Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1920
- Issue
- Nr. 2 - März
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I * In einer von großen Gesichtspunkten aus entworfenen Arbeit, die infolge ihrer Originalität weithin Aufsehen erregt hat, hat E. Troeltsch, der bekannte protestantische Religionsphilosoph und Historiker, behauptet, die Jüdischen Propheten hätten für die Bedeutung des Staates und die Notwendigkeiten des politischen Lebens nicht genügend! Verständnis besessen. Er begründet seine These durch den H nweis darauf, daß die Propheten Israels die Bündnispolitik der jüdischen Könige stets bekämpft haben. .Sie treten ein für vollständige Enthaltung von allem Fremden und Neuen, für ruhiges Dulden des Unvermeidlichen und strengste Beschränkung auf das eigene völkische Dasein. ... Alles Großmachtstreben ist Abfall von der alten Sitte, alle Bündnisse sind hurerische Untreue -gegen Jahve zugunsten fremder Dämonen"*). „Die Ethik der Propheten bat . . . eine ungeheure welthistorische Bedeutung [erlangt .., Aber ebenso verständlich ist, daß sie für ihre eigene Gegenwart versagte und unmöglich war. Die Könige, die Nobilität und die Militärs, die Vertreter der städtischen Kultur mögen alle möglichen Laster gehabt haben; es wetden ungefähr dieselben sein, die sie noch heute im Orient haben. Aber mit der prophetischen Predigt konnten sie nicht leben und sich erhalten. Sie mußten in ihrem eigensten staatlichen Lebensinteresse Welipolitik machen und konnten den Prozeß der srzalen Umwandlungen nicht aufhalten. . . . Ihre (der Propheten) Unheils- Weissagung ist eingetroffen, aber der Rettungsweg, den sie empfahlen im Namen ihres Gottes, war e'ne Utopie. Sie stemmten sich gegen den Lauf der kulturellen Entwickdung und den Lauf der politischen Notwendigkeiten. Ihr leidenschaftlicher Jahvegiaube hatte von beiden keine Ahnung4"*). Troeltsch nimmt also für die jüdischen Könige gegen die Propheten und ihre sittliche Forderung Partei. Wenn man diese Stellungnahme richtig beurteilen will, muß in Betracht gezogen werden, daß seine Arbfeit zu einer Zeit entstanden is(, in der man überall das Machtstreben des Staates für selbstverständlich hielt und in der Bündnispolitik den Gipfel der Staatskunst erblickte. Inzwischen aber haben wir die Zertrümmerung der. deutschen Macht gerade als' Folge des schrankenlosen Strebens nach Machterweiterung und das klägliche Scheitern unserer Bündnispolitik erlebt Werden wir also noch mit Troeltsch von den Propheten sagen *) Emst Troeltsch „Das Ethos der hebri'scnen Propheten". Seite 10. **) Seite 22 an rolen, können: „Ihre UnheUsweissagung ist eicgetn; aber der Reftungsweg, den sie empfahlen, war eine Utopie?" Oder hätten die jüdischen Könige nicht vielleicht politisch klüger gehandelt, wenn sie*auf de Mahnungen der Propheten gehört, au! alles Großmachtstreben und auf jede Einmengung In die pol tischen Welthändel verzichtet hätten? | Wenn wii die jüdische Geschichte von den Erfahrungen der Gegenwart aus befrachten, dann' erscheinen uni di: I israelitischen Propheten nicht als weltentrückte Träu mer,! die in religiösem Fanatismus über d e Erde hinweg i den Himmel suchen, sondern ihr klares Auge lieht auch die Menschen und ihr Streben, die Völker und | die sie bewegenden Kräfte In ihrer wahren Gcstal. I Ibr Blick dringt in die Zukunft und erkennt tut einer rätselhaften Schärfe die kommet den Ereignisse. Eben darin aber Hegt Ihre einzigartige Größe und i ihre weltgeschichtliche Bedeutung, d-ß sie troiz ihres genialen Wirklichkeitssinns nicht Realpolitik trieben, trotz ihrer glühenden Liebe für ihr Volk nich für Machtstreben und politische Bündnisse eintraten, sondern ein höheres Gesetz des VötkeHebens seht fen Ibr Glaube an die Allmacht ihres [heiligen 0>t( der ein Gott der Gerechtigkeit und der Liebe I führt sie zu der Erkenntnis, daß auch] im Völkerl dieselben sittlichen Gescze herrschen, die für Verhalten des einzelnen Menschen gehen. Darum läi Arnos den heiligen Weltenrichter sein Strafgeric an den Heiden vollziehen, weil si gefrevelt und die achtet haben, und schwere Strafe, „weil gegeneina ider lenken mißd Inda trifft ottes verwt irfen Gesetze der Me auch Israel sie die Weisung und seine Sitzungen nicht gehalten haben". Weil die Propheten von der unbeschränkten Geltung und Allmacht des Sittlichen überzeugt sind, darum erkennen sie auch im Vö'kerleben das Mtchtstreben des Staates nicht als berechtigt an, sondern verlangen, daß auch die Völker sich vor der Heiligkeit und Majestät der Gerechtigkeit beugen und ihrer brüderlichen Pflic iten nicht vergessen. Und alle Bündnispolitik der Natio neu, die zu gemeinsamem Unrecht ihre [Kräfte verei nen erscheint ihnen als ein törichtes Kinderspiel anges chts der Allmacht des Weltenkönigs, der sich der Völker und Könige auch' gegen ibr» Willen zur Ver wirkllchung seines Weltenplanes bedient. Weil die Propheten heidnisches Machtstreben und heidnische Sittenlosigkeit verabscheuen, dulden sie nicht, daß jüdische Könige mit ihnen politische Bündi schließen. Nicht nationales Ehrgefühl, auch r. die rätselhafte Gewißheit von der Uazerstörbu J8 -