Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1923
- Issue
- Nr. 5/6 - Mai/Juni (5.1923)
- Date
- 1923-05-01
- Page
- Seite 42 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Rathenausche Erkenntnis sei für uns Vermächtnis eines Edlen, der sich für die Erlösung .der Zeit hingeopfert hat. Hören wir ai|f die Stimme derjenigen, die in seinem Sinne sprechen, die sich bemühen, seinen Oedanken weiter zu tragen. einem ausgezeichneten Aufsatz über die Entspannung und Lösung der politischer! Lage sagt Robert Friedländer: »In den großen Momenten im Leben des einzelnen wie der Völker entscheidet .nicht Klugheit, sondern Chrrakter. Wir. müssen das Aeußerste leisten, was wir vor uns selbst und vor der künftigen Generation verantworten können.« üeinrich N i e n k a mp, der Begründer und Führer des sogenannten Frey-Bundes, erklärt: »Wir leben in einer Zeit, in der wir mit Pallasch und <ürassierstiefeln oder mit Rutenbündeln nicht vorw ärts kommen. Mehr als auf Reckengestalt, korp yfichen Mut und Tapferkeit, eiserne Willenskraft auf imponierendes Auftreten und Gewalt der?ede kommt es heute auf Gaben an, die oft gerade recht unscheinbare Menschen auszeict nen : schöpferischen Geist, hochentwickelte Verr unft (nicht blofr die Verstandesschärfe beschr inkter Interessenklugheit), vorurteilsfreie Sachlich! eit und Wahrheitsliebe, Freiheit von Eitelkeit und Strebertum und damit zusammenhängend die Fähigkeit,, den Wert anderer Menschen anzuerke inen und sie zur Mitarbeit heranzuziehen.« Rathenaus Lehre ist und soll auch die Lehre uns« res Ordens sein. Noch ist sie.— des müssen wir uris bewußt sein — mehr Keim als Erfüllung. Noch könnte und müßte viel mehr .an Kräften fzur Rettung der Zeit herausgeholt, werden als dies bis jetzt der Fall ist. Nur dürfen wir nicht j erlahmen und müssen Erkenntnis verbreiten, t«e vom ersten wie vom letzten unserer Brüder gleicher Stärke gespürt'wird. Die Not des geistigen jüdischen Leb ms pocht in nie gekannter Stärke an die Pfoijten unserer Logentempel, die Not des jüdischen Mittelstandes und zum Teil die Not unserer eignen Brüder spricht in stummer Bescheidenheit mit um so größerer Eindringlichkeit zu uns. Der einzelne muß sich die unabweisliche Frage vorleg^n: wie kann ich der Gemeinsamkeit, dem einzelnen, dem Darbenden durch Mittel, durch , Rat oder Tat helfen? Charakter entscheide mehr als »Klugheit«. Was aber tut not zur Ausführung? Ein sich mehr Kammern, ein größeres Interesse an G »r meinsamkeit, am einzelnen, am Bruder, ein bis- ■ chen Familiensinn! Sprechen wir doch oft davo i, daß wir gewissermaßen eine erweiterte Familie sein wollen. Beispiele sind immer nützlich. Darum erwähne ich solche. In Deutschland gibt es eine Soziale Arbeitsgemeinschaft, die eine seelische Annäherung der geistigen Berufe mit den Arbeitern herbeizuführen bestrebt ist. Führer dieser Gemeinschaft sind mit ihren Familien in die Arbeiterviertel Berlins gezogen, um gemeinsam mit ' den Arbeitern zu leben, mit ihnen als Menschen zu fühlen, ihnen beizustehen und gegenseitige seelische Werte auszutauschen. J In England besteht die Settlements-Bewle- , gung in Verfolg von Arnold Toynbees Sozialer Tat. Nach seinem frühen Tode haben Oxforder Studenten vor ca. 50 Jahren unter Canon Barnetts Führung die erste Niederlassung (sett ement) im Arbeiterviertel Londons (Toynbee-Hill) zu gleichem Zwecke wie die deutsche Sozis Je j Arbeitsgemeinschaft gegründet. In England zählt man heute gegen 60 derartiger Gründungen nn London allein über 40), in Amerika über 400. Andere Länder stehen nicht nach. Mitglieder der deutschen Sozialen Arbeitsgemeinschift wurden bei einer Konferenz in London (1922) mit großer Freundlichkeit empfangen. So sehen wir an diesen nur kurz angedcuteten Beispielen, wie sich Gemeinschaften eines Landes untereinander die Hände reichen und sich weiterhin mit denen anderer Länder zur Aufrichtung der Menschheit verbinden. Sollten wir aus dem Geiste dieser Gemeinschaften nicht auch für uns Wertvolles lernen können? - Bemühen wir uns zunächst in der < Erkenntnis unserer engeren Not — dem Rathenau’schen Bilde entsprechend — ins Freie zu gelangen, indem wir uns hilfreich beistehen! — 42 -