Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1922
- Issue
- Nr. 4/5 - April/Mai (4.1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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schiedenheiten der Meinungen und Strebungen innerhalb des Judentums brauchen nicht immer etwas Schlimmes und Verderbliches zu sein, im Gegenteil, si£ können meistens etwas Gutes sein. Aber sie dürfen nicht das Letzte und das Höchste bleiben, das letzte Ziel ist vielmehr die Erlangung des Bewußtseins, daß alle Richtungen innerhalb des Judentums, so sehr sie auch auseinandergehen, dennoch zusammehlaufen können, in den einen Brenn- und Mittelpunkt, in die Begeisterung und Wärme für die Interessen der jüdischen Religion.« Das ist die wahre Neutralität, das ist die wahre Eintracht, wie wir Bne Briss sie verlangen zwischen allen Menschen, zwischen allen Nationen, zwischen allen Religionen und zwischen den Anhängern der jüdischen Religion. Schöner und treffender kann man unsere Haupttugenden, Wohltätigkeit, Bruderliebe und Eintracht nicht charakterisieren, als es Joel in seiner Rede über den P r i estersegen getan hat. Der Priestersegen enthält bekanntlich drei Absätze, die nach der Auffassung Joels keineswegs nur eine Anhäufung von Worten sind,, sondern vom Niedrigen ausgehend immer höher und höher sich erheben, immer erhabenere und idealere Ziele vor Augen haben. Die Worte des ersten Absatzes: »Der Ewige segne Dich und behüte Dich«, beziehen sich auf alles irdische Gedeihen, auf irdischen Segen, auf irdischen Schutz. Die Religion blickt freundlich auf das Schaffen des Menschen, auf seine Wirksamkeit, auf seinen Fleiß, auf seine Bewährung mitten im Leben. Wertvoll ist der Besitz, aber es kommt darauf an, wie man die materiellen Oüter gebraucht, und darum verlangen wir im Orden, daß Wohltätigkeit und Bruderliebe geübt wird^ da es reichlich Not zu lindem gibt. Immer neue Aufgaben werden an uns gestellt und wir stellen sie uns zuweilen selbst zum Wohle der Menschheit. Das Arbeiterfürsorgeamt, die Ostjudenfrage, der Aufbau Palästinas wird die Opferfreudigkeit unserer Brüder stark in Anspruch nehmen und namentlich wird unsere neuste Aufgabe, die Schaffung eines Kulturfonds, uns ein weites Feld der Betätigung eröffnep. Wie hoch Joöl über die Nächs tenliebe gedachthat, ersehen wir aus folgendem Ausspruch: »Wir müssen Akiba beistimmen, daß die Nächstenliebe sich erheben kamt über die Gotte liebe, wir müssen ihm beistimnxen, weil die Pfl chten gegen Gott leichter, sind, weil sie verb iltnismäßig geringere Opfer kosten, als die [egen unsere Nebenmenschen. Es ist’ leichter ein l %. Herz zur Andacht zu stimmen, als .eine iand zum Geben anzuleiten. Es ist leichter vor Oott sich zu demütigen, als sich über den N :benmenschen nicht zu erheben. Es ist lg chter vor Gott zu sagen: „Verzeih’ .uns, Vatei, wir haben gesündigt“, als dept Nebenmenscher das uns angetane Unrecht zu verzeihen.' ’ Der zweite Absatz: ^Der Ewlge^ etiei ichte Dich und sei Dir gnädig« weist den Menschen darauf hin, daß es noch etwas' Höheres gibt, als die materiellen Güter und ruft dem’ Mens :hen zu: »Strebe nach Einsicht!' Der Mensch muß Zeit seines Lebens Schüler bleiben, er muß immer bereit sein, fortschreitend immer N eues zu lernen, fortschreitend sich umgesfalteh zum Besseren. Das ist ganz . und gar ursere Logenauffassung, da die Hauptarbeit, die bei uns im Orden vollzogen, Wird, dem eigenen »Ich« gilL j . ", Aber noch höher als die Einsicht steht un sere dritte Haupttugend: die Eintracht, der äu Jere Friede, aber noch mehr die innere Harmonie, der stille Oottesfriede im Oemüte. _ Da rum schließt auch der Priestersegen mit den Woi en.; »Der Ewige gebe Dir Frieden.» Dieser Frede möge Dir als ein noch höheres Out ersehenen als alle Güter und Oenüsse,. um! deretwillen Du versuchst sein könntest, diesen Frieden eil izusetzen. Aber — so fügte Joel in einer andren Predigt so schön hinzu — nicht, jede Fried insliebe ist zu loben. Diejenige Friedensliebe, die der Trägheit, der Stumpfheit gegen die al gemeinen Interessen entspringt, kann laicht sei ädlieh und entnervend wirken, sie hat selbst dakei ren len wo Eifer, wo Eifer am Platze ist, — Einen solc Eifer zeigte Joel bei all seiner Friedensliebe, es galt, Angriffe auf das Judentum abzuweh en.‘ Auch die V a t e r I a n d s 1 i et>e, :die zu pflegen zu den Tugenden, deä Ordens’gehört, hat Joel in eindrucksvoller Weise ' gelehrt i ind hierfür Worte gefunden, die gerade in uns< rer Zeit, in der das Vaterland im Unglück ist, zu beherzigen sind. Redner erinnert auch an die Ausführungen Joel’s bezüglich der Gleichheit der Mensch en^ 55 — l