Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1919
- Issue
- Nr. 9/10 - August/September
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 95 (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, August September 1919. BERICHT GROSSLOGE FÜR DEUTSCHLAND Nummer 9/10. Hingetragener Verein. Eigener Verlag der Grossloge. Bureau: W62, Kleiststr. 12. Telephon: Amt LBtzow 4819. Postscheck: 16333 Nachdruck «amtlicher Artikel au» (Hihk Banohtan ««rootan. Inhalti Die SEulcn der Welt. — Die Emlgrltloasfrage Im Rahmen der Ordensaufgaben. — Abs dem Büro der OroBloge. — Aus den Logen dei VIII. Distrikts — An« Amerika. — Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt — Ans dem Verbände der Franenvrrcinigungea der U. O. B. B-Logen. — Oedlchtnbbuch. — Mitteltungen. j. , , ■ j ■ . - " Die Säulen der Welt. Zum Rauschhaschono-Feste 5680. Von Br. Expräsident Dr. Samuel- Essen. ... Eine berübm'e Sentenz der jüdischen Weisheit lautet: Auf drei Dingen beruht die Weit: Auf Wahrheit, Recht und Frieden. Aus der Zeit nach der Tempe'zersförung stammend, ist sie umfassender, als eine ähnliche aus einer glücklicheren Epoche, welche Tora, Tempeldienst und Mildtätigkeit als die Säulen der Welt nennt. Denn von diesen sind die beiden ersten wohl jüdische Ideale, dagegen ruht auf Wahrheit, Recht und Frieden der Bestand der ganzen menschlichen Oesellschaft. Auf Wahrheit. Als der Weltkrieg aufflammte, schien sie aus der Welt entflohen, aufgenommen aus unserm Vaterland. Denn das waren nicht Schmähungen einzelner, wie sie schon die homerscbrn Helden einander widmeten. Es waren Fluten von Anschuldigungen, geeignet, einer großen Nation die schwersten, sittlichen Makel anzuheften, und die wir doch nur als einen systematischen Lügen- und Verleumdungsfeldzug betrachten konnten. Unbegreiflich schien uns der Haß, der uns bei den Feinden entgegenloderte; fast noch mehr schmerzte die kalte Abneigung der Neutralen. Lange setzten wir dem a'len unser gutes Gewissen entgegen; langsam regten sich aber die Zweifel. Es war ein trauriges Erwachen und eine seelische Niederlage, als beim Zusammenbruch deutlich wurde, daß unser guter Glaube zwar nicht in allen, aber in wesentlichen Stücken eine läuschung gewesen war. 1 Im Kriege erst hatte der Geist der UnWahrhaftigkeit sich bis zur syste-na'lschen Irre[ü!ming des ganzen Volkes gesteigert. Aber im Frieden schon hatte er das Staatsgefüge zersetzt. Er war in der Kunst wirksam als Wagnerianismus, d. i. als sinnbe ö-ende, unwahre Romantik, der der nackte Realismus kein Paroli bieten konnte. In den Geisteswissenschaften herrschte frei-" willige Unterordnung un er den ö'fentlichen Massengeist, der wieder von den Naturwissenschaften bestimmt ward. Diese erniedrigten den Manschen zum Tier, die Gesellschaft zum Tierstaat uad schüchterten selbst die Ethik ein, der schon Sokrates die höhere Bahn, gewiesen hatte. Auch sie gipfelte zuletzt in der Anerkennung der Rassen-, Klassen- und Standesmoral unter dem Schlagwort des Kampfes ums Disein; wer aber den Kampf ums Menschsein verlangte, (etwa wie Eucken) stand allein. Und dann wunderten wir uns, daß mit der Wahrheit auch die freue wankte, und da die große, Politik ganz auf rohe Macht eingestellt war, üoerall dort, wohin diese nicht reichte, Korruption und Entartung einrissen. Zurück zur Wahrheit! Wer an einem,sittlichen Neubau mitwirken will, darf die ernste'jte Selbstprüfung nicht scheuen. Zum Neujanrstage fühlen w<r uns als Juden und Orden-b üder besonders dazu ajjfgeru'en. N cht genug damit, daß wir an der Schmach des Vaterlandes schwer zu tragen haben, so erhebt auch der Judenhaß im eignen Lande , wieder sein - 93 -