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Der Orden Bne Briss · 1925-11-01 · Nr. 11 - November (11.1925) · p. Seite 208

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1925
Issue
Nr. 11 - November (11.1925)
Date
1925-11-01
Page
Seite 208 (sequence 14)
Language
German
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In der ganzen Kulturwelt ist wohl das Gefühl allgemein, daß die sogenannte hohe Politik in ihrer Behandlung der Völkerspannungen und |des Völkerausgleiches gänzlich versagt hat. Man hat das Gefühl, daß diese hohe Politik, auch Wenn sie sich Realpolitik nannte, sich doch der ujigeheuren Tealen Umwandlung aller menschlichen Lebensbedingungen in den letzten Jahrzehbten nicht angepäßt hat.. Gewiß hat die Diplomatie auch mit all den neuen Wirklichkeiten zu rechnen . versucht, aber in ganz äußerlicher Weise; ^nan hat in alter Weise die national-egoistische [Einstellung beinhalten; man hat statt des offenen Kriegszustandes einen heimlichen Wetteifeij des Uebervorteilens, Drohens und Intrigierens organisiert, gerade dadurch aber [sind alle schlechten Eigenschaftein so erhitzt worden, daß eine kriegerische Explosion unausbleiblich wurde. Die Schöpfung und Selbstbehauptung :ines staatlichen Ganzen erscheint |denmeisten Menschen immer noch als ein bloßes!Naturphänomen das vom Sittengesetz unabhängig ist. Und doch sind diese sittlichen Kräfte realpolitische Faktoren erster Ordnung; die Loslösüng der Politik vom S ttengesetz ist ein Grundfehler auch des politis chen Denkens' Politisch ist immer nur, was Gemeinschaft zu organisieren. weiß; — wirkliche Gemeinschaft aber-entsteht nur dijuch Herausgehe i aus der Selbstsucht, auch aus der staatlichen. Ein Staat, der “sich anderen Staaten gegenüber von sittlichen Rücksichten los^prichl, schwächt dadurch nicht nur seine gemeinschaiftsbildende Kraft im Innern, sondern er ist auch'eih schlechte-Verteidiger seiner selbst nach außen. Statt di«; Umwelt sittlich zu organisieren, löst er sie auf und verwandelt sie in ein Chaos von niedere 1 Gewalten. . : . , Daß der Staat ein Recht und eine Pflicht zur Selbstbehauptung hat, wird niemand bestreiteru es gibt aber eine kurzsichtige und eine weitblickende Art der Selbstbehauptung; Selbsterhaltung bedarf eines durchdringenden Blickes für die "Realität der uns umgebenden Welt; denn die umgebende .Welt erfüllt alle Horizonte des wiiklichen' Geschehens, dem gegenüber die'Wirklichkeit des eigenen Ich, des isolierten Staates, zu einer winzigen Größe' zusammenschrumpft. Es ist daher gerade um unserer Selbst willen notwendig, die Umwelt vpn1 Grund auf iu verstehen. Dieses sich Versenken in das, wa^ außer Uns ist, kann nur durch Liebe, nicht durch den Geist t er Selbstsucht geschehen.! Die Staaten stehen heute in einer »o innigen \trechs< Iseitigen Abhängigkeit von einander, sind so auf gegenseitige Ergänzung angewiesen, daß c ie Existenzsicherung und das Wacl stum des einen mtrennbar mit dem Gedeihen dis anderen Verbunden ist. Die grundlegende Lebensbecingung für den modernen Staat best:ht keineswegs in der selbstsüchtigen Isolierung und bloßen lieben orteilungoderVerdrängung anderer Staaten, sondern gerade umgekehrt in der Fähigkeit zur Gemeinschaft, zur Einordnung und zur Verständigung. I Wie von * selbst führen diese E kenntnisse zp den neuen Formen der Organis erung der Völkei. Als leitendes Prinzip dieser Bestrebungen hat Förster den Begriff des Födera ismus von rteuerr zur Geltijmg gebracht. Er versteht darunter das Prinzip der Einigung zweier miteinander kollidierender Gruppen zu einer höheren C^rdnung, in der der gerechte Anspruch des einzelnen gt wahrt und die entgegenstehende i Interessen durch gütliche Vers tändigungausgeglic len werden. So vemiag der Föderalismus allein Einheit und Fjreih^it, Gemeinschaft und Individuslität miteinander! zu versöhnen; er ist angewandte Liebe, Achtling vor der Würde und dem Eigenrecht des N enschen. Föderalismus iist die Begründung der menschlichen Gesellschaft] d. h. dir wahre Vereinigung von zweien statt der Unterd ückung des ejmeni durch den anderen. 1 Damit ist gleichzeitig ^ausgesp ochen, daß diese neuemenschlicheGeselljschaft in ihrer letzten Konsjquenz verzichtet auf die Anw endung der Qews it. So utopisch diese Forderu ig auch auf den (rsten Blick erscheinen mag, di: Geschichte zjeigt, daß die sittliche Idee auch in natürlichen Weltgeschehen schließlich über die rohe Gewalt dbsiegt: Die durch das Schwert jesepaffenen Welt) eiche Babylon, Rom, das N ipoleonische Ifnpe ium sind nach kurzem Besta ld zerfallen, [flagegen haben die Märtyrer aller Völker der sittlichen Idee, für die sie starben, gegenüber ihren \fergi iwaltigern zum Siege verholfen. Das stärkste lebende Beispiel für die gewaltlose Methode ist pnd bleibt die Existenz des jüdischen Volkes, das ihmitten einer Welt von Gewalt und U iterdrückung pur d urch die Kraft der seiner Lehre inr ewohnenden großen sittlichen Prinzipien sich hat behaupten 208

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