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Bericht der Großloge für Deutschland · 1916-05-01 · Nr. 4- Mai · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1916
Issue
Nr. 4- Mai
Date
1916-05-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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lebensrTJnd in vereinzelten antijüdischen Exzessen Luft gemacht hat, die zum Teil jetzt bestritten werden, sich aber gänz nicht ableugnen lassen, steht noch aus Zeitungsberichten der letzten Zeit in aller Erinnerung, und ich darf es mir erlassen, Einzelheiten aufzufrischen. Wie haben nun die Juden Polens a^if diesen Antisemitismus reagiert? — Haben sich schon die Juden. Deutschlands der auf den Rassentheprien aufgebauten Nationalitätenlehre, ob sie auch ^on ihren Feinden herrührte, nicht ganz entziehen kennen,, so sind ihnen die Juden' Polens umsomehr erleben, als die Mehrzahl von ihnen nicht nur durch mystische RasseeigentümlifchkeFteit, sondern durch besondere "Kleidung und besondere Sprache von der sie umgebenden Bevölkerung sich greifbar unterschied. Auch dieser Prozeß war durch den Zuzug (der Juden aus Litauen iir!d \V estrußland beschleunigt und begönslitrl worder!, denn durch das bei weitem stärkjere Festhalten an dem Studium -der hebräischen Sprache war der Zusammenhang mit dem historischen Altertum unter diesen Juden immer lebendiger geblieben, der Traum an ein neues Juda leichter suggerierbar und andererseits infolge der gemischtsprachigen polnischen, litauischen und weißrussischen Umgebung, der sie" ausgesetzt waren, das Zugehörigkeitsgefjühl zu irgend einer dieser Gruppen noclj geringer als das dler polnischen Juden zur christlichen Bevölkerung Polens. . }'• ..- - So kam es dazu,, daß* in den fetzen Jahren auch unter' den polnischen Juden die Bewegung an Boden gewann, welche einem Anschluß an die stammpolnische Bevölkerung - sich bewußt entgegengestellt und das Judentum nicht als bloße Stammesünd Religionsgemeinschaft, -sondern als bsondere N4tio-( nahtat im politischen Sinne des Wortes mit politischen .Werkmalen ~und politischen . Aspirationen ansieht. Während in westeuropäischen Ländern diejenigen Juden, die in Verwechslung von Stammeszugehörigkeit und Nationalität sich als besonderes Volkj im politischen Sinne betrachten, Mühe haben, die Merkmale zu finden.. welche sie zu einer Einheit zusammenfassen und von der christlichen Umgebung unterscheiden, haben die Ostjuden, von den geringen vollkommen ossifizierten oder polonisierten Elementen abgesehen, in der «tgenen- Sprache, dem jüdischdeutschen Dialekt, dieses untereinander einende und von der Umgebung trennende Kriterium! gefunden. Deshalb wird /irr das Jüdisch-Deutsch, das in älteren Zeiten nur zur Uebersetzung hebräischer Schriften für gefällt. - Jüdisch-Deutscn ist jnur . ein Abart des Deutschen, eine, allerding die der heiligen Sprache unkundigen Frauen in der Literatur Verwendung fand, in dem sich seit der Mitte des vorigen Jahrhunderls ein allerdings sehr beachtenswertes, jedoch nur für die Ungebildeten berechnetes Schrifttum entwickelte, seit einiger Zeit, be sonders aber seitdem während des Krieges clie Flut der Ostjudenschriften sich steigerte, ein Eifer, ent wickelt, der nur als Uebereifer bezeichnet werden kann. Gewiß] ist es abgeschmackt, wenn man das Jüdisch-Deutsch als Mauscheln verspottet odir es als Jargon bezeichnet, wie es die jüdisch-deutsch schrei benden Schriftsteller für gewöhnlich auch; selber taten. Jargon gibt es nicht. Es ist dies nur :ine un liebenswürdige Bezeichnung für eine Sprache, die einem nicht Dialekt, eine mit vielen aus dem Hebräischen und aus dein slawi sehen Sprachen herrührenden Lehrtwörtern slark ver setzte, deutsche Mundart, deren Sprachwissenschaft liehe Untersuchung von großem Interesse wäre.*) E ist auch nichf e i n Dialekt, sondern es sind! mehrer I ~ TT?' < ■ r i Dialekte. Für das geschilderte Besetzungsgebiet sin mindestens zwei Dialekte, der polnische und der i der Literaturj vorherrschende litauisch russische, mi ihren Nebenrfwndarten zu unterscheiden. Auf diese jüdisch-deutschen Dialekt, oder genauer gesagt, au diesen jüdisch-deutschen Dialekten aber eint t esonaen jüdische Nationalität aufzubauen, ist wenig angebrach Trotz seinerj anerkennenswerten Volksliteralur, trot; seiner ganz ansehnlichen Tagespresse* ) ist das Jüdisch] Deutsch eine hoch unentwickelte, undisziplinierte Volk: Sprache. Auch in einer solchen läßt es sich dichte disputieren ujnd auch wissenschaftliche Abhafldlunge *) Den Versuch einer grammatischen* Darsti llüng d Jüaisch-Deuts iieir mächt Jakot Willer in den währen! des Krieges erschienenen 2. Bande der \on der Krakautir Akademie der Enzyklopädie Wissenschaften herausgegebeneu rolnischerc Interessant, wenn auch manchmal holend und etu as übertreibend, ist die Sdhrift vc Entstehungsursache der jüdische l 'Dialektl. Deutschen weit au| nl Matthias? Miescrs: Die Wien 1915. 4- Eine Schilderung des Jüdisch gibt Heinrich Loewe ini „cj>stjudenhefr dej- Süddeujtschen Monatshefte. Februar 1910. ,Lreberset; uhgen aas der jüdisch-deutschen Literatur und eine historische Eif leitung über dieselbe gibt Th.Zlocisti in seinem: Als einer stillen Welt.. Berlin 1910. **) \'on den in den Beset/ungsgebieten erscheinenden Tageszeitungen nenne Lh nur: Hernt (im 9 Jahrganfe) Warschauer Tageblatt \2.Jahrgang), De'r'Mom< n| il.JaHrgang), TscWen,stochower Tageblatt (I. Jahrj;ahg?i In hebräischer Sprache erscheint! nur die Hazelirah. diepe allerdings im 42. Jahrgang. — 54 —

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