Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1923
- Issue
- Nr. 7/8 - Juli/August (7.1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- Seite 58 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6727475-6029115-6074566--0379-4867058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Was bezweckt unsere Logeoarbeit angesichts des Zusammenbruches der öffentlichen Fürsorge? Aus einem VÖrtrag, gehalten vor der Hermann Cohen-Loge am 6, März 1923 von Br. Dr. med. Samson R. Hirsch, Oberarzt des städtischen Krankenhauses Sandhof zu Frankfurt a. M. Ist es berechtigt, von einem Zusammenbruch er öffentlichen Fürsorge zu sprechen? Mancher Wird meinen, man solle den Teufel nicht an die Wand malen. Andere werden sagen: »Welche Verkennung! . Gab es doch keine Zeit, in der man mehr von Fürsprge und sozialen Dingen dete und schrieb als gerade, heute!« In der at ergießt sich alltäglich eine Flut von Aufrufen, itungsartikein, Sammlungsberichten über uns, daß es fast absurd erscheint, an der Lebendigkeit und den Aufschwung' der öffentlichen Für- ^orgeeinrichtungen zu tweifeln. — Hier sei ein Gleichnis erlaubt: Wir gehen in einer Straße an (inem großen festgefügten Hause 'vorbei; wir achten kaum auf die 'Bestimmung dieses Hauses, och weniger der Quadersteine, aus denen es ich Zusammensetzt. Aber, wenn dieser schöne u zusammengestürzt ist, dann bedecken die leinmassen und das Geröll und die einzelnen teirie, aus denen er zusammengefügt war, ein eites ‘ Feld — größer als die ursprüngliche rundfläche und versperren uns den Weg, und der Stein und jeder Balken ruft unS die Beeutung des Gebäudes in die Erinnerung. — benso wie mit diesem Bau steht es heute mit er großen Organisation unserer i öffentlichen ürsorgeeinrichtungen! Und, wenn'man bedenkt, aß diese Organisation — der Schutz der rbeitenden Klassen in wirtschaftlicher und geundheitlicher Hinsicht — die eigentlich festeste tütza für den wirtschaftlichen Aufschwung utschlands vor dem Kriege gewesen ist, wohlgemerkt in einer Zeit der Luxuswirtschaft $o bedeuiet die Erschütterung dieses Unter-! rrundes in einer Zeit der W i r t s c h a f t s n o t ichlechthin eine Katastrophe. Die Folgen in wirtschaftlicher, kultureller, sittlicher und nicht »uletzt auch in politischer Hinsicht sind nicht , ibzusehen. ' . Aus welchen Elementen entspringt die öffentliche Hilfstätigkeit? Sie ist eine Funktion des menschlichen Gemeingefühls, in ihren Auswirkungen sowohl von empfindungsmäßigen wie verstandesmäßigen Einflüssen beherrscht und geleitet. Diese komplexe eigenartige Zusammensetzung bedingt zwei Arten von Hilfstätigkeit, die zwar vielfach in praxi ineinander übergehen, die aber sowohl nach demMjotiv, wie nach der Stellung zum Gegenstand der Fürsorge von einandergeschieden werden rr üssen: 1. die charitativ-humanitäre, 2. die soziale Hilfstätigkeit J Die charitativ-humanitäre Tätigkeit entspringt -zunächst einer persö ilichen Stimmung ihres Trägers und ist pft mit religiösen Zwecken verbunden. Hier haben wir die »Wohltätigkeit« in eigentlichster Bedeutung, die nicht nur dem Nehmenden, sonderjh auch dem Spender zum Heile gereichen soll. : Es ist die Wohltätigkeit der Barmherzigkeit, tyie sie von den religiösen Gemeinschaften zju allen Zeiten gepflegt worden ist. Die meisten! philanthropischen Stiftungen der verflossenen Jahrhunderte verdanken diesem Geiste ihfe Entstehung. Die Tatsache aber, daß bej .dieser Art Hilfstätigkeit der Person des Gebenden eine wesentliche Bedeutung zukommt, führt! nicht selten dazu, daß die persönliche Absicht den sachlichen Zweck der Hilfe überwuchert. Infolgedessen die ungünstige Bedeutung des Wortes »Wotjltuer«, wie es hierzulande als Bezeichnung für einen schlechten Wohltäter üblich Ist Die charitativ-humanitäre Fürsorge fragt:j »Wo kann ich helfen, wo kann ich von meinem Ueberfluß Bedürftigen abgeben? Hier bin ich; ich will helfen!« Hier ist die Fürsorge, die dem »jüdischen Herzen« oder in einer anderen. Fassung »der christlichen Nächstenliebe« entspringt Erkennen wir an, daß es die Wohltätigkeit ist, die mit zarter Hand die Wunde heilt, die Scham bedeckt Die private Liebestätigkäit bedient sich noch heute in weitgehendem Maße dieser Art von Fürsorge, in der das persönliche Verhältnis von Mensch zu Mensch entscheidet für die Wirksamkeit der Hilfe. Von ganz anderen Voraussetzungen geht die zweite Form der öffentlichen Fürsorgetätigkeit aus. Hier tritt die Person des Gebern ganz zurück vor dem Gegenstand der Füirsorge. Diese form der Wohltätigkeit hat sich entwickelt 58