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Der Orden Bne Briss · 1931-05-01 · Nr. 5 - Mai · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1931
Issue
Nr. 5 - Mai
Date
1931-05-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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einer Situation gegehüber, lie, nicht so "unmittel-r bar, wie die Pogromä der Za renzeit, nicht wenige^ erschütternd wirkt durch -di<; unerbittliche Gleichmäßigkeit des wirtsc iaftlich;n Geschehens, das in immer steigendem Maße d e Existenz von Tau| senden von Familien bedroht. Der Zustand der \ orkriegszeit, dessen Kenntnis für. die Beurtc düng der heutigen Lage notwendig ist, sei zunächst ins Auge gefaßt: Das Ost.iudentcm stellte in den letzten Jahren vor dem Kriege mit 6^ Milf lionen in Rußland und 2'A Millionen in Oesterj reich-Ungarn eine kompacte Masse dar, die zwar politisch entrec ätct, al er wirtschaftlich aufstrebend, eine deul liehe Tendenz zu freiheitlicher Entwicklung aifwies. Die historische Aufgabe des Juden, Mitiler zu sein zwischen West und Ost, wirtschaftlii he und kulturelle Güter von Europa nach Asien su verpflanzen, vollzog sich nicht ohne Kampf, aber immerhin mit einer Stetigkeit, die als ein Begi in der Befreiung aus dem mittelalterlichen Ghetto angesprochen werden konnte. Die Emani ipation der deutschen Juden fand im Osten lebhaften M iderliall und mit Begeisterung g ngen c ie Männer der Haskala, der Aufklärung, da-an, die Werke, von Moses Mendelssohn[ Lessing, Goethe, Schiller. unter der Jugend z; verb ' eiten. Ein lebhaftes Bild jener Zeit finden Sie in den zahlreichen Romanen und den Kullurbildt rn aus Halbasien von Karl Emil Franzos, der, in Czortkow geboren, hier in Berlin seine letzte Ruhestätte gefunden hat. i Aber während in Galizien und Ungarn die Freizügigkeit und die relative politische Freiheit es vielen Juden ermöglich te, in höhere soziale Stufen aufzusteigen und in den Großstädten Krafkau, Lemberg, Wien, Budapest Stellungen-im üf(- ■ fentlichen Leben zulerlangi :n, waren die Juden in dem großen russischen Reiche mit geringen Ausnahmen, den Kauljleuten erster Gilde u. a. in wenigen Ansiedlunjgsrayons in zahllosen Städte^i und Städtchen maskiert, ii l denen sie meist über die Hälfte, oft bis ^u 90 % der Bevölkerung ausmachten. In Kongireßpolc n lebten 2i4 Millionen Juden, in einer fiir die damaligen wirtschaftlichen \ erhältnissej'fast normalen Schichtung. Ir0 Gegensatz zu der, einrhei] nischen polnischen Badem Druck der -russivölkerung, die sid^ unter sehen Regierung nicht entwickeln konnte, deren Intelligenz ins Ausland Hauptsache auf die Landwirtschaft angewiesen war, gelang es den) Juden, entwickeln, daß Lodzqr ging, und die in der die Industrie derart zu Baumwollfabrikate, Bialystoker Decken, Erzeugnisse der Eisen- und Aluminium-Industrie ihren Weg nicht nur ir das große russische Reich, sondern darüber hinaus nach China und anderen asiatischen Länlern fanden. Und auch im Handwerk überwiegt der jüdische Schneider, Schuster, Bäcker, Fleisher, Uhrmacher derart, daß wir noch 1928 in Warschau 5800 jüdische Handwerker gegenüber 6500 d rist- Hdien finden, obwohl dort die Juden nur */; der Bevölkerung bilden. "Der Ausbruch des Krieges zwischen Rußland und den Mittelmächten brachte für die Judenheit des Ostens unvorstellbare Qualen. Mit einem Schlage waren die wirtsdiaftlichen Beziehungen zum russischen Hinterland vernichtet, an 600 000 Juden wurden als i„national unzi verlässig'* nach dem inneren Rußland transpori iert, die Massen, die Zurückbleiben mußten, waren den Schrecken des Krieges inmitten der ihnen feindlich gesinnten polnischen Bevölkerung ausgeliefert. Nur wenigen gelang die Fludit nach Amerika, das 1913 noch 101000, 1914 noch 158 000 Juden aufgenommen hatte. Erschütternd sind die Berichte aus jener Zeit, in der jüd sehe Soldaten des russischen Heeres mit ansehen mußten, wie ihre nächsten Angehörigen aus ihrer Heimat als „verdächtig“ evakuiert wurden. Der junge polnische Staat sah sich ihner jüdischen- Bevölkerung von 3 Millionen Se elen gegenüber. „Das ärmste Land und gleichzeitig das judenreichste“, hat Pilsudski einmal gesagt, „kann seine Juden nicht verdauen“. Vergessen waren die Opfer an Gut und- Blut, die jüdische Freiwillige bei den polnischen Aufständen gebracht, deren Heldentaten von polnischen Dichtern verherrlicht worden waren, vergessen die romantischen Verbrüderungsideen des Historikers Level und des Nationaldichters Mickiewicz, die von der geschichtlichen Verwandtschaft der beiden Märtyrer Völker, des polnischen und des jüdischen^ und von ihrem gemeinsamen messianischen Weltberuf gsprochen hatten. Die polnischen Patrioten konnten es den Juden nicht verzeihen, daß sie 1912 bei , den Wahle i zur vierten Reichsduma nicht einem Antise niten, sondern einem polnischen Soziäldemokrate i ihre entscheidende Stimme gegeben hatten. Aber njeht nur die in der Partei der Nationaldemokraten vereinigten adligen und bürgerlichen Chauvinisten, sondern auch die Fortschrittler wandten sich gegen die Juden mit dem Kampfruf: „Es ist kein Raum für zwei Nationen an der Weichsel“. Der wirtschaftliche Boykoti, der schon vor dem Kriege die eben erworbene] i Posi- — 74 — i

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