Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 8/9 - August/September (8.1925)
- Date
- 1925-08-01
- Page
- Seite 132 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Während aber die Dichtung uns einen Ge-i samtanblick des Lebens gewährt, jedoch kein Lebensideaf aufstellt und vor allem keine Anweisung zur sittlichen Lebensführung im Ein-;; zelnen darstellt,- führt uns die Religion zu den Quellen des Daseins und -begleitet unsere Schritte bis zur Mündung. Und es ist der letzte und! tiefste Sinn der hohen Feste des Judentums, der, Neujahrstage und des Versöhnungstages, daß sie uns zu den,Ursprüngen alles Seins und Er-| lebens zurückführen. Nicht nur daß Rausch- Haschonoh als' der Schöpfungstag der Welt gilt, nicht npr daß ein neuer Anfang in der Verkettung der Lebensschicksale konstatiert wird: Teschuwo ..Rückkehr« bedeutet nichts anderes! als das Sichzurückfinden zu dem Quell des Lebens, zu Gott; Wer zu den Quellen zurückgeht, findet immer Gott; wer an der Oberfläche, sich bewegt, kennt nur die ihn treibenden Kräfte zweiter Ordnung. Da aber die Gottheit nicht anders denn als die sittliche Urlcraft aufgefaßt werderr kann, die dem ganzen Weltprozeß Sinn und Wert gibt, so ist Rückkehr zu Gott dasselbe; wie Rückkehr zum sittlichen Leben, zum wahren j Menschsein. Das Leben nicht unter den Gesichtspunkt der Nützlichkeit stellen, die wirtschaftlichen Interessen als Mitfel, dicht als Selbstzweck betrachten, das eigene Selbst7 in den Dienst des ethischen Ideals einfügen, die Menschenbrüder in der Erkenntnis ihrer sittlichen Aufgaben stärken: das sind die Quellen und Gründe des Lebens, die uns v.on Selbst die Abgründe und Niederungen, die.Abirrungen vom sittlichen Sein, offenbarten, die wir Sünde nennen. Darum ist die Parole der höchsten Feste: »Wenn wir unsere Wege untersuchen, müssen wir auf den Grund gehen; so finden wir zu Gott zurück.«*' Es ist ein unwägbarer Gewinn, zu den Quelle^ und Gründen des Lebens hinabzugehen. Hier ist alles rein und klar und wahr wie das Wasser der Quelle. Hier gibt es keine Lebenstrübung, die der Zweifel an sich selbst und an den Anderen bewirkt. Wer zu den Ursprüngen sich hinbewegt, läutert und vertieft das Leben. Die; großen Geisteshelden aller Zeiten sind Männejy die fähig sind, sich in den Tiefen zu halten.! Sie sind die Quellenmenschen, die das Lebejn und das All in. der ganzen Unmittelbarkeit begreifen, die Originale, die zu den »Ursprüngen« zurückgehen und selbst einen neuen Ursprung In der Entwicklung der geistigen und sit liehen Kräfte d|er Menschheit bedeuten. Darum sind ivir an den hohen Feiertagen trotz aller Niedrigkeit, die uns das Bewußtsein der Abirrun; vom Sittlichen Ideal anheftet, wahrhaft groß, weil wir zu dem ..Quellen und Tiefen unseres Mensch*nseirs Zurückkenren wollen. Der Mensch ist immer auf (fern Wege zur Tiefe. Und aus der Ver iefun.; geht die [Erhöhung hervpr. In cjiesen heiligen Tagen Schweigt d*r kalte Verstand!; Herz und Gemüt -machen ihre Rechte geltend,! die in der Berufsarbeit des Jahrekurückgetreten; sind. Das Gemüt aber ist das Zentrumj unseres Seins. »Mehr als alles, was zu behüten ist, bewahre dein Herz, dein aus ihm strömen die Quellen des Lebens<. Das Herz ist nicht nur der selbsttätige Mittelpunkt des körperlichen Organismus, sonderr auch in ethisch übertragenem Sinne das Ge vissen, das reihe sittliche Bewußtsein des Menschen. Mit dem Kopfe denken ist in der Pra>is des Lebens Sache des kühlen, aHzunüct ternen, selbstsüchtigen Nützlichkeitsmenschen, d s Klugen, der nur sein Ich kennt. Mit dem Herzen jdenken Ist Weisheit. Gedanken der Gl te und der Aufrichtigkeit stammen aus dem lebindigen Quell des Lebens. Das Gemüt findet aber auch den! Zugang zum Geheimnisvollen, das uns überall imgibt. Alle tiefen Zusammenhänge und Verwicklungen sind ein Mysterium. Es webt im Lebe i jedes Menschen mehr das Geheimnis als die bewußte Klarheitj Wer aber zu den Quellen des'; Lebens vorzudringen sich bemüht, dem wird c as Geheimnis! zur Offenbarung. Das ist nicht Mystik, sondern; die Feststellung einer alltägliche!, Wahrheit, die am Lebensquell des Herzens zur Gewißheit wird. I , i Führt uns. unser Orden nicht auch zu den j 1 Gründen und Ursprüngen des adligen Me nschentums, wenn er auf den Säulen des Wohlwollens, der Bruderliebe und der Eintracht unseren Lebens- Ibau zu errichten gebietet? Sind jene drei hohen Tugendpn nicht Quellen der sittlichen Daseinsführung; aus denen wir ein vertieftes, verinnerlichte% unmittelbares Verständnis der Bruderseele schöpfen sollen? In der Tat vill die Logenarbeit ans nur immer wieder ~zui Selbsterziehung aufrufen und uns den Gedancen einschärfen, daß das Leben eine sittliche Aufgabe — 132 -