Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1924
- Issue
- Festnummer zum Ordenstage : Oktober 1924 (10.1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 155 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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mischen freien Berufe, denen die Inflationszeit völlige Verelendjng gebracht hatte, schienen sich nach den:n Al 'lauf wieder etwas zu heben. Aber auch hi ir sind die guten Zeiten, die bei den Aerzten vielleicht zum Teil mit den Krankenkasscnstreiiigkeiten zusammenhingen, vielfach schon wieder vorbei. In dfer Anwaltschaft hat jeden' alls die Stetigkeit, die eine eingeführte Praxis i u einer regelmäßigen Einnahmequelle machte, nufgebjrt. Die Existenz beruht jetzt meist auf einzelnen größeren, mehr oder weniger zufälligen A/andaten oder auf einer Spezialpraxis, deren!Ergiebigkeit je nach der Konjunktur weciselt. Z. B, ist die Jätigkeit auf dem Gebiet des Arbeits-, Steuer- und Wirtschaftsrechtes im allgemeinen zurückgegangen, während die Umstellung auf die Goldmark und die Zahlungskrisen wieder andere Tätigkeitsgebiete für den Anwalt eröffne haben. Völlig wechselnd war auch die Lage der Beamten. Einer Zeit schwerster Not age, die zur Aufzehrung der letzten Ersparnisse führte, folgte in der Mitte des jahres 192Ü eine kurze Periode, während deren die Regelung der Beamtengehälter dem Beamtenstand, rarrientlich gegenüber den freien Berufen eine bessere : Existenz ermöglichte. Dann aber setzten <ler maßnahmen ein, die trotz Geldes die Beantenge Friedenssätzen halten Abbau und die Spargeringerer Kaufkraft des läfter noch weit unter den Aenlich ging es bei den Arbeitern und Angestellten. Zuerst nach dem' Kriege ungeheuere Not und Erwerbslosigkeit, dann infolge der Tätigkeit der Organisationen, der gesetzgebe ischen Maßnahmen und Tarifverträge ein starkes Ansteigen der Löhne und Oehälter, namentlich bei Ungelernten und jugendlichen uid nach der Inflation wiederum die Arbeitslosigkeit mit all ihren Folgen, vielleicht noch mehr bei den I Angestellten als bei den Arbeitern! hierzu tritt dann aber noch ganz allgemein die Entwertung allen Vermögens, gleichviel, ob es in festverzinslichen Papieren, Aktien oder Grundbesitz angelegt war; als Folge hiervon die Vernichtung der Existfenz fast aller, die sich mit einem in jahrelanger Mühe erarbeiteten Kapital zur Ruh» gesetzt hatten und der Witwen, denen der verstorbene Ernährer ein ruhiges Leben gesichert zu haben glaubte. Der gleiche Umstand führte aber zu einer besonders schweren Notlage auch für einen Teil der für das Kultur- und Geistesleben wertvollen Persönlichkeiten, die mit Rücksicht auf ein vorhandenes Vermögen sich eine A^beitstätigkeit zur Lebensaufgabe gemacht hatten, bei der sie nicht, oder mindestens nicht in erster Linie auf Einkommen zu sehen *’ 9 brauchten, und die auch ihre' ganz^ Lebenshaltung, insbesondere die Erziehung ihrer Kinder auf diese Grundlage eingestellt hatten. Gerade die Lage dieser Schichten hat sich in letzter Zeit noch ijnehr verschlechtert, nachdem die vorübergehenden Hilfsquellen der Inflations-- zeit (Untervfjrmietung von Wohnungen, . Veräußerung votji Wertsachen) zum größten. Teil versiegt sindJ . . Alle diese Not und Unsicherheit macht sich im Berufsleben der deutschen *juden -poch schärfer geltend als sonst im deutschen Reiche. Die Familien wurzeln meist in den kleinen Gemeinden des Ostens und Westens, saus denen zum größten Teil die letzten Generationen in die großen; Städte gezogen sind.; Beruflich gehört immer noch der größte Teil dem Kaufmannsstande an, wobei der -Beruf von den in der Heimatgemeinde Verbliebenen in dgr -von Geschlecht zu Geschlecht fortgeerbten Form weitergeführt wird, während die in die Großstädte Gezogenen sich über alle Arten der Kaufmannstätigkeit,verteilt und, obwohl, das ersehnte Ziel immer die Selbständigkeit war, viel» fach dauern^ in den verschiedenen Staffeln der Angestellten-jStellungen verblieben sind, Daneben aber findet sich in fast allen Familien, ein gewisser Bruchteil von Akademikern* für deren Heranbildung die Angehörigen erhebliche Opfer gebracht haben. Die oben gekennzeichneten Veränderungen der wirtschaftlichen Verhältnisse haben nun gerade innerhalb der1 Familien die Verschiedenheiten schärfer als je hervortreten lassen. Während man sich sonst gemeinsam durchhalf und trotz bestehender wirtschaftlicher Verschiedenheiten immer noch auf gleichem Fuße verkehrfen konnte, ist jetzt vielfach zwischen die Heraufiund Herabgestiegenen Neid, Mißgunst und Entfremdung in einerit früher nicht gekannten Ujnfang getreten. Die Unzufriedenheit wächst besojruiers bei denjenigen, denen infolge der Inflation ein kurzer Aufstieg vergönnt war, und die sich nunmehr in frühere enge Lebensverhältnisse nicht mehr zurücKfincTen können und wollen. D^s mühelos und rasch', erworbene 155