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Der Orden Bne Briss · 1925-08-01 · Nr. 8/9 - August/September (8.1925) · p. Seite 135

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1925
Issue
Nr. 8/9 - August/September (8.1925)
Date
1925-08-01
Page
Seite 135 (sequence 5)
Language
German
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Wenn zum Judentum seit den'jZeiten der Ptofetenschulen stets eine besonders starke Oeistigkeit gehört hat, so wird die Loge von ihren Mitgliedern fordern, daß heutzutage über Sport und Kunst nicht Bücher und^ildung vergessen werden, über Frömmigkeit des Oefühls und der Tat nicht religiöses Wissen, bei Kindern wie Erwachsenen. Oder: Wenn die Judenfleit von Abraham und Mose'bis zu Herzl und Landauer Millionen Opfer für ihre Ueberzeugung gebracht hat, so wird auch die Loge diese höchste Betätigung edler Menschlichkeit von uns fordern, ob sie nun sagt: Kein Bruder darf sich von irgend einem Menschen übertreffen lassen an wohlwollender und gerechter Behandlung seiner , Angestellten; oder ob sie verlangt, jeden Idealismus anzuerkennen, auch bei dem Gegner der eignen Ueberzeugung. Oder: Wenn jede Gemeinschaft zu ihrer Erhaltung eine starke Zentralisation nötig hat, so wird die Loge heute mit eintreten müssen für die Schaffung eines geistigen Zentrums im Judentum, bei aller Wahrung der geistigen Freiheit für die Einzelnen wie für -die Landsmannschaften. So, meine ich, muß allüberall die Loge im Judentum das Menschliche und im Menschentum das Jüdische zu erhalten streben. Das klassische Ideal des Allgemeinen mit dem Modernen des Eignen vereint, in holder Verbrüderung, nicht nebeneinander, sondern in einander gewoben"— das, scheint mir, müßte das Motto unserer Logenarbeit sein: Judentum der Ansporn zum Idealismus, Menschentum der Inhalt des Judentums! Menschentum das Muster, Judentum die Farbe! Menschentum das Gedicht, Judentum der Dichter!. Menschentum das Ziel, Judentum der Weg! - Die Synthese ist idie Wahrheit der Gegenwart! .... Der Lyriker Ernst Lissauer als jüdischer Dichter. Von Dr. Lud wie Davidsohn. Berlin. Auf der jüdischen Psyche lastet ererbt der Druck und die Not von Jahrtausenden. Es ist leicht zu verstehen, daß vielen Dichtern jüdischer Seele etwas Müdes, Morbides, Melancholisch- Weltschmerzlerisches anhaftet. Um so erfreulicher und begrüßenswerter ist es darum, daß unter den deutschen Dichtern jüdischer Herkunft eine Erscheinung wie der Lyriker Ernst Lissauer zu rühmen ist, der — ebenso wie ein Berthold Auerbach — nichts Krankhaftes, Trauerndes, Verlebtes an sich hat, sondern der so urgesimd, unverbraucht, frisch und jugendkräftig ist, daß seine Persönlichkeit und Werke allein genügen, um den Vorwurf der Degeneration, den man dem jüdischen Schrifttum oft macht, zurückzuweisen, zum mindesten stark einzuschränken. Schon der Name seines ersten Gedichtbandes ist ein Programm: »Der Ackere. Inhalt und Titel sind Symbol des Lissauerschen Wesens selbst, des gesunden, sich stets erneuernden Wachsens, der sonnenbeschienenen Erde, auf der bei unbewölktem Himmel Licht in verschwenderischer Fülle ruht. Gedichte voll lebensbejahendem Jubel und fröhlichem Dank dem Schöpfer, der die Welt so schön gemacht! Die Verse erinnern, trotzdem ihre. Diktion , ganz untraditionell und modern ist, in ihrer Klangschönheit und Bezwingung der Form oft an die besten Meister unserer Literatur. Die'Seligkeit des Allnatur-Empfindens hat W a J t W h i t m an, die Poesie des Alltags hat V e r h a e r e n ähnlich gestaltet, beide aber rhetorischer, weniger geschlossen, nicht in dieser prägnanten, ehernen Kürze und verhaltenen Gedrungenheit. Welch! ein Labsal und Trost in unserer verfallenden - und von so vielen Leiden kranken Zeit ist das Werk dieses Dichters, den man sich in seiner ‘ fröhlichen Sonnengebräuntheif so gut als bukolischen Glückswanderer vorstetlen könnte, wenn nicht sein Lied immerdar mit Naturnotwendigkeit am Schluß ganz in den tiefernsten,r religiösen Ton der Bibel und des Gebetes münden würde. Noch klarer und eindrucksvoller treten die Vorzüge der Lissauerschen Kunst in seinem zweiten Oedichtbande: »Der Strom«- hervor. Hier ist modernes Naturleben, moderne Frömmigkeit gemeinsam mit'dem Atem unserer Zeit gleichsam „ zur lyrischen Formel geworden. In den Versen -> schwingt ein neues, sittliches Pathos, eine in tiefster Oottesverehrung wurzelnde, ganz neuartige Deutung unseres Alltagsdaseins, welche' überall die , 135 f

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