Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 12 - Dezember
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Meinecke widerlegt aber die verbreitete Anschauung, daß mit der Geburt des nationalen Gedankens in Deutschland die weltbürgerlichen Ideen abgestorben seien, als sei eines mit dem anderen nicht verträglich. Von den Trägern deutscher Bildung sei vielmehr immer der Gedanke vertreten worden, »daß das wahre, das beste Nationalgefühl auch das weit» bürgerliche Ideal einer übernationalen Humanität mit einschließe, daß es undeutsch sei,, bloß deutsch zu sein«. Selbst bei Fichte und Stein weist er diese Verbindung von Nationalgefuhl und Uni» versalismus-nach. Und vor allem der moderne •Nationalstaat brauche <das ist 1922 geschrieben),?wenn er verjüngungsfähig bleiben soll, einer uni» versalen Lebensader und einer steten Rechtfertigung vordem Riihterstuhl des höchsten menschlichen Ideals « Der deutsche Historiker sucht also den Menschheitsgedanken vor dem Nationalgedanken zu rechtfertigen. Und nun kommt ein amerikanischer Historiker undirechtfertigt das Nationalgefühl vor ’ .dem LIniversalismus: Carlton 1. H- Hayes in seinem Buche » N a't i o ri a 1 i s miu s»> herausgegeben von unserm leicjer so früh verstorbenen Br. Expr. (Professor) Julius Gold stein, übersetzt von unserem Br. Präs. (Professor) J. F. Friedländer (Akiba Eger-Loge), (Der Neue Geist-Verlag, Leipzig 1929). Auf den ersten Blick erweckKdas Buch allerdings den gegenteiligen Eindruck, weil es an einem schweren Konstruktionsfehler leidet. Der Autor faßt nämlich unter dem Begriff des Nationalismus, wie er selbst sagt, »zwei ganz, verschiedene Dinge» zusammen, das, was wir Nationalbewußtsein und Chauvinismus nennen, obwohl er selbst den Unterschied kennt und auch anerkennt. Während er nämlich im Nationalismus (Chauvinismus) eine Krankheit des letzten Jahrhunderts siehr, erkennt ■ er in den Nationalitäten und,im Nationa'bewußtsein*^ i'Gemeinschaftsfor.Tien . .- . , die dem Menschen von Natur innewohnen und ständig in ihm wirksam synd '. Hätte der Verfasser diese selbstverständliche Einsicht auf der ersten Seite seines Buches statt’ im letzten Kapitel bekundete dann brauchten wir uns nicht datüber zu wundern — und zu ärgern^ daß er für den Nationalismus schlechthin, neben allen modernen politischen und 'völkischen Ausschreitungen, auch die Demokratie, die allgemeine Schulpflicht, die Staatsschule und sogar die Pflege der Muttersprache verantwortlich macht. Darum ist dem Leser, den solche Historie und Sozialpsychologie irreführen könnte, aber auch dem, der mit klaren Begriffen zu arbeiten gewohnt ist, zu raten, das Schlußkapitel »Nationalismus — Fluch oder Segen?» vorwegzunehmen und dann bei der weiteren Lektüre die notwendige Scheidung zwischen den »ganz verschiedenen Dingen« selbständig vorzunehmen. Dann gewinnt das von gründlicher Sachkenntnis und vorbildlicher Objektivität zeugende, dabei leicht lesbare Werk ein ganz anderes Gesicht. Wir sehen die moderne Völkerkrankheit in der französischen Revolution ihren Anfang nehmen und sich mit dem Erwachen der Völker über die ganze Welt, Amerika und Asien nicht ausgenommen, ausbreiten und dank der »wissenschaftlichen« Fundierung alle Zweige und Seiten des öffentlichen Lebens, einschließlich der Wirtschaft, infizieren. Es ist nicht zu leugnen, daß die demokratische Entwicklung der nationalistischen bei ihrer Entstehung Vorschub geleistet hat,- es ist aber falsch, darum die Demokratie schlechthin für den Nationalismus verantwortlich zu machen. Denn wir sehen heute ja ganz klar, daß die antidemokratischen Kräfte die Träger der Bewegung geworden sind. Für uns Deutsche ist die Feststellung bemerkenswert daß Deutschland nicht das Monopol für den Nationalismus zukomme, überhaupt steht Deutschland durchaus nicht im Vordergrund, wie es doch gerade von angelsächsischer Seite so oft nachdrücklich behauptet wird. Man möchte vielmehr sagen, daß Frankreich und Amerika die führende Rolle zufällt; Ueberlassen wir nun die weitere Analyse des Nationalismus als eines historischen und sozialpsychologischen Phänomens dem Leser des Buches, und wenden wir uns der für uns *wesentlichen Fragezu: Wie ist der Nationalismus :u überwinden, damit der Menschheitsgedanke freie Bahn gewinne? Nicht durch Verwerfung der Nationalität! Nicht, weil die Uniformität des Kosmopolitismus unerträglich wäre, nicht nur, weil das Nationalgefühl eine unüberwindliche Macht ist, sondern weil es einen »kulturellen und geistigen Wert« höchsten Ranges darstellt. »Wir werden vernünftig und praktisch sein, wenn wir den Freunden der Nationa ität folgen und künftig unseren Intepiationa-- lisfnus aus den Bausteinen der vorhandenen Nationalitäten aufriditen». Diese Hochschätzung und Pflege des echten Nationalbewußtseins ist aber auch das beste Schutzmittel gegen das Ueberwuchfcrn des Chauvinismus: denn nichts bereitet dieser nationalen Krankheit so fruchtbaren Böden wie die Kränkung und Verletzung des gesunden Nationalgefühls. Hayes deutet diese Tatsache auch an, indtm er auf die'Wirkungen des internationalistischen Marxismus .hinweist. Er hätte auch auf die aufpeitschenden Wirkungen der Machtpolitik — siehe — 240