Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 2 - Februar (2.1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Spiegelmenschen, zu ersticken un|d sich zur Einheit emporzuläutern. Dieser Weg is^ begleitet von mannigfaltigen, geistigen, farbigenL zum Teil auch sehr aktuellen Bildern, die in ihrer dichterischen Schönheit und erfüllten Bewegtheit nur von einem ganz starken, dichterisch :n Geiste geschaffen werden konnten. Abei-diesem Thema der Entzweiung gegenüber,das sowohl psychische Wie metaphysische Bedeutung beanspr jcht, muß gesagt werden,- daß die eigentliche d amatische Lösung ausbleibt. Schließlich isf in der Gestaltung des Thämal (genau wi|e in der entsprechenden Lyrik Werfels) diese Problematik'in ihrer ganzen tragischen Atmospjhäre wohl aufgezeigt, ohne daß .aber eine neue[ Objektivität gewonnen wird, die jenseits dieses Konflikts da ist, und neue Möglichkeiten eröffnet, ohne daß eine Weit betreten ist, die die UeberWindung der entzweiten, verdammten Erde bedeutet. Im letzten Grunde wird dieser neue Faust nicht erlöst ünd bietet auch seiner Zeit, von der er slehr erfüllt ist, keine Erlösung, da der Bußetod als das Ergebnis der Selbstschau ja eigentlich; nur eine psychologische Bestätigung der Entzweiung, nicht aber ihre sachliche Ueberwindung bedeutet. In welchem Maße ist diese Dichtung jüdisch? In welchem Sinne kann Werfel, von dieser .deutschen Gegenwart in die vorderste Reihe heutiger Kunst gerückt, als Ausdruck jüdischer Wesenheit gelten? Zunächst nicht; im Bezirk des rein Künstlerischen, der Formensprache, der transzendentalen Gestaltung des Lebens. Fast immer ja hat jüdische Kunst in nachbiblischer Zeit (unabhängig von der Sprecherin der sie gestaltete) sich in die Stilübung und -Entwicklung ihrer europäischen Umgebung eingefügt! jund ihre Gestalt in der Begegnung des jüdischen Erlebnisgehalts mit der Formensprache, dpe sie vorfindet, gewonnen. Aber diese Begegnung bedeutet Durchdringung beider Elemente, da Form und Inhalt ja sich gegenseitig bedingende Wirklichkeiten sind. Werfels hymnischer {Schwung, der Rhyhtmus seiner sich wn Erden zu Himmeln weitenden Musik, die Gegenwärtigkeit von Bild und Sinnbild: sie sind Zeugnis der .Verbindung eines (romantischen, dann religiösen) Gehalts mit einer deutschen Lyrikspreche, wie Sie zwischen George.und. Whitman . sich zu entfalten sucht. Dieser Gehalt, gleichermaßen bedingt durch Raum und Zeit, kann sicher■ nicht schlechthin als jüdisch bezeichnet werden, zeigt aber in Herkunft und Richtung durchaus jüdisches Gepräge. Da ist der ausgesprochene ethische Zug in Werfels Lyrik, der ihn von dem monologischen Charakter sonstiger Lyrik trennt; denn jedes Ethos, mag es auch dem heimlichsten Ich-Erleben entsteigen, hat, da es in. Entscheidungen gipfelt, einen über das .Individuum weit hinausgehenden Geltungsbezirk. Solche ethische Dichtung — mit ihrer. großen Gefahr: dem diktatorischen Soll des ^Moralisten — ist (neben dem mystischen) der Ausdruck religiöser Wesen-, heit, wie die jüdische GeistesgeschiChte 'sie immer * wieder vertritt. Da ist ferner jenes Mittelpunkts- Erlebnis der Entzweiung, das im Individuum . und im Volk unser altes jüdisches Schicksal bezeichnet. Von der Zerspaltenheit für Geschlossenheit, von der Zerrissenheit zur Einheit: diese Sehnsucht und dieses Oebot von Jahrhunderten jüdischen Lebens — sie fanden in Werfels Dichtung den besonderen Ausdruck dieser Zeit. »Sich zur Einheit vollenden, bis man vollendet ist nach der Schöpfung, wie man'vor der Schöpfung war, daß man ganz eins sei, ganz gut, ganz heilig,, wie vor der Schöpfung* — fprderte der Rabbi. Nachman. ' ' ' Die ethische Dichtung der Juden, manchmal erstarrend in Moral oder Optimismus, aber auch, sich aufgipfelnd zum Credo des ‘Bekennens zu Gott und zum Ich, wird heute wieder durch Werfel vertreten. £r spricht aber nicht für den Sonderfall der Juden, ist nicht Bekenner von Qual und Erlösung einer geschlossenen Oemejn- .* schaft, sondern läßt sein gesamtes Wesen, in ' seiner Bestimmtheit durch Blut, Gftade und Gegenwart dichterisch entfalten. Er, gestaltet nicht als Künstler Jüdisches, sondern ist jüdischer Künstler. 31