Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 6 - Juni
- Date
- 1929-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6727475-6029145-6074794--2103-4868708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wohlfahrtsstellff der deutschen Juden, daß sie im Verein mit dem jüdischen Frauenbund, der Großloge für Deutschland, dem. Reichsaiisschuß der jüdischen Jugendverbände und dem Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, die jüdische Öeffentlichkeit auf die Wichtigkeit dieser Aufgabe in einer soeben erschienenen Broschüre, die den Titel trägt: »Schafft jüdische Jiigend- und Oemeindeheime«, aufrriejksam macht. Der dort entwickelte Gedanke, das Jugendheim, wenn möglich, mit dem Gemeindeheim zu verbinden, ist durchaus begrüßenswerj. Denn Sinn dieser Maßnahme ist es ja gerade* die Jugend aus ihrer Isolierung herauszuführenj sie wieder einzugliedern in das Leben der! Gemeinschaft, damit aus ihr einmal aktive Mitarbeiter der Gemeinde und ihrer Vereinigungen h^rvorgehen. Als Mitglied der Großloge für Deutschland setzt sich Br. Goldschmidt- Berlin in dieser Broschüre energisch für die Errichtung solcher Jugendheime ein. Seine Worte sollten von jeder unserer Logen gehört und befolgt werden. Qerade wir Bne Briß wissen ja die Vorzüge eines eigenen Hauses, eines Logenheimes, zu schätzen. Wir wissen, daß das gedeihliche Arbeiten einer Loge oft nur von der Frage der Heimbeschaffung abhängt. Wollen wir der Jugend vorenthalten, was wir für den eigenen Kreis bejahen? Das wäre mit dem Logenprinzip nicht vereinbar. Darum müssen auch die Logen nach ihren Kräften dazu beitragen, um der jüdischen Jugend zu ihrem Recht, zu ihrem Heim, zu verhelfen. Siehe hierzu unter der Rubrik »Kurze Uebersicht« die Notiz Seite 141 betreffend die Errichtung eines Ledigenheims in Pankow. Ein jüdischer Meistersänger. Von Br. Dr. Rieh. EI b, Dresden- Der 75. Geburtstag desj langjährigen Kassler Heldentenors S i gm und Weltlinger hat dem verdienten und doch so bescheidenen Künstler nicht nur eine l[ülle von Ehrungen eingebracht, sondern erneut viele Momente aus dieser reichen Laufbahn anls -Licht gezogen, die von allgemeinem Interesse namentlich für uns jüdische Menschen sind und aus denen jede Generation Belehrung schöpfen kann. Standen doch nicht nuf die Genien der Kunst an Weltlingers Wiege in dem kleinen mährischen Orte Kromau, sondern zugleich all die guten Geister,, denen er sqjin [ausgesprochen j 0 disches Herz angewendet jeann man die in seinem Gesang ihrer Vergeistigung narlient ich großen-Formats (wie Eleaiar, verdankt. Auf seine Kunst es die Seele nennen, lebt und die uns mit leidender Helden Florestan, Tannhäuser, Tristan) zum Erlebnis gemacht hat. Weltlinger war aber bei aller Künstlerschaft ein fast zu bürgerlich gesinnter Mensch, und dieses Menschentum — auch Wieder auf jüdischer Grundlage — hat sich ebenso stark jederzeit in einem ganz ungewöhnlichen Familiensinn, in Wohltätigkeit und Pflichttreue geäußert. Man sieht hieran, daß die Tugenden, die unser Orden von seinen Bekennern verlangt' oder die er in ihnen zur Entfaltung bringen will, unbewußt in einem Menschen liegen können, der sich stark genug fühlte, um als Einzelner grundsätzlich jedem Zusammenschluß, siei es in kultureller, beruflicher oder politischer Beziehung zu entsagen. Weltlinger ist aber auch insofern ein Phänomen, als er seine Laufbahn gewissermaßen schon als Knabe begann und noch heute fast im Vollbesitze seines mächtigen, dunkel gefärbten Organs ist, das ihm, wo es auch war, die Herzen der Hörer erschloß. Humorvoll hat er oft davon erzählt, wie er gegen ein kleines Gehalt und. freien Mittagstisch abwechselnd bei verschiedenen Gemeindemitgliedern nicht nur im Synagogenchor, sondern auch bei den Prozessionen in seiner Heimat mitgewirkt hat, und wie er als 7 jähriger einen Klingelknaben in Meyerbeers »Prophet« gab und der damalige Joh. von Leyden (eine Rolle, die er später selbst zu seinen besten zählte) ihn gerührt auf den Arm nahm und1 ihm eine glänzende Zukunft prophezeite. Trotz dieser Naturveranlagung war aber Weltlinger erst Techniker, bis der berühmte Zufall, der so oft in unser Leben eingreift, auch dem seinigen die entscheidende Wendung gab. Das yrar im Jahre 1873. Da führte der Musikverein in Brünn »Die Schöpfung« auf; große Sänger waren als Solisten angekündigt Am Sonntag sollte das Konzert sein und am Freitag komritt der Kapellmeister zu Weltlinger, er .solle den Uriei singen, er sei sonst in größter Verlegenheit. Weltlinger übernimmt es, lernt in den zwei Tagen die Partie und hat einen solchen Erfolg daß ihn alles drängt, sich der Sänger/ — 104 —