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Der Orden Bne Briss · 1929-04-01 · Nr. 4 - April · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1929
Issue
Nr. 4 - April
Date
1929-04-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Schuld außer in wirtschaftlichejn Verhältnissen' im Miterwerb der Frau: (S. 9, rechts Mitte) »Die Frau muß die Konsequenz ihres Eindringens in alle Berufe in immer erhöhtem Maße in der sich j steigernden Ehelosigkeit büßen«. Ich glaube, daß es gerade umgekehrt ist. Die Erschwerung der Ehe treibt die) weibliche "Jugend in den Beruf. Wir haben zur Zeit einek Ueberschuß an Frauen, der durch den Krieg gerade das heiratspflichtige Alter am schwersten trifft. Im. Jahne 1925 kamen auf 1000 Männer im Alter von 30 - 35 Jahren 1300 Frauen. Wir hatten in Hessen 1925 im Altir von 30—40 Jahren 275 jüdische Frauen mehr als Männer. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit des eigenen Frauenberufs. Alle diese Mädchen vertauschen, wie Br. Rieger richtig annüfimt, recht gerne den Beruf mit der Ehe und können sich meistens, da sie wissen, wie schwer das Geld verdient wird, auch in einfache und bescheidene Verhältnisse gut schicken. Diese berufstätigen Mädchen sollen nun nach Ansicht Dr. Riegers nicht die Ehe als neuen Beruf ergreifen, sondern in ihrer alten Tätigkeit bleiben: (S. 9, rechts unten) iDas Problem der Ehelosigkeit ist zu einem guten Teil gelöst, wenn die vor der Ehe erwerbstätige. Frau in der Ehe erwerbstätig bleibt ....... Nur für -die Zeit, in der sie als Mutter dem Kinde gehört und mutterpfiichtig verhindert ist, übeinehme der Gatte die wirtschaftliche Erhaltung des Hauses. Für diese Zeit mag eine Versicherung oder Fürsorgeeinricbtung helfend eintreten.« Hiergegen möchte ich meine schweren Bedenken nicht verhehlen. * Miterwerb der Frau bedeutet praktisch für die ersten Jahre der Ehe und des Existenzaufbaus vor allem Verhütung der Mutterschaft — also gerade, was Lindsay will und die Bevölkerungspolitik zu verhüten sucht. Es wäre auch denkbar, daß die Frau in den ersten Ehejahren die von ihr gewünschte Zahl der Kinder bekommt, und dann erst ihren Beruf wieder aufnimmt. — Dann werdennoch weniger jüdische Kinder wie bisher geboren werden. Wenn sie im anderen Fall von Beginn der Ehe ab in ihrer alten Stellung bleibt, unterdessen ein Kind bekommt, dann sehen die Verhältnisse in der Praxis etwa folgendermaßen aus: Viele jüdische Mädchen sind Verkäuferinnen. Es ist unmöglich, daß sie als werdende Mütter diesen Beruf in der Oeffentlichkeit ausüben, auch wenn sie so kräftig sind, daß das stundenlange Stehen keinerlei ärztliche Bedenken erregt. Andere sind kaufmännische Angestellte, Putzmacherinnen, Schneiderinnen. Auch für sie ist der Beruf von^ der Mitte der Schwangerschaft ab sehr erschwert. Staatliche und städtische Angestellte, Krankenschwestern, Fürsorgerinnen, Lehrerinnen, ’Bürobeamtinnen werden meist mit der Ehe abgebaut, da Behörden nur in den allerseltensten Fällen Doppelverdiener zulassen. Wer wird eine Zugeherin, Hausangestellte, Kindergärtnerin i behalten, wein sie Mutter wird? Fabrikarbeiterinnen haben allerdings cas fragwürdige Olück bis zur Minute der Niederkunft a beiten zu dürfen und können sechs! Wochen später wie ler eingestellt werden. Aber die Posten der anderen Berufe werden bei dem heutigen Uebetangebot von Arbeitskräften sofort wieder besetzt; davon schützt keine Fürsorf eeinrichtung. Günstiger liegen die Verhältnisse in den freien Berufen. Trotzdem zeigen die Ehen studierter Frauerf mit einer Kinderzahl von nur 1.7 cjie Unmöglichkeit, Beiuf und Kinder miteinander zu ' verbjnden. t ^lur in der Landwirt icbaft, im Handwerk, in der Kaufmannschaft, kurz überall da, wo die Frauenarbeit kein; individuelles Geprägt trägt, sondern organisch mit demi Berufe des Mannes verbunden ist, bedeutet Mit- _ erwerb der Frau außer pekuniärem Erfolg auch stärkere Verbundenheit der Ehegatten. Es gibt aber auch ärztliche Bedenken gegen diesen Vorschlag Br. Riegers. Eis soll absolut nicht dem Bloß- Dame-Sein, dem Nichtstuji und der Trödelei der Frau während der Ehe und in (ler Schwangerschaft das Wort geredet werden, aber jed^ einseitige berufliche Tätigkeit, die z. B. nur Stehen, nur Sitzen mit sich bringt, bedeutet eine Schädigung des Orkarfismus. Uebermüdung und Schwjächung der Konstitution sind die Folgen und oft die Ursache späterer Krankheiten. Eben so wichtig ist die kulturelle Seite. Wir müssen es zugeben, die Ehe hat den Alltag nötig, eine geordnete Behausung, eine geregelte Form, vor allem dort, wo Kitider erzogen werden sollen. Es bedeutet eine große Unterschätzung der Hausfrau, wenn man glaubt, daß ihre denkende und aufbauende, sparsame und überlegte Tätigkeit von fremden Kräften ersetzt werden könne. Bei dem entscheidenden Einfluß, dien die Frau auf das Milieu des Hauses ausübt, ist jede dauernde außerhäusliche Tätigkeit mit großen Gefahren) für die Stimmung des Heimes verbanden und kann nur Notbehelf bedeuten. Ich weiß aus eigenerj Erfahrung, wieviel Nervenkraft, Anspannung und Arbeitsleistung dazu gehören, um die sich widerstrebenden Faktoren — außerhäusliche Tätigkeit fund Haushalt — eigener Beruf und Einstellung auf den Mann"— Arbeitsüberlastung, Müdigkeit und Zeit für die Kinder — einigermaßen in Einklang zu bringen und ein Wirkliches gemeinschaftliches Eheleben trotzdem zu elrmijglichen. | jeh 'möchte deshalb j den Vorschlag Br. Rieger’s nur als äußersten Notbehelf gelten lassen, er bedeutet in der Praxis noch weitergehenife Geburtenbeschränkung, noch stärkere Belastung der Frauen und keine Lösung der schwierigen Probleme uijserer Zeit. (Siehe auch Christian: Erwerbs- und Berufsarbeit der Ehefrau in Marcuses »Die Ehe«, S. 218.) * Kurze Uebersicht. Welthilfsbund und Orden, ln der Arbeitsgemeinschaft der europäischen Distrikte (Prager Tagung vom 2S. 12. 28) ist von dem tschechoslovakischen Distrikt die Anregung unterbreitet worden, der Orden möge dem Welthilfsbund betreten. Der Oedanke eines Welthilfsbündes ist vom Völkerbund irf Genf im Jahre 1927 zustimmend aufgenommen worden. Der Welthilfsbund Ist eine Einrichtung des Völkerbundes geworden. Der Bund bezweckt das frühzeitige Eingreifen der Länder bei Weltkatastrophen. Bei Eintritt verhängnisvoller Schicksale verfließt wertvollste Zeit für die Hilfe dadurch, daß erst Einrichtungen geschaffen werden müssen, die die Abhilfe organisieren. Vielfach ist das Schicksal der Juden mit katastrophalen — 74

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