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Der Orden Bne Briss · 1928-02-01 · Nr. 2 - Februar (2.1928) · p. Seite 20

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1928
Issue
Nr. 2 - Februar (2.1928)
Date
1928-02-01
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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Ich hatte bis zunt 13. Jahre außer den Schulbüchern kein anderes Buch, und von Illustrationen ■ war damals überhaupt noch nicht die Rede. In der Synagoge/, wo ich ein äußerst andächtiges Kind war, j betrachtete ich oft die geschnitzten gelb und : braun. gemalten Löwen, mit ausgestreckter roterl Zunge, die hüben und' •drüben mit ihren Tatzen die (beiden Tafeln der zehn Gebote hielten. In der Elternstube ^war roch ein Ofen, daran das württembergische "Wappen mit Hirsch und Löwfe abgebildet war. Diese beiden gaben ipir die ersten Eindrücke / von. plastischen Kunstwerken. Ins Dorf kam der alte Glässemmler von . Dummeisburg, * er - hielt mit seinem Karren auf der Straße, die Kinder brachten ihm zerbrochene Scheiben, Flaschen und Gläser und , erhielten Bilder dajflr. Wir Judenkinder durften nicht zu ihm, denn er verschenkte nur Heiligenbilder.“ Eine Gespielin von mir, des’benachbarten Schreiner Kuchs A4echtilde, zeigte mir einmal ein in ihr Gesangbuch gelegtes Heiligenbild §us einem roten durchsichtigen Stoff und sagte, es ii> der warmerr Hand haltend: »Schau, wie es sich zusammenrollt. Das ist Merischenhaut!« Ich hatte nun noch mehr Furcht vor dem Bilde, das doch nur aus ejiner dünnen .Leimschicht bestand. Da die Mehrheit meines Heimatsdorfes katholischer Konfession -ist, waren an Häusern i nd Wegen, offen oder unter Glasr^hmen, viele Heiligenbilder zu sehen, aber ich wendete den Blick nicht datauf, das war religiöse* Gebot und dazu hatte ich schon früh das Gefühl, daß die hier Dargestellten daran schuld sind, daß wir Juden so.vielfach hintenangesetzt und verspottet werden. Am Österabend, wo es überatri feierlich in unserem Hause zuging, hat man ein besonderes Buch von Gesängen und Gebelen, darin waren auch Holzschnitte, und unvergeßlich ist mir die Darstellung der vier Kategorien: des Weise n, mit Turban und mächtigem Bart und stattlicher Erscheinung, des Frommen, mit Schlapphut. und Kaftan, des Einfältigen, der so erbarmungswürdig dreinsieht, klein und dürftig, und des Bösewichts, der ein Schwert hat und Schild und Flügel auf dem Helme, und mit dem einen Beine ausschiägt wie ein böses Pferd. (Dem Gedächtnisse Auerbachs haben sich die Bilder mehr als ihre Namensträger eingeprägt. Unter den »vier Söhnen« befindet sich kein »Frommer«, sondern ein Weiser, ein Bösewichf, ein Einfältiger und ein Unkundiger, der nicht zu fragen versteht R.; Ich mußte* aber damals schon ein Gtfühl von Proportion und Perspektive gehabt haben, dehn bei dem Bilde, das Mosts darstellt, der mit einer Keule den bösen ^egyptcr totschlägt, sagte ich, auf den Hintergrund dt r mehrstöckigen Häuser und des hohen Turmes depterftif, zu meinem ältesten Bruder Maier: »Der Stock ist ja höher als der Turm,« und er sagte: »Du hast recht, aber bete weiter!« Mein Bruder Maier sah schon von Kindheit an in mir de i Mann gelehrten Berufes, natürlich einen F!abl?iner. Et war ein gar milder Mensch, der sich als Ojfchsenhändler sehr unglücklich fühlte: er wäre g^rn ein Gelehrter gewesen und an Ssmstageli uhdFeiertagen las er viel, besonders die Schriften von Moses Mendelssohn, die er aber streng: vor mir verbarg' j Neben <$en Anschauungen des unmittelbaren Dorttebens war meine jugend ausschließlich mit alttestamentlichen Vorstellungen ängeflllt. Ich glaube, daß ich 16 |ahre alt-war, ehe ich klar wußte, daß es je Römer und Griechen gegeben habe.! Ich verließ das Heimatsdorf ,und kam in d|as Seminar der Talmudschule zu Hechingen l^h verbrachte dort ein trauriges Stück Leben Von Kunstgebilden, sah ich hier nur die grausen haTt starrblickenden lithographierten Porträts verschiedener Rabbiner mit breiten oder spitzer Bärten und mit Schwarzen Käppchen auf dem Haupte. Aber hier sah ich auch d e beiden ersten Oelbilder, die Gestalten meines Rabbi und seiner gesprächsamen Ehehälfte. Einstmals, als wir einen Ausflug nach dem fürstlichen Schlosse Leidig machten, | sah ich durch ein offenes Fenster das Bild eihjer nackten Frau. Wen es darstellte, kann ich nicht wissen, denn als es mein Rabbi bemerkte, riß er mich schnell weg und deckte mir die Aug^n mit der Hand zu; ob ein Schlag voranging,, ist mir nicht mehr erinnerlich. | Ich -karfi nach Karlsruhe auf djie höhere Talmudschule. Auch hier nichts vonj bildender Kunst. Als in dem Hause, wo ich mit noch zwei Kameraden wohnte, die Stuben neu tapeziert wurden» ging der überaus fromme j Hausherr, Rabbi Jokef Weil, durch alle Zimmer 1 nd machte da und dort einen Oelflecken'in die Tapete oder riß ein Stück ab. Das sollte an die Zerstörung Jerusalems erinnern, nach der rriatl sich nie vollauf wohlfühlen sollte. Ja, ein j/erwandter von mir, ein sonst weltlich gesinnten Mann, der sich neue silberne Armleuchter angeschafft hatte — er nannte sie Girandolen, und dait Wort imponierte mir ungemein —, holte eine Feile und — 20 — )

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