Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 2 - Februar (2.1926)
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6727475-6029137-6074686--1061-4867710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I •l Geheimnis entschleiern dürfen, welches das Haus und das Leben unseres Nächsten umwebt. Aus . dem Altertum wird erzählt, däß in der griechischen Kolonie Massalia jemand, der die Bürde des Lebens freiwillig abwerfen wollte^ vor dem Rat der Sechshundert um die Erlaubnis hierzu nachsuchen mußte. Diese Einstellung, alles hinauszutragen in die Oeffentlichkeit und vor ihrem Forum zu besprechenj ist heidnisch. Der Jude ist nur seinem Ootte verantwortlich, Gott allein darf richten; Gott gibt die Antwort auf alle Fragen, die seine Kinder an ihn richten. Der Mensch steht inmitten der Verborgenheiten des Lebens; nicht einmal die Erkenntnis seines eigenen Wesens ist ihm verliehen. Goethe sagte einmal im Alter zu Ackermann: »Der Mensch ist ein dunkles Wesen. Er weiß nicht, woher er kommt und wohin er geht Er kennt die Welt nicht, die Welt kennt ihn nicht, j Ich kenne mich auch nicht — undOott behüte mich, zu glauben,'daß ich mich kenne!« Ja, es ist eben jeder Mensch ein Oeheimnis. Drum können und dürfen wir über andere nicht richten: um uns handelt es sieht Jeder soll sich klar werden, was das Leben für ihn bedeutet. Wie man niemanden vor seinem Tode glücklich preisen kann, darf sich auch niemand vor seinem Tode unglücklich nennen, denn das Leben kann ihm noch manche Erfüllung bringen. Jeder hat in seinem Leben schon Stunden der Verzweiflung erlebt, in denen er glaubte, Leben und Glück zerflattern ihm; und doch hat das Leben ihm manche Erfüllung, manche unerwartete Verwirklichung gebracht. Demgemäß beraubt sich derjenige, der das Leben abwirft, einer Zukunft die sich für ihn — vielleicht — eines Tages wieder lichten würde. Es frage sich jeder: . . Was ist dir dein Leben? Ist das Leben wirklich bloß Aeußerlichkeit, Gewand, Haus, Glanz? Vielen unserer Zeitgenossen scheinen die Aeußerlichkeiten dem Leben Sinn und Bedeutung zu geben. Gewiß, wir verschmähen nicht die Annehmlichkeiten des Lebens, .da ja das Aeußere auf das Innere wirkt : — ».Le superflu c’est souvent le plus necessaire« — alles, was das Leben schmückt, dientja auch zu etwas in unserem Leben. Aber nur der sittliche Wert, nur die Persönlichkeit gestaltet erst etwas aus dem Leben. Aus Hunger scheidet selten jemand aus dem Leben; er legt Hand atj sic weil er glaubt, auf das Aeußerliche nicht ve zichten zu können. Das Bewußtsein, durch sic selber nichts zu sein, bringt ihn zur Verzwen lung: wie kann er vor dem Anderen bestehe wenn er keinen äußeren Besitz mehr aufweise kann?! j Ist es wahr, daß ich weniger bin, wenn ich weniger gelte? Bin ich tatsächlich lur jetwas durch äußeren Olanz, oder bin ich es Idurch mich selbst? Drum erheben wir die Forderung Sei etwas durch dich selbst! ,Lerne das Aeußerliche gering achten; sei ein Mensch sei ein Jude! Dann kannst du selbst in der Kargheit und Dürftigkeit leben. Sei ein Baumeister deines Lebens! Unser Leber gibt uns s<J viel, als wir selbst ihm geben. Frage; was d u durch dein Gemüt, deine Seele deii tem Leben gibst! Durch sich ^selbst dem Le>en!Sinn und Bedeutung geben, das ist jüdisch gedacht. > Unser Leben sollen wir dem Wöhle-der Anderen weihen. Im Buche Oottes steht geschrieben, was wir getan haben; auf iinei^ 'Seite, was wir gegeben haben für /die Ni rhtigkeiten des Lebens, für Prunk und Flitter; auf c er anderen Seite steht unsere Wohltätigkeit, w: s wir — rögemd, oft mit zurückgezogener H ind — für die Werte des Lebens verausgabten — Ziffer ür Ziffer, Jahr für Jahr und wem wir! dann die Summe dieses jüdischen Lebens zehen^ was iergibt sich? Niemand von uns] hat i'enug getan! - 'Das ist die eiidringliche Mahnung dieser Stunde. Was gabst du für Wichtigkeiten und Torheiten und was gabst du iür dein wahres Ich? Was gabst du für die - änderen? Warst du immer eingedenk: Reich machen nur die Opfer für andpre? Wer in guten Tagen gelernt hat, jüdischen Oedanken nachzusinnen,, der wird < uch in der Stunde der Verzweiflung das rettend* Wort veri ehmen. Drum frage sich jeder in die ser erhsten S tunde: Was bist d u in deinem Lebei? V^ofür gibst du, für das Nichtige oder für das £wige in dir? Wer sich auf diese Fragen die rechte / ntwort geben kann, der hat sich das Leben neu gegeben. Der nächste Redner, Br. Oberre gierungsrat C o s I a r, beleuchtete die tiefernsten Fragen der C egenwart hauptsächlich vom Standp unkte jüdi- 18