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Bericht der Großloge für Deutschland · 1920-11-01 · Nr. 10 - November · p. Seite 109

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1920
Issue
Nr. 10 - November
Date
1920-11-01
Page
Seite 109 (sequence 2)
Language
German
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Wir bedürfen ihrer vor allem, am über die schmalen Grenzen des eigenen engen Ich hinauszukommen, in die uns die Kriegszeit mehr denn je einget ponnen hat. Vielleicht bewirkte es der Selbsterhaltungstrieb — Tatsache ist jedenfalls, daß die Menschen häufiger als früher nur an ihr eigenes Wohl und allenfalls nich an das ihrer allernächsten Angehörigen denken. Und dennoch — wenn die Erfahrungen der* letzten Jahre etwas deutlich gemacht und eindringlich zu G cremte geführt haben, ist es die Lehre von der Nichtigkeit des E nzeltrenschen. Wir haben es erfahren, wie wenig menschlicher Ruhm bedeutet, wie schnell die G ößten selb>t von ihrer Höhe stützen, wie nahe Heldenverehrung und Götterdämmerung neben einander liegen. Darum kann nichts verkehrter sein, als wenn der Mensch seinem kleinen Ich einen so gewaltigen Wert beimißt, sich als den Mittelpunkt der Welt und das Maß aller Dinge betrachtet Die heutige Generation ist groß geworden mit der Lehre, daß der Mensch etwas ist, was überwunden werden muß. Gewiß ist das ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, der Mensch muß überwunden werden, aber nicht durch den Uebermenscfaen, sondern durch den Nebenmenschen. Es muß ihm zum Bewußtsein kommen, daß er nicht allein hinieden lebt, daß er Mitmenschen hat, denen genau die gleichen Ansprüche auf die .Weit und ihre Genüsse zustehen, daß jedermanns Rechte sich mir soweit erstrecken, als sein Nebenmensch durch ihn nicht benachteiligt und verletzt wtrd. Kein Mensch hat die Befugnis, seinen Begierden und Leidenschaften bis zum Letz en zu folgen, seine Kraft und seinen Machtbereich bis zum Äußersten auszunutzen — vie mehr sind ihm sittliche Schranken gesetzt im Recht, in dir Kraft des Nebenmenschen, im Recht der Gesamtheit Was aber gewahren wir, wenn wir beute Umschau halten? Ein Bild etwa wie der Prophet Arnos es schildert von den üppigen Weichlingen, die ein Leben des Luxus und der Völlerei führen und sich den Teufel darum scheren, ob die Gesamtheit zugrunde geht. Im Augenblick gilt in der ganzen Welt das Zauberwort der Demokratie, es werden die denkbar sichersten Vorsichtsmaßregeln getroffen, damit beileibe kein Stimmzettel an Einfluß verliere, aber . niemand sorgt sich darum, ob den Menschen auch die Frucht ihrer Arbeit zugutekommt, ob ihnen nicht durch eine MiSwirtscbaft ohne gleichen Gesundheit und Leben;n (ergraben werden. Das aber geschiebt unter nsern Auges, wenn eine Preistreiberei, die nach- *sen gerade allen Klaffen zum Ekel und zur Last wird, die breitesten Schiebten der Bevölkerung der Verelendung zutreibt. Unser Brot muß schlecht seit, weil zu viele Menschen Kuchen essen wollen, wir können unentbehrliche Lebensmittel uni Rohstof e im Ausland nicht erschwingen, weil für Milliarden und aber Milliarden Cigaretten, Schokolade, Branntwein u. ähnl. LuxusWaren eingerührt werden mußte: i, weil es zu viele Leute unter uns gibt, die nur mit französischer Seife und Parfüm ihre Haut behandeln zu können glauben, obwohl sie sonst auf saubeie Hände und einen guten Geruch wenig bedacht sind. Man bat freilich versucht, Verbrauch und Preise zu rationieren, aber wir wissen, weich sittlictie Verwilderung gerade dadurch eingerissen ist — wejil eben das liebe Ich sich nicht beugen wollte, w< il das sittlich: Gewissen versagte. Jetzt hat sich ein „Bund der Erneuerung wirtschaftlicher Sitte und Verantwortung" gebildet, der durch Scbärlung d :r Gewissen einen freiwilligen Verzicht erzielen wi 1, wo der Polizeizwang ve sagt hat Hier soll zunächit die Wirtschaft unter das Gebot sittlicher Pflicht gestellt werden, aber worauf es dem Vater der Bewegung ankommt, zeigt sein auch in der Feitnuramer zum Ordenitag erwähnter Aulruf, der sich „Sittliche Diktatur" t ennt Man kann, was e strebt wird, mit dem einen Wort bezeichnen die Erzleiung von „Biedermännern" odir mit einem häufig gebrauchten Fremdwort von „Gentlerxeri". Ein geistreicher Engländer sagt einmal, ein Gentleman ist z B. einElepbant, der, wenn er über die S'raß; tapst und eis kleines Kind daliegen sieht, diesejs .Würmeben nicht zermalmt, sondern seine Beine behu sam hebt und bedächtig darüber binwegschreltet, ohne das kleine Geschöpf zu verletzen. Di haben wir de n Gegensatz. Au' der einen Seite die Verkö'p:rung der Kraft, der riebs widerstehen kann — aui dir andern ein hilfloses Wesen, das ihr erbarmungslc s ausgeliefert ist, dennoch aber kein Mißbrauch dir Kraft, kein Zermalmeti des Hilflosen, sondern Rück sieht, Verzicht auf die Anwendung der Gewalt gegenüber einem Wehrlosen. Diese Gesinnung, die früher lür jeden einigermaßen auf Achtung baltendei Menschen telbslvers äadlicb war, muß wieder er neaiert werden, es darl nicht geschehen, daß Mensche» die Machtmittel, die ihnen durch die Not ihrer Mi menschen in die Hand gegeben sind, mitleidlos ausnützen, sie müssen wieder lernen, sich Zügel anlegen, sich Beschränkungen auferlegen, verzichten, wird sonst so viel Wert darauf gelegt, genüeman-

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