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Der Orden Bne Briss · 1923-01-01 · Nr. 1/2 - Januar/Februar · p. Seite 14

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1923
Issue
Nr. 1/2 - Januar/Februar
Date
1923-01-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
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gebene keinen Widerhall bei den Hörerinnen finden konnte. Aber m der Hauptsache trafen wir das Richtige doch, und wenn einmal bei der Lektüre von »Hermann und Dorothea* ein Mädchen erklärte: »Das kenn’ ich, da geh* ich!« — so amüsierte sich die Leiterin, während die übrigen Mädchen empört waren, ob solcher Ueberhebung gegenüber des Altmeisters Dichtung. Wie andächtig waren alle, als man Zweigs »Jeremias* oder Beer Hofmann’s »Jaacob’s Traum« las. Da fühlen sich alle verbunden, sie sind auf heimatlichem Boden! — Und bald war die Leiterin nicht mehr allein beim Besuche der Vorlesungen der Volkshochschule. Unsere Mädchen belegten auch Kurse. -- freilich manchen, der über ihr Können hinaus ging. So sprach man an unseren Abenden'das Gehörte auf dem Gebiete der Philosophie noch einmal gründlich duilch, ergänzte einander und besah das Thema auch vom Standpunkte der jüd. Weltanschauung. Da ward kein Mädchen müde, und gerade die, we che nicht zu den Kursen kommen konnten; hörten eifrig zu, sprachen auch mit. Ein unerschöpfliches Thema ist der Antisemitismus. Jede einzelne fühlt ihn und jede einzelne weiß, daß sie sich wehren muß. Da bespricht man denn gemeinsam, wie man sich zu wehren hat. Wir könnten dieser traurigen Strömung fast danken, denn sie ist es,»die heute unserer Jugend am klarsten zeigt, wie sie zu lernen hat, und wo sie die beste Waffe und den heilsamsten Balsam findet. Unsere Mädchen wissen, was jüdische Sittenlehre heißt. Oft taucht die Frage im Kreise auft »Warum leben wir?* Es beweist, wie stark der Wunsch nach einer gefestigten Weltanschauung besteht. — Wir haben heuer unsren Mädchen 'zuT Purim Lessing’s »Nathan der Weise« geschenkt und lesen ihn mit verteilten Rojlen. Es waf eine Freude, bereits am Lesen den Fortscfi ritt zu bemerken, mehr - noch an der Beurteil ing der Charaktere. Und mit welcher Innigkei: ward der Prolog zum Purimabend gesprochen! Wie hübsch deklamierten die Mädchen Dichtungen von Goethe und Börris v. Münchhai sen. So schreiten wir vorwärts, langsam, do<fh stetig, wie ein .guter Wanderer den Berg besteigen soll. Am Glücklichsten sind unsere Mädphen, wenn siet selbst Freude bereiten können. Die Leiterin des Abends kann von manch* liebevoller Ueberraschunj erzählen, die ihr bereitet wurde. Und die Armi n der Oemeinde bekamen zu Chanuklah schon Manches Päckchen, dessen Spender sie ' nicht kainten. Da hat die Hand erwerbstätiger ' Mädchei i in später Abend- und Nachtstunde genäht, um Erwerbslosen zu helfen, da hat Jugmd gespart, um geben zu können. Was haben wir weiter erreicht? Die Erkenntnis der! einzelnen, daß sie noch zu lernen hat und dal sie sich nicht scheut, es zu bekennen, daß sie nicht trachtet, schwerste Probleme zu lösen, <>he sie elementarstes Wissen erworben hat. Solche Erkenntnis hat entsprechende Handlung gezeitigt. Unsere Mädchen ergänzen t^nd vermehren an freien Abenden ihre Schulkenntnisse. Das) Schönste Will ich jetzt zum Schluß nennen. Unsere Mädchen. haben den Geist der Frai en- Vereinigung in sich aufgenommen. Sie Wissen, was es; heißt: »Liebe Deinen Nächsten wie E'ich selbst:« Und sie wissen ferner, daß sie zu uns gehöre^. Sie fühlen und wissen, daß ihre :5orgen unsere Sorgen sind und so geben sie uns das Rächt, mit ihnen denken und erwäger zu dürfen« Ein herzliches Band umschlingt uns. -Wir glaubten zu geben, und sind zu Empfangenden geworden, denn das Vertrauen und die Liebe der Jugend sind köstliche Oaben. — Die Mädchen des ersten Abends sind h:ute noch nach 111 Abenden fast ausnahmslos unsere lieben Gäste, sie bilden den Stamm; andere — aufeh deutsche, haben sich ihnen beiges eilt. Unser Kreis muß sich natürlich noch wesentlich vergrößern, sollen wir all* denen Liebe geben können, denen wir sie geben möchten. Wir werben nicht nach außen, das überlassen wir unsertt jungen Mädchen.- Aber um Eines möchte ich nun werben! Schwestern! ihr, die Ihr noch kerne Abende für erwerbstätige jüdische Mädchen in Eurer Stadt eingeführt habt, geht baldigst daran. Bedenket, wieviele da unter schweren Bedingungen arbeiten; sich mühen und plagen und keine frohe Stunde haben. Bereitet ihnen gemütliche Abende in jtijdischem Kreise, zeigt ihnen, daß die Schwestern des Ordens U.O.B.B. keine Klassenunterschiede kennen, daß sie nichts wissen jvon West oder Ost, daß sie nur Menschen kennen, nur Menschen sein wollen im Sinne des Judentums. — 14

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