit in das Heilige Land geführt hat. — und drittens in die englisch-arabische Umwelt, die -mit Juden und Moslem, — mit den hier zusammenströmenden Nationen und Sekten, ihre parteilichen Interessen austragen. Welch eine, vielseitige Aufgabe für den Dichter, dem es nicht nur darum geht, eine spannende 42