Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1931
- Issue
- Nr. 10 - November
- Date
- 1931-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6727475-6029203-6074855--2705-4869286- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
| Lesser Ury | Am 7. November wäre Lesser Ury siebzig Jahre geworden. Er hat c|en Tag, der ihm Ehrung und Anerkennung bringen sollte, nicht mehr erlebt. Am 18. Oktober ist der schon seit mehreren Jahren schwer Leidende gestorben. Wer ihn in dieser Zeit sdh; inullte in seinem Antlitz mühsam die Spuren cler Züge suchen, die er in seinen Selbstbildnissen Früherer Jahre festgehalten. Selbstbildnisse sind Selbstbekenntnisse, sind Selbstenthüllungcn der Künstlerseele. Sie sagen Wesentliches. Dal ist ein Bildnis des! Zwanzigjährigen (1881), ein idler Rassekopf, das Antlitz umrahmt von dunklem, dichtem llaupt- und Barthaar, ganz unkonventionell, das Seelische noch verhüllt, doch crust und feierlich, von verhaltener Glut und fcjrmaler Grüße. Glut wird Gehalt, Große wird Gestalt in all seinen Werken. Es wetterleuchtet m ihnen wie in den Selbstporträts des Fünfzigjährigen (1911, 1912): Aus bewegtem Helldunkel lost sich das Antlitz, Blitzlichter zucken auf, heben die heißen Augen heraus, wölben die mächtige Stirn, die quellende Wange, das starke Kinn, m|t Energien wie mit Explosivstoff geladen. Ein^ ekstatische Seele! Das ist der Künstler, der jrastlos ringend und lernend die Kunststätten Europas durchzogen, der Maler, der berauscht voip Zauber der Farbe und den Mysterien des Lichts die strahlenden Seen der Mark, in Oberitalien upd Holstein, der die flimmernde Sonne in Alleen und Parks, die- Dämmerung und das nächtliche Dunkel in' den Straßen Berlins, den Dunstj und den Qualm in den mondänen Cafes der Grjoßstadt entdeckt und mit Leidenschaft malt; das ist der Denker, der vom Werden, Sein und Vergehen aller Wesen in seinem großen Triptychon »DerrMensch« sich eine heroisch-tragische Vorstellung bildet, der sozial-religiöse Kämpfer, d^r in biblischen Szenen und Gestalten seine Gedankenwelt verkörpert: in dem vertriebenen ersten Menschenpaar und in der Sintflut den Ka npf ums Dasein, das Ringen um das nackte Ltben, in den Mosesgestalten das Problem Führer und Volk, Geist und Materie, das Sich im »Jejremias«, dieser grandiosen Vision, erweitert zi r erhabenen kosmischen Idee: Mensch, Welt und Gottheit. Wer seine Kunst so tief verinnerlichte, so stark vergeistigte zu einer Zeit, da noch der Na? turalismus herrschte, mußte ein Einsamer werden, wie er schon zur Einsamkeit verurteilt war, da er als einer der ersten Impressionisten in Deutschland eigene Wege ging. Er -ist einsam geblieben bis an das Ende seiner Tage. Einsamkeit hat ihn den Menschen entfremdet, hat ihn bitter und feindlich Verden lassen. So offenbart das Bildnis 1915, das gezeichnete mehr noch als das gemalte, in .der Schürfe des Schnitts, in der Schroffheit der Wendung und in dem argwüliniseh-abwehrenden* Blick diese Weltflucht-Gesinnung. Aber das letzte große Selbstbildnis — es gehört zur 'Kunstsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde — zeigt eine tiefinnere W undlung: nichts mehr von Härte untl Schjjrfe,/ um den Mund nur zuckt es noch, wie'Von der' Bitternis der Welt, aber das Wiesen ist wie die Malweise weicher geworden. Noch züngeln wie Flammen die Haare, noch zucken wie Blitze,die i Lichter, nocji duckt sich der Dämon im Dunkel, aber das weitgeüffnete Auge schaut sehnend und staunend doch schon das Land des ewigen Friedens, so wie er in. seinem späten Mosesbild den sterbenden Propheten das Land der Verheißung hat erschauen lassen in Wehmut und Glück. W enn irgendeine, so atmet diese Gestalt in ihrer stillen Ergebung jüdische Seele, mehr als jene verkrampften Gestalten des Jerusalembildes, in denen der 35jährige Künstler die hoffnungslose Verzweiflung ungestillter und unstillbarer Sehnsucht nach dem Lande der Verheißung verkörpert hat. Und noch ein Werk atmet diesen reinen jüdischen Geist: »Jakob segnet Benjamin«. Er hat in den letzten Jahren an diesem großen Bilde gemalt und hat es nur ungern Besuchern gezeigt, als wiir es ein heiliges Verinächtnis, als wollt’ er damit den kommenden Generationen seinen Segen für alle Zukunft erteilen. Er hat an die Zukunft einer jüdischen Kunst geglaubt: »Wenn das Judentum eine jüdische Kunst haben will, dann wird sie schon kommen«, schrieb er mir erst vor wenigen AVochen. Und er war wohl überzeugt, selber zur A erwirk- lichung dieser Hoffnung beigetragen zu haben. Aber sein letztes, höchstes Streben hat er mit der ihm eigenen Klarheit einmal in.die Worte gekleidet, die nun sein eigenes Werk wahr gemacht hat: Auch dei* Maler muß miturl>eitcn -iin t der Erhöhung des Menschentums«. j Dr. Arthur G a 11 ,i u <“jr. Dieses' Buch gabffrl der Bibliothek dar JOd. Gemeind* flsrli* 155 —