Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 9 - September (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 138 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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volle, tragisch’ aufgefüllte Schicksale, daß nur ein wirkliches Dichtergemüt dahinter treten-mag, das dem Helden eine modern psychologische Vertiefung angedeihen läßt.- .. und ein reiches Geschehen rollt sich vor uns auf, farbig und glühend und verbrennend in seiner Größe. Dabei haben fast alle der altjüdischen Stoffe das so Bedeutende an und in sich, daß sie immer ihre Helden aus Kampf und Not des Volkes aiiferstehen, oder auch so untergehen lassen. Das Volk spielt immer mit, ist immer der Hintergrund oder das Bewegende. Etwas, was man in unseren Zeiten erst mit Mühe erfinden müßte, ist organisch- und fast-fertig dichterisch aHsgebaut da. A 11 a l,e n a .. . kurz Altalena . . . hat ,ajien reizvollen Stoff aufgestöbert^ Simson!. Der Rie^e' Simson und die Philister und sein Kampf mit’ den Philistern, seine unheilige Liebe ... und der Verrat und sein selbstgewollter, verderblicher Untergang, der Tausende seiner Feinde mit sich in die dunkle Nacht des Todes reißt. Altalena zeigt uns in seinem Roman den Riesen an Körperkraft, Simson, als den Mann mit der Doppelseele.' Simson ist ein »Nasiräer« in seinem Stamme und zugleich einer der Ungebundensten und Lustigsten bei den Qelagen der Philister. Die Philister sind da ein stolzes, hochstehendes, ein aristokratisches Städtevolk, eiri Kulturvolk im Gegensatz zu dem Bauernvolk der Judenstämme. Sie, die Philister, haben schon Eisentechnik und eine fein ausgebaute Staats- und Heeresorganisation. Und Simsen, der »Ziegenbock« und -Akrobat, trinkt, lacht und scherzt unbesorgt mit ihnen, ein täppischer, guter Bauernbursche. Nur ein Lustigmacher scheinbar! Aber sein unverdorbenes, sorgendes Herz schlägt für seine Stammesgenossen_ die Dorf für Dorf, Stamm für Stamm, uneinig ^ind, egoistisch und nicht für’s Volk leben f Und Simson ernennt in der inneren Geschlossenheit der Philister das, was seinen Stammesgenossen fehlt, um sich jeder Art von Bedrückung zu entledigen. In seinem Dorfe hängen ihm die tapfersten Burschen an. Sie sind seine Leibgarde,' seine »Schakale*. Sie .. . nicht die sagenhaften Füchse der Bibel . .. haben dann unter seiner Leitung Timnata angezündet... Aus dem Freund und Zechgenossen Simson macht die Liebe zur Tochter Bergams dann den erbittertsten Feind der Philister. Zwangsweise! Er, Sitnsoh, ob seiner Kraft gefürchtet, aufgewachsen in den Sitten seines Stammes, hat unbewußt Gelegenheit gegeben, daß arglistig ihm sein Eheweib genommen wird. Hier entsteht die ganze Tragik des sich dem Fremden hingebenden Juden, der abgestoßen wird als Fremder trotz seiner Hingabe! Die Philister halten auf Reinheit des Blutes. Den Lustigmachdr und Bauer, den Juden wollen sie wohl - am Zechtisch zu ihrem Spott haben ... aber als ihresgleichen wollen sie ihn nicht... und so sind sie voll Hohnlachen, als ihm die Frau genommen wird. Als Simson selbst sich Recht schaffen «111, wird von den Philistern furchtbar das Haus des edlen Bergams, des Schwiegervaters Simsons, Verwüstet, alles einem grauen-« vollen Rachetode überliefert, und Simson nun als Todfeind verfolgt. So ist die Situation, die Timnata in die Hand Simsons und seiner Schakale gibt, die Stadt muß zu seiner Rache verbrennen! Simson verrichtet -Wunder der Stärke und der Tapferkeit... er wird als Held Richter in Israel. Und richtet: nicht nach dem Buchstaben, sondern nach dem Herzen und den Notwendigkeiten. — So will er sein Volk zur Einigkeit bringen und ihm seine egoistische Feigheit austreiben und es gegen die Philister führen: Er will die Staatskunst und Organisation der Feinde seinem Volke aufzwingen ... aber dieses ist in Schwäche und Furcht versunken ... Er liefert sich dann lieber selber, zum Schmerze seiner Schakale und der tapferen Jugend, an die Philister aus... um sein Volk vor dem gefürchteten Kriege zu bewahren! Simson wird ausgeliefert und kann, zum Hohne, als Gefangener die berühmten erzenen Stadttore der Philister ausheben und sie in die Berge tragen. Und er wird ihnen nun gefährlicher als je. Denn Lächerlichkeit tötet! Da tritt ihm Dalila in den Weg. -“- Der menschliche Simson muß eine menschlich verständliche Dalila bekommen. Altalena benützt die uns unverständlichen und aphoristischen Worte des Schwiegervaters Simsons im Buche der Richter als Unterlage für seine tiefe Enträtselung eines Liebesverrates. Das Buch der Richter berichtet uns die Rede des Schwiegervaters des Simson, die er als eine Art Entschuldigung für den verratenen und um seine Gattin gebrachten Ehemann bereit' hat: »Ich dachte, du hassest sie und habest sie darum" deinem Oenossen gegeben. Ist aber nicht ihre jüngere Schwester schöner als sie? Nimm sie zum Weibe!« Hier setzt die blühende und tiefe Erfindung Altalenas ein. Zweimal schon früher hat Simson Elinoir, die jüngere, heißblütige Schwester Semädars, die sich ihm Anbietende, Hingebende, abgewiesen! Unendliche Rachsucht erfüllt säe, die Verschmähte und Beleidigte! Sie, die dann allein dem Untergänge ihres Hauses entflieht, um später, nicht erkannt, Simson als Dalila zu nahen . .. und ihre Rache im Verrat zu vollziehen, — So kommt Simson in die Hand der Philister! t>' Bei denen ist dasschwache Rachegefühl, welches sich mit Bewunderung und einem Rest von Fröhlichkeit für ihren alten Zechgenossen mischt, fast verglimmt und sie sind~mit einem ungefährlichen Simson zufrieden; sie blenden ihn und lassen ihn bei sich leben. Zu ihm, der ungehindert in Timnata lebt, wallfahrten die Tapfersten seines Stammes vm Mut und Rat! Er übergibt ihnen in einem, großartigen Zwiegespräch Sein Vermächtnis: »Die Israeliten sollen Eisen sammeln; sie sollen sich einen König wählen; und sie sollen... lachen lernen!« Und in diesem Zeichen werden sie ein Volk werden und alle Feinde besiegen! In dem großartigen, erschütternden Briefe eines Zeitgenossen und Mifanwesenden wird Simeon ‘ in seinem herrlichen Untergange, der zugleich der lilntergang Tausender seiner Feinde ist, geschildert und gesungen von dem »unlösbarsten aller Rätsel, die mich in diesen Stunden sowohl jener unbegreifliche Mensch als auch das Volk lehrte, welches ihn liebte, ihn blendete und mit ihm zusammen im gleichen Feuer unterging«. Denn ... und da steckt weiter eine'Größe des Dichters Altalena, die Philister sind nicht abscheulich und schlecht, und die Juden sind so. wie sie in Natur sein mußten und warerrv.. und beide kamen in großen Zusammenprall, nur v?eil eben sich Völker entwickeln und frei sein müssen! Tiefes Wollen liegt in Altalenas Schilderung! Sein Roman ist mit rückgewandtem Seherblick geschrieben, er ist historisch im edlen Sinne. Und die äußere Fabel ist ein Gehäuse, um .das herum ein wundervoll plastisches und reiches Volksleben der 1s- 138 —