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Der Orden Bne Briss · 1929-10-01 · Nr. 10 - Oktober · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1929
Issue
Nr. 10 - Oktober
Date
1929-10-01
Page
[Seite] (sequence 22)
Language
German
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Tt Jugendschriften» Von E'mil Bernhard Cohn. s ist merkwürdig aber wahr: das Jahrhundert, des Kindes ist bei ups Juden später aufgegangen als bei den andern. Merkwürdig, doch nur äußerlich überraschend. Innerlich war diese Ent» Wicklung von einer beinahe tragischen Notwendigkeit. Man braucht sich heute nur einmal ein Rudel ostjüdischer Kinder anzüsehen und auf das »Pne Soken«, den Alterszug zu achten, den all diese Gesichter tragen, und braucht dabei nur zu denken, daß noch vor 150 Jahren unsere Kinder hierzulande ebenfalls »als Greise geboren wurden«, so weiß man genug. Mit 5 Jahren in den Cheder, mit 7 zur Thora, mit 10 zum Talmud, was braucht man noch zu sagen? Das Alter war im Ghetto so sicher und fest in sich selbst, daß es einziges Ziel der Erziehung war, dje Jugend so schnell als möglich vor die Altersaufgaben zu stellen, die einzigen, die man als Aufgaben kannte und anerkannte. Man lese nur nach, wie die Glückei von Hameln ihre Kinder schildert und lobt. Man kam gar nicht dazu, die Jugend als" Jugend zu beachten, nur wenn das Jüngel bei Tische »Thora reden«, d. h. Altersleistung leisten 'konnte, bekam es den berühmten »Kniep. in die Back«. Aber Jugend? Was war Jugend7 Was galt sie? Was konnte sie gelten? Auch das christliche Mittelalter hatte seine Strenge, alles wurde, wie Luther erzählt, »mit Ruten gestrichen«, wo freilich beim Juden das Sprichwort galt: »Der Goi schlägt seinen Jungen mit dem Knüppel, der Jude mit dem Käppchen«. Aber drüben setzt in Wirklichkeit mit dem Jahr» hundert der Aufklärung die volle Problematik der Jugendfrage ein, und als Rousseau.seine Lanzen für die Sache des Kindes, für des-Kindes Eigenrecht bricht, hat bei uns noch gar nichts angefangen, erst 100 Jahre später geraten die Dinge — in Fluß. Ja, es ist ganz sonderbar zu sehen: Auch bei unseren »neuesten Jugendbewegungen, der akademischen wie der allgemeinen, haben wir immer »nachgeklappt«, sind nie voraus, nie auch nur eigene Wege gegangen, die deutsche Jugendbewegung, die Burschenschaft und ihr Komment, Blüher und der Wandervogel gaben uns Inhalt, Maß und Ziel. All diese Bewegungen haben bei uns ebenfalls Parallelbewegüngen ausgelöst, man denke an Blauweiße und Kameraden, und ich persönlich kann mir nicht helfen: bei uns erscheint mir alles nachgemacht und — worauf ich den Ton lege — gemacht und nicht gewachsen. Immerhin sind wir inzwischen mit unserem ganzen deutsch-jüdischen Sein so hineingezogen und t verwoben in die Bewegungen der Zeit, daß auch die Frage der Jugendbildung und -beeinflussung immer brennender für uns geworden ist. Ja, im gewissen Sinne ist dieses Problem bei uns noch viel entscheidender als drüben, weil die Emanzipation und Assimilation seit 100 Jahren mit ihren auflösenden Tendenzen ganze Generationen unter uns verdorben hat, und die Frage: Wie sichern wir uns ünsern Nachwuchs? mit Recht alle ernsten jüdischen Gemüter heute bewegt. Dazu kommt noch die Tatsache, daß heute überall die Jugend gegen das Alter steht, und sich beim alternden Geschlechte eine große Mutlosigkeit bemerkbar macht. Man schaue nur in die literarische Welt hinein und sehe sich all die alten gesetzten Burschen an, wie sie mit den Jungen jüngeln, um nur ja nicht zu den Alten gerechnet zu werden! So ist auf einmal über Nacht aus dem Jugendproblem auch noch ein Altersproblem geworden: wo sind die Jugendkenner, die Jugendkönner, wo sind die, die das Ohr der Jugend haben und sich auf den Herzschuß ins Gemüt der Jugend verstehen? Wir rollen eines der trübsten Kapitel unserer jüdischen Gegenwart auf, und indem wir die engere Frage nach der jüdischen Jugendliteratur stellen,; richten wir nur einen Spiegel aqf, der alle Strahlen des umfassenderen Problems zu fangen und wiederzugeben vermag. — Die Jugendschrift ist das allgemeine, seit 150 Jahren imnfer mehr sich verbreitende Mittel, den Schulkindern eine Erziehung aus der zweiten Hand zuteil werden zu lassen, bei der die erzieherische Absicht hinter dem Wunsche, Lust zu bereiten, zu verschwinden hat. Die Persönlichkeit des Erziehers ist in ihrer durch Wort, Ton, Gebärde bestimmten Individualität ausgeschaltet, er wirkt nicht mehr unmittelbar durch sein Da-sein, sondern er schreibt* und wirbt schreibend oder dichtend oder malend oder komponierend um das Herz der Jugend, der er etwas sagen will oder wenigstens glaubt, etwas sagen zu können. Dieser Verzicht auf unmittelbare Wirkung verlangt natürlich kräftigere Gabe, vor allem aber die^ Erfüllung bestimmter Forderungen. ' J Die beiden Leonorenworte aus Goethes Tasso: »Erlaubt ist, was sich ziemt!« und »Erlaubt ist, was gefällt!« bilden die Grundbedingungen aller Jugendsdiriftejei und es hat sich herausgestellt, daß tatsächlich diese Schriftstellerei die schwerste von allen ist. Zu schreiten, was gefällt, ist von Courts- Mahler bis Thomas Mann eine außerordentlich 190

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