Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1922
- Issue
- Nr. 9 - Oktober = Festnummer zum Ordenstag (10.1922)
- Date
- 1922-10-01
- Page
- Seite 117 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I Die Bahnbrecher der Wissenschaft des Judentums. Von Br. Expr. J. E I b o g e n. Der Name »Wissenschaft des Judentums« ist jetzt gerade ein Jahrhundert im Oebrauch; er ist durch Zufall entstanden, als Leopold 'Zunz das Material für seine Zeitschrift dem Zensor vortegte, und dieser ihn" nach ihrem Titel fragte, gab er »Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums« als Namen an. So ist die Bezeichnung aufgekommen, über deren Berechtigung sich streiten läßt, die sich aber in Deutschland eingebürgert und vermöge des deutschen Einflußes auf alle jüdischen Bestrebungen des neunzehnten Jahrhunderts auch Im Ausland Ansehen verschafft hat. Leicht ist dieser Wissenschaft ihre Entfaltung nicht gemacht worden. Leopold Zunz (geb. 1794 in Detmold, gest. 1886 in Berlin), dem sie die Methode verdankt, hatte sein ganzes Leben hindurch. — bis auf die kurze Zeit, wo er als Prediger und Schulleiter, und das Jahrzehnt (1840 - 50), in dem er als Direktor des Lehrerseminars der jüdischen Gemeinde Berlin wirkte , — niemals ein Amt bekleidet, das ihm auskömmlich Nahrung und Muße für wissenschaftliche Arbeiten ließ — von den fürl seine Forschungen unentbehrlichen Reisen an die großen Händschriften-Bibliotheken ganz zu schweigen. »Die mageren Jahre seiner jMitteluilid oft Subsistenzlosigkeit waren von einer geistigen Sammlung, Vorbereitung und Reife erfüllt, die eine Frucht von der höchsten Vollkommenheit zeitigen mußte.« Das Produkt jenir Jahre ist das noch heute klassische -Werk »Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden«, d^s mit einem Schlage1 die kaum entstandene jüdische Wissenschaft gleichberechtigt in den Kreis der Wissens :haften einführte. Man verglich den Verfassei mit Jakob Grimm; ein christlicher Gelehrter schrieb, daß seit den Tagen Spinpzas keine größere Leistung von einem Juden ausgeg|ar|gen wäre. Nicht das gleiche Aufsehen erregten, aber das gleiche Ansehen verdienen Zunz’ spätere broße Bücher, (die instruktiven Abhandlungen »Zur Geschiqhte und Literatur« (1845) sowie die Forschungen und Darstellungen zur synagogalen Poesie des Mi telalters, die zum größten Teil Neuland erschloss en. Allein Zunz blieb nicht isoliert; es war ein .Werk der Vorsehung, daß er Arbeitsr und AB eggenossen fand im Lande in Polen, und im Lande Italien. Pionier der Aufklärung im . äusserlten Osten war Nachman Krochjmal (geb. .1780 in des) Talmudstudii des Humanismus, der sich' nals. rter rart Brody, gest. 1840 in Tarnopol), »gewissermaßen ein Mendelssohn für Galizien!« Sein Leben gestaltete sich zu einem Martyrium. Die Dut kelmänner in seiner Heimat wachten, argwöhn sch darüber, daß die kulturelle j Abschließung Juden nicht* durchbrochen (wurde; wer außerjüdische, zumal deutsch^ Bildung aneigi iete, setzte sein Leben aufs Spiel. Dabej .war Kroch Dasein ohnehin gefährdet; [sein überaus zu Körper war durch das eifrige Studium d geschwächt, daß ihm Jahre hindurch jede gei tige Beschäftigung verboten werden mußte und, sie ihm später gestattet wurde, äußerste Sjcl?onung auferlegt blieb. Seine’ anfangs güns igen Vermögensverhältnisse, dieinrn ein unabhängiges lediglich der Wissenschaft gewidmetes Leben ermöglichten, verschlechterten sich nach undnach so sehr, daß er sich ängstlich nach einem Beruf umzusehen gezwungen war — .1840 prginij an ihn der Ruf an das Berliner Rabbihat, dis er jedoch aus Bescheidenheit ausscjilugj ’ All d esen Hindernissen zum Trotz studierte er unermi dlich Sprachen und Literaturen, mit besonderer .iebe aber Geschichte und Philosophie und verbr htete unverdrossen Aufklärung. (Seitdem erdie j|’erke Hegels hennen gelernt hatte, bewunderte er den Tiefsinn dieses Denkers, betrachtete sein System als die Philosophie der PnilQsophieh und) ies ms, in 117