Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1922
- Issue
- Nr. 10/11 - November-Dezember (11.1922)
- Date
- 1922-11-01
- Page
- Seite 141 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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auch die Kreise, 1 ür welche nunmehr eine soziale Fürsorge notwendig wurde, völlig umgeschichtet. |J[eber die oft heimliche, schwere Not des Mittelstandes und die ebenso heimlichen und schweren Wegje zu ihrer Linderung ist schon viel nachgedacht, gesprochen und geschrieben worden und noch lange nicht genug dafür geschehen. Auch wir Logenschwestern haben diese Gegen vartsforderung begriffen und sie zu einer unserer vornehmsten Aufgaben gemacht. Vielleicht eigreift uns diese Not so besonders stark nicht nur, weil sie Kreise trifft, die bisher kein ät ßeres Elend kannten und denen sich darum die äußere Bedrängnis auch zur inneren umwandelt, (sondern weil die unerhörte Unsicherheit allen Wirtschaftslebens uns ständig die Möglichkeit am Horizonte zeigt, selbst ebenfalls einmal in (ähnliche Lage geraten zu können. In der meisten Fällen ist es unmöglich, auch nur s innähernd so viel zu geben, als gebraucht würde; was aber häufig leicht möglich wäre, ist eine indirekte Hilfe durch Ersparen großer Ausgaben. Wenn z. B. unsere Brüder, weiche Kauileute sind, bei irgend einem vorteilhaften Einkatf, der ihnen gelungen ist und den sie entspre :hend vorteilhaft wieder herzugeben gedenken, zuerst die Witwen ihrer Brüder bedenken \würden, oder Juristen aus' Logenkreisen sich bereit Erklären könnten, 'z. B. in Steuerfragen die Witwen der Loge kostenlos zu beraten, wäre < chon viel getan. [Vielleicht könnten manche Schwestervereine billige oder gar kostenlose Kurse für Feinplätten, für Schneidern, Weißnähen oder Putz einrichten, denn jede Hausfrau weiß wieviel Kragen und Oberhemden jetzt zu plätten kbsten, wieviel Arbeitslohn für Schneiderin, Ausbesserin und Modistin gespart werden körnte. (Gewiß wäre es uns meistens eine Wohltat, alte Gedanken an unsere Wirtschaftsnöte bei: leite zu schieben und von ganz anderen Dingen zu reden, aber jetzt dürfen wir es nicht mehr zurückweisen, unsem Geschlechtsgenossinnen Ivorteilhafte Einkäufe, billige Bezugsquellen, ja, praktische Kochrezepte oder erprobte Einrichtungen des Haushaltes zu vermitteln, denn ni; sind Fehler in der Wirtschaftsführung so kostspielig gewesen, wie jetzt, nie ein prakti scher Wink so einbringlich. Die wichtigste aller Forderungen der Gegenwart aber ist Arbeit. In einer Zeit, in welcher der Pfennig nichts, die Mark keinen Pfennig wert ist, kommt es auf Sparsamkeit im großen an, und nur durch Nutzbarmachung aller Kräfte und Aufbietung aller Anstrengung ist Hilfe» zu erwarten. Die soziale Schichtung scheidet nicht* mehr Arme und Reiche, nicht mehr 'Gebildete und Ungebildete, sondern nur Arbeitsfähige und Arbeitsunfähige. Irgend ein kleines Talent, eine bescheidene Fähigkeit hat jede gesunde Frau. Ob für Erwerb, gegen Entlohnung) gearbeitet wird oder nicht, ist dabei vorj sekundärer Bedeutung. Sage keine, sie habe nicht nötig, der minderbemittelten Qeschlechtsgehossin die Arbeit fortzunehmen! Es gibt genug Plätze, auf denen dringend gewissenhafte Arbeiterinnen fehlen, die nicht oder nur viel zu gering entlohnt werden können : Oedenket all der notleidenden Anstalten, die jetzt sparen müssjen « und' die erforderliche Zahl der Beamtinnen nicht einstellen können; gedenket des Berufes j der jüdischen: Krankenschwester,'gedenket def Wohltat, kranke oder berufstätige- oder erholungsbedürftige“ Hausfrauen in ihrem Haushalt, bei ihren Kindern zu vertreten! * Vor allem müssen wir jüdischen Frauen uns bemühen, auch die körperliche Arbeit nicht mehr abzulehnen. Wie vielen von uns, welche nunmehr durch die wirtschaftliche Lage gezwungen werden, sich mit weniger oder gai^z ohne Dienstboten zu behelfen, würde es körperlich leichter werden, wenn sie es von jeher; ebenso geübt, wie'viele andre Frauen derselbeni Gesellschaftsstufe, und leichter würde es ihnen vielleicht auch, wenn sie. dieselbe Arbeit auch von denen geleistet sehen würden, d e sie aus,pekuniären Gründen nicht zu tun brauchten.' Wie sehr es dabei nottut, all unsere t Kräfte anzustrengen, ist deutlich! Denn Wifi wollten;wir für die körperliche Arbeit unsere (geistigen.Ge*^ nüsse entbehren! Nicht einjtajuschen etwa wollen wir jüdischen Frauen ein persönliches Wirken in Haus und Küche, HatiShaftsgedanken und Wirtschaftsgeschäfte für geistige Arbeit, für die Nahrung unserer und j unserer Kinder t Seele, sondern beides wollen j (wirschaffen, neben einander! Die jüdische Frau kann das leisten, wir Logenschwestem wollen, es voran! Mut wollen wir haben, die stärkste, eindringlichste* Forderung der Gegenwart! Wenn die Sonne hell und warm scheint, alles lacht und sich» - 141 -