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Der Orden Bne Briss · 1929-01-01 · Nr. 1 - Januar · p. [Seite]

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1929
Issue
Nr. 1 - Januar
Date
1929-01-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Kameradschaftsehe. Gedanken zu ei Von Br. Stadtrabhiner Kameradschaftsehe — ein schönes Wort, welches das Wesen einer echten Ehe trefflich kennzeichnet: Mann und Frau als zwej gute Kameraden, zwei Weggefährten, die das Schicksal zasammen?eführt und die. nun fürs Leben verbunden in Freud und Lefd Zusammenhalten, zwei Menscherf, nicht durch die romantische Phrase flüchtig vereint, nicht durch erotische Leidenschaft zeitlich verbunden, zwäi Seelen und ein Gedanke^, zwei herzen' und ein Schlag. Kameradschaftsehe — eine bessere Formel ist für das wahre Wesen der Ehe nicht auszudenken. Der Begriff schaltet alles Zufällige, Leichtfertige, Gedankenlose, Empfindungswidrigeaus und läßt das'tiefe Verantwortlichkeitsgefühl und zugleich die Schicksalsgemeinschäft ahnen, welche zwei Menschen bindet. Die. Hände, die sich einmal zum Treuschwur zusammengefunden, finden sich über Scheidendes und Trennendes hinweg immer wieder zusammen. Der Weg mag sie für eine kurze Zeit auseinander führen, sie kommen an der nächsten Wegkreuzung wieder zusammen, denn eine seelische Gemeinschaft, ein inneres Sichsuchen verschwistert die Beiden. . Hermann Cohen findet die Synthese von Eros und Ethos, von Geschlechtstrieb und Sittlichkeit in der Treue. »Der Treue wegen muß die Ehe sein.« Der geheimnisvolle Sinn dieser Kameradschaft ist das Kind. Wenn die -erste Leidenschaftlichkeit verraucht ist, wenn sich die Empfindungen , abgeklärt, sich die Begehrungen geläutert haben, dann tritt das Kind mit seinen heiligen Forderungen in das Leben der Beiden. Die Verantwortung dem werdenden Kinde gegenüber schafft einen neuen Kameradschaftsbund zum alten Kameradschaftsempfinden. Das Kind, den Träger der Zukunft, den Erben der Familienüberlieferung, den Bürgen der Volksideale zu solchem heiligen Ziele zu erziehen, das gibt dem Gemeinschaftsleben der Beiden, neue Festigung und neuen Inhalt. Eine Ehe, die sich auf solche Kameradschaft gründet, findet in der Freundschaft ihre Sicherung, in dieser Zielsetzung ihre stete Erneuerung. Es war stets so, daß die Industrie für Sur- Wenngleicb der Verfasser keine generelle Lösung des schweren Notstandes vorschlägt, veröffentlichen wir doch seine Ausführungen, um über eines der wichtigsten Zeitprobleme, das auch uns sehr stark angeht,'eine Aussprache zu ermöglichen. Red. njem Zeitproblem. Dr. R i e g e r, Stuttgart. rogate tönende Namen und lockende Packungen gewählt, die eine altbekannte'Sorte in der Hülle vortäuschen sollten. Das gilt wortwörtlich für. die Kameradschaftsehe, für welche zwei Amerikaner, Ben B. Lindsey und Wainwright Evans, in einem viel verbreiteten Buche eintreten. Sie verstehen unter Kameradschaftsehe eine rechtskräftig geschlossene Ehegemeinschaft, die unter ider Vorsorge geschlossen wird, daß aus ihr Ikein Kind hervorgeht, mit dem Rechte für kinderlose Paare, sich mit gegenseitiger Einwilligung jederzeit scheiden lassen zu können, ohne .daß Unterhaltsbeiträge zu zahlen sind. Sie meinen jalso unter Kameradschaftsehe eine Ehe, die keine Ehe ist, bei der die seelischen Voraussetzungen der Treue und die ideale Begiündung: das Verantwortlichkeitsgefühl für das werdende Kind fehlt, die nicht mehr als eine leibliche Gemeinschaft mit dem einen Kameradschaftsgedanken ist — die Scheu vor dem Kinde. Die nur sinnliche-Gemeinschaft ohne dieses Verantwortlichkeitsgefühl vor der menschlichen Gesellschaft, dem Volke und dem Staate, ist keine Ehe; sie ist Konkubinat, im besten Falle mit einer Beigabe von Romantik und Sentimentalität. Dazu kommt, daß alle Erotik polygam ist, so daß dieser nursitinlichen Gemeinschaft auch das sittliche' Moment der Treue fehlt. Die furchtbare Tatsache, daß die Frau in der neuen amerikanischen Ehe — man könnte kie Durchgangsehe nennen — zur Dauergeliebten, also zur Dirne herabgewürdigt wird und die Gemeinschaft selbst zur Prostitution auf Zeit, also zur Büberei, wird allerdings durch die Erwartung gemildert, daß aus dem Zeitverhältnis Vielleicht eine Dauergemeinschaft wird. Aber Selbst didse Erwartung bedeutet noch keine Milderung der' schweren sittlichen Oefährdung der Jugend durch djeses Ehesurrogat. Seine -Rechtfertigung ist ja das angebliche Anrecht der Jjugend auf hemmungslosen Genuß, auf schrankenlose Befriedigung des triebhaften Begehrens. Nichts ist aber so bedenklich für den Charakter, als genießerische Hemmungslosigkeit. Wer es efnst und ehrlich mit der Jugend meint, wird Oas Verantwortlichkeit'Sgefühi in ihr wecken, den sittlichen Willen in ihr stärken, die Begehrlichkeit in - ihr zügeln. Dagegen führt jede Förderung des Leichtsinns zur Leichtfertigkeit und zur völligen Entartung des Charakters.

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