Mannheim
Compact Memory

Der Orden Bne Briss · 1930-09-01 · Nr. 9 - September · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1930
Issue
Nr. 9 - September
Date
1930-09-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6727475-6029149-6074833--2439-4869031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Phantasieren — das Nachbilde ide und auch das vom Willen ganz Unbeeinflußte — immer ein geistiges Gestalten von inner heraus bedeutet. Die Unterscheidungwäre vielmehr nach dem Grad der Bewußtheit zu tre ffen,, so daß man etwa an Stelle des von Wundt als passiv bezeichnet^ Phantasierens unbewußtes Phantasieren sagen könnte. So wenig eii Kunstwerk, etwa ein Drama oder eine Komposition ohne Beteiligung des Willens zustande kommen kann, so .gewiß sind die Höhepunkte künstlerischer Inspiration durchaus dem Einfluß des Willens entzögen. Da die Phantasie zu ihre - Betätigung ein gewisses j Maß geistiger Entwicklung, eines großen Vorrats an Vorsteliungsmater al bedarf, kann sie sich schöpferisch etwa erst in dritten und vierten Lebensjahr dokumentieren. Was dieBedingungen der Phantasietätigkeit als spontane c der nachbildende, als lebhafte oder matte anbetrifft, sc kann eine Erklärung nur in einer tatsächlichen Phanta siebegabung gefunden werden. Nidit allein eine besondere Entwicklung des Gefühlszentrums dürfte unter Phantasiebegabung verstanden sein, sondern gerade hier sind scharfe Sinne und Treue des Gedächtnisses von ausschlaggebender Bedeutung. Beim schaffenden Künstler, dessen Werke ein gewisses Niveau haben, verbinden sich Gefühlsstärke nnd Gedächtriistreue derart, dafF es ihm gelingt, das Bedeutsame, Symbolische und Typische in einmaliger Konzeption ins Material zu gießen. , Wie auf der einen Seite d e Phantasiebegabung bedeutsames und kulturwichti jes schafft, so bringt ihre Uebersteigerung Gefahren für den Einzelnen und die Gesamtheit. Fanatismus und Aberglaube, Wahn und Gedankenverwirri ng, mit einem Wort, irreleitende und irregeleitete Phantasie. Im Rahmen dieser Ausführungen soll 'ausschließlich die Plus- Seite der Phantasietätigkeit betrachtet werden und in besondere/Beziehung zur Menschen gesetzt sein. Zunächst einige Worte Künstler und Kunstwerk. Dis subjektive Ausdrude eines Erleb nisses mit zureichenden Mitteln. Der'Künstler ist der Former dieses Werkes. Die Kunst selbst ist eine metaphysische Kraft, unsichtbar im Künstler ruhend. I )er Geist jeder Epoche dokumentiert sich in ihren Kunstwerken. Wenn in der Gegenwart durch die gesamte Lebenshaltung ein Zug der Mechanisierung und Rationalisierung geht, so liegt der Grund daf ir in dem riesigen Anwachsen der Technik. Es ist möglich, daß ein Werk der Technik, künstlerisch vollendet ist, ebensowenig Kunst des jungen über Kunst, Technik, Kunstwerk ist der kann ein! Kunstwerk auf das Technische Verzichten. Der wesentliche Unterschied zwischen Kunst und Technik! scheint darin zu liegen, daß die Motive des Schaffens grundverschieden sind. Der wahre Künstlfer dient vor allem seiner Kunst. Die Technik i$t imrWr an die Wirtschaft gebunden, ^enn man in die tjefsten Gründe künstlerischen Schaffens eindringen: will, so führt der sicherste Weg über die eigene Produktivität. Da dieser Weg nur ganz wenigem Menschen möglich ist, begnügt sich die Mehrzaihl mit dem Surrogat des Kunstgenusses. Zur Produktivität gehören gesteigerte 1 Erlebnisfähigkeit, sta&er Ausdruckswille und zuteichende AusdrJcksmitrel, sowie Geschmackskultur. Geschmack ist der Grad desZusammenstimmens unseres Idealbildes mit der gegenwärtigen Wirklichkeit. lj>ie Voraussetzung des Geschmacksurteils ist das derji Schöpfer#vorschwebende Idealbild Je höher das Idealbild steht, umso verfeinerter ist der Geschmadt. Das Milieu des schöpferischen Menschen bildet eine vorläufige Geschmackshöhe aus, die durch den kritischen Verstand und die künstlerische Schulung vergrößert werden kann. Wie die Kunst irrational ist, liefen auch die letzten Fragen des Geschmacks im Verborgenen. Wie aber das Schwebende im Kunstwerk Gestalt gewinnt, so zeigt auch die Betätigung des Geschmacks seine Kulturstufe an. Wenn wir uns nunmehr die Frage vorlegen, welchen Anteil die Phantasie am Kunstwerk hat, so müssen wir zunächst rein reproduzierende Kunst ausnehmen. Mit 'unserer Frage meinen wir lediglich kompositorische Kunst, also solche, dile aus vorhandenen Elementen originelle Neuheiteji baut. Der Anteil der Phantasie am Kunstwerk ifst der entscheidendste Moment des ganzen Sdippfungsvorgangs. Mit der Phantasie entwirft der Künstler das Urbild seiner Schöpfung, alles Weitere bleibt der Technik und dem Geschmack Vorbehalten. Vfenn wir. von einem Kunstwerk reden, so sehen wir vorläufig ganz von seiner Qualität ab und erkennen sein vornehmstes Kriterium in dem Grad der Erschütterung, der beim| schaffenden Menschen vorausgegangen ist. Auf j diese Weise ist es knöglich, daß das Summen eines! Liedes oder das Gekritzel eines Kindes, das sich ^u einer Mitteilung gedrängt fühlt, Kunstwerke sind, zwar ohne zureichende Mittel, aber mit der unerläßlichen Voraussetzung dringendster Notwendigkeit. Auf den Kunsterziehungstageri in Dresden 1901, Weimar 1903 wurden Erkenntnisse gewonnen, die aie Grundlage auch heutiger Kunstfragen und ihrer Lösung geblieben sind. Den jungen Menschen soll Künstlerische Nahrung gegeben| werden, man solle sie aber nicht damit überfüttern, noch weniger 152

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.