Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1932
- Issue
- Nr. 6 - August (8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
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i iMa noch viel größere Bedenken. Zahlreiche wirtschaftliche Untersuchungen der letzten Zeit — ich erinnere an Alfred Marcus ■—, noch mehr unsere eigenen, täglichen Beobachtungen der außerordentlich tiefgreifenden. sozialen Umschichtung, die jin nahezu allen jüdischen Kreisen Deutschlands in “rinn letzten Jahrzehnten und beschleunigt, ja katastrophal gedrängt, in den letzten neun Jahren vor sich gegangen ist. Kerner die furchtbare "wirtschaftliche Und seelische Aot insbesondere unserer hei ihrem Zukunft-streben \nr verrammeL teil Türen stehenden Jugend . e r 1 a p h ü n cs uns e i h f-a-c h nicht, auch nur e i n rj s der für eine mögliche Berufsumschichtung geeigneten Mittel auszulasseu. Die Fräse, oh mehr oder weniger geschlossene jüdische Siedlungen, sei es auf dem I Tande oder am Madtrand. vielleicht sogar nach dem alten \ orknrgsprojekt der Gartenstädte an der Pcriplileric di'r größeren Städte, heute so gefährdet »ind. daß »ip ausscheiden, ist zuverläs'ig'Aon niemandem zu beantworten. Hier wird lediglich entscheidend sein, wie man fjir die kommende Zeit das Funktionieren der Staatsmacht gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung und der antisemitischen \gitation cinschätzt. Aber seihst hei beshnders skeptischer Betrachtungsweise. der i“rh nicliMinheifingt zuneige, wird mau sieh sagen dürfen, daß in Zeiten einer befürchteten Katastrophe auch die jüdischen Quartiere der Großstädte kein Schutz mehr sein werden. Gewiß i»t die Miinmiing auf dem Fannie in den meisten Teilen Dcut-eldamls heute so. «laß jüdische Tiedluiigcn ungern -gesehen würden. Aber es gibt unbedingt auch I.andesteile. gewiß vorwiegend jn katholischen Gebieten, in denen solche läudlichcu Siedlungen möglich sind mul in ilenen. wenn auch der kleinste Konkurrenzkampf um den Absatz von Produkten durch geschickte Absatzorganisation vermieden wird, auch ein sehr erträgliches Verhältnis'zur Landbevölkerung erzielt werden kann. Trotz der -charf ablehnenden Stellung, die vor aLlem die antisemitisch geleiteten I.andhünde aus rein p ditischen- Gründen zu allen jüdischen Landsictllungsproje tteu und seihst zur An-bildung jüdischer Eleven einnelu len - ei fehlt da selfi-t nicht das alberne Geschwätz vc in jüdischen Weltwirtschafts'trcben. das-jetzt zur -letzten Etappe-’", der ..Eroberung des flachen Landes’1, jüdischen W lieber nicht gelungen raffinierte Manöver vorstoße —. w i-d schließlich den Bauern die körperliche Arbeit jüdischer Meitscho.il imponieren. \ oll gültige Beweise für soll he Sinneswandlung iWlieu wir insbesondere hei der ländlichen Eingebung des vom deutschen Mi-rächi begriii ib-ten und religiös gesetzesf^eu geführten jüdischen Lehrgut Rodges zu verzeichnen gehabt. Es hat da sogar pei den Bauern eine starke Nachfrage nach jüdischen, auf Rodges »usgehildeten Kräften eingesetzt.' obwohl sie in den Kauf nehmen mußten. So gut und so1" zuverlässig und arbeitswillig Leute. Der sich in' der * Urproduktion betätigende Jude wird-bestimmt gerade von deiieij höher geschätzt soweit da» dem sei. durch andere die i?abbptruhe mit Kar die Ausbildung, waren die jungen werden, die ihn bisher nur in der Darstellung des Wucherers oder Händlers kaniften. Die Grundfrage ist vielmehr für uns die, w e 1 c h c Art von Siedlung überhaupt für uns in Frage kommt. Die Stadtrandsiedlung hat in der Hauptsache doch nur Zweck, wenn wir — gewiß vorhandenes —• jüdisches W'ohnungsclend mildern wollen, und wenn wir damit rechnen, daß die dort angesiedelten Mensehen noch weiter oder in Zukunft wieder in der Stadt oder durch die Stadt Beschäftigung finden können. Ein Beweis dafür, daß Pläne dieser Art nicht al» Sonderaktionen, sondern nur im Rahmen einer systematischen jüdischen W i r t s c h a f t s p o 1 i - t i k in Deutschland und in engster Fühlung mit unseren ln rufsberatungs- und Arbeitsvermittlungsstellcn' vor sich gehen ({iirfen. Hier sind jedesmal sehr viele konjunkturpolitische und auch spezialvvirtschaftliche Gesichtspunkte der betreffenden Stadt und der besonderen Struktur ihrer jüdischen Bevölkerung zu berücksichtigen. Es läßt sich aber sehr leicht vorstellen, daß in gar nicht so seltenen Fällen hei verständnisvoller Zusammenarbeit mit loyal arbeitenden, nicht _ ” ‘sehe Gesichtspunkte voranstellenden Kommunen eine E in-’ Schaltung eines gut ausgearheiteten jüdischen Projekts im Gesamtrahmen einer Randsiedlung möglich ist. Wenn nicht als geschlossene Straßen- oder Gruppensiodlung. so doch wenigstens in einer Form, die die Schaffung und Erhaltung jüdischer Institutionen, auch jüdischer Kindergärten und jüdischen Unterrichts, und ilainit den Aushau eines gesunden jüdischen Gemeinschaftslebens ermöglicht. Tn manchen Städten wird auch aus den Reihen der jüdischen Handwerker mul vor allem der heute gern zu körperlicher Arbeit mit Aussicht auf ein wirkliches Ziel bereiten Jugend dabei der Mangel an fachlich vorgebildetem Siedlermaterial auszugleichen sein. Insbesondere natürlich, wenn sieh mehr und mehr unsere Berufsberatung und Arbeitsausbildung erwerh»- Joser oder umsattelnder Jugend auf diese Erfordernisse einstellt. Die ländliche Siedlung stellt gewiß Anforderungen. denen das Gros der heutigen deutschen städtischen. Juden nicht gewachsen ist. Sie wird immer nur für Bruchteile iii Betracht kommen, zumal noch ständig ein sehr erheblicher Teil der hier landwirtschaftlich ausgebildeten und im landwirtschaftlichen Beruf mit Lust und Liebe verwurzelten Jugend nach Palästina hiuübergeht, soweit Einwanderungs- Zertifikate erteilt werden. Aber auch ein wagemutiger und zu jeder zähen und mühevollen Arbeit entschlossener Bruchteil kann hier in Deutschland schon ein gut Teil jüdischer W iederaufhauarbeit am körperlichen und -peelischen Habitus der deutschen Juden leisten. W enn man von allen Ergebnissen neudeutscher Siedlungsarheit sorgfältig lernt, wenn man insbesondere vermeidet, noch nicht fertig ausgebildete Siedler anzusetzen und ihnen zu teuren und mit zu hohen, vor allem schon zu'früh beginnenden Zinszahlungen belasteten 70 > 4