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Der Orden Bne Briss · 1928-10-01 · Festnummer zum Ordenstage ; Nr. 10 - Oktober (10.1928) · p. Seite 150

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1928
Issue
Festnummer zum Ordenstage ; Nr. 10 - Oktober (10.1928)
Date
1928-10-01
Page
Seite 150 (sequence 12)
Language
German
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riger mit Pessacherfordernissen, Auslösung von Ge» fangencn, Unterstützung der Armen im Heiligen Lande, durch — erforderlichen Falles zwangsweise — Erhebung einer Steuer sowie durch' Ernennung geeigneter Fürsorgepersonen ist in den Ritual» . Codices gesetzlich festgelegt Die strikte Handhabung aller sozialen Vorschriften des Ritualgesetzes verbürgte die der Gemeindeleitung zustehende Befugnis, Gesetzesübertretungen strafrechtlich zu ahnden, von der bis in die neuere Zeit in der Verhängung des Bannes, d. h. des Ausschlusses von gottesdienstlichen Funktionen und gesellschaftlichem Verkehr, sich ein Rest * erhalten hat. Die Einrichtung eines etwa der Aerzte- und Advokaten* * kammer entsprechenden Ehrenrates wäre als Ersatz hierfür nodi heute zu wünschen. Neben dieser Gemeinde Wohlfahrtspflege arbeiteten unzählige-Vereine. Sie sorgten für zeitgemäße; Bedürfnisse, die im Ritualgesetz nicht ausdrücklich vorgesehen «ind, wußten durch unmittelbare und eindringliche Werbung neue Spendenquellen zu erschließen, Mitarbeiter zu gewinnen, verschämte Armut aufzuspüren undin aller Stille zu lindern.. _ Die Freude an sozialem Wirken wurde durch die Verteilung von Ehrenämtern gesteigert, das jüdische Gemeindeleben durch immer neue Antriebe huma* . nitären Wetteifers gestärkt und" in Fluß erhalten. Dieses Che wra-Wesen, wie es noch heut bei den Spaniolen auf dem Balkan und'den Chassidim die, ganze Gemeinde zu einer einzigen großen Familie verschmilzt,' gestaltete, dem äußeren Drucke zum 1 rotz, das Leben in der Judengasse zu reinem Glück. Es har, wo die Gemeind.eeinheit, aus welchen Gründenc immer, in die Brüche ging, als höhere Gipfelbildung deif inneren Zusammenhalt gerettet. , Den weitesten Spielraum wahrte sich freilich die private Zedoko. Ihre aufopfernde Uebung erklärt die Erscheinung, daß wir erst verhältnismäßig spät in jüdischen Kreisen einer geschlossenen Wohlfahrtspflege begegnen. Der Kranke, die Waise, , der Greis waren oder schienen in der Liebe privater Obsorge am besten geborgen. Erst das Vorbild der '^Umgebung und der Fortschritt hygienischer, pädagogischer und ökonomischer Erkenntnis führten zur Errichtung-von öffentlichen Heil- und Heimstätten. Die Bezeichnung »Hekdesch« (»Gott geweiht«) für das HoSpital des Ghettos erinnert an das mittelalterliche »maisön de Dieuc, die allen Fremden ohne Unterschied offenstehende Herberge, wobei Vir wohl erwähnen dürfen, daß das Wiener jüdische Gemeindespital schon im 18. Jahrhundert laut Aufschrift der »leidenden Menschheit« gewidmet war und ähnlich ein jüdisches Krankenhaus in Philadelphia Patienten »ohne Unterschied des G'aubens, der Farbe und der Nationalität«' zurVerfügung steht. Vielleicht hängt auch die Reorganisierung alter Chewras im 16. Jahrhundert mit der durch die Reformation in Angriff genommenen Regelung des christlichen Beerdigungswesens, zusammen. Daher wohl die Bezeichnungen »Liberer«, verkürzt aus Libitinarius (Leichenwäscher), für den Diener der Chewra und »Meladsches« (aus dem Tschechischen) für deren Jungmannschaft. Zur Gründung jüdischer Waisenhäuser hat augenscheinlich der Vorgang Frankes in Halle den Anstoß gegeben. Das fremde Vorbild brachte freilich .auch manches, unser Empfinden Befremdende mit sich, wie etwa die langen Röcke und Zylinderhüte der Preßburger jüdischen Waisenkinder. Im allgemeinen unterschieden sich aber dife jüdischen Institute Von anderen zu ihrem Vorteile. Ausbeutungen von Waisen, wie sie Dr. Seipel, der gegenwärtige Bundeskanzler Oesterreichs, für das frühe Mittelalter selbst bei Geistlichen bis zum Bischof hinauf nachgewiesen hat, waren in jüdischen Kreisen undenkbar, aber auch gegen den Geist des Christentums, das ja, mitunter sogar mit Beibehaltung, der hebräischen Bezeichnung, wid »Korban« , (Opfer), hierim Sinne von Almosen, die jüdische Wohlfahrtspflege, z.B'die’siebenfache Betätigung derCaritas, übernommen hat, der wir u. a. im Bilderschmuck der « Wartburg begegnen, unddie im jüdischen Vereinsleben zehnfach verästelt und abgewandelt wurde. Bei allem Wechsel der Ziele und Formen im Laufe der Zeiten sind doch in der jüdischen Wohlfahrtspflege gewisse uralte Weisungen und Vorbilder richtunggebend und der Geist der Zedokd sich treu geblieben. In der Regel sank sie nie zum seelen-, losen Almosen herab, sie blieb persönliche Angelegenheit. Wie sonst in allen Bezirken des jüdischen Lebens sehen wir hier besonders Ehrgefühl, Scham* ■ haftigkeit, Menschenwürde geschont. In Berlin, Dresden (1806), Königsberg, Kopenhagen wurden in jedes Trauerhaus zwei Sammelbüchsen; geschickt. Die eine, zu der man den Schlüssel tnitsandte, mußte der Empfänger ganz leeren. " Es Stand ihm frei, sich den gesamten Inhalt oder einen Teil zu behalten oder, wenn er davon keinen jGebrauch machen wollte, den Betrag in die andere — verschlossene — Büchse, wenn möglich njiit einem Zuschuß, umzufüllen. Da beide Büchsen fine Zeitj lang kursjerten, blieb' dieser Vorgang streng geheim. , Er entsprach der alten Einrichtung der »Kammer; der Verschwiegenen« im Tempel zu Jerusalem, in der für verschämte Arme Gaben hinterlegt und abgeholt wurden, ohne daß*Spender und Beteilte | einander kannten | Aus 'psychologischer Rücksicht beteiligte sich | die Frau nicht an der Öffentlichen Wohlfahrts» 150 —

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