Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1915
- Issue
- Nr. 8 - Dezember
- Date
- 1915-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Lagerleben in einer Barackenstadt. Von Br. Dr. Alfred Goldschmidt, Stabsarzt, Chefarzt des Gefangenenlagers Quedlinburg. Wohnräume, Waschküchen, Wasserleitung, Kanalisation, Kläranlage, Desinfektion, Duschen, Krankenhaus und nunmehr aus der Mitte der Einwohner gegründet eine Hilfsgesellschaft, Unterstützungskasse, eine Musikkapelle, Theater^ Zeitung, Bibliothsk —r so setzt sich nunmehr eine kleine Stadt auf freiem Felde zusammen und heißt: Gefangenenlager, Auch hier hat sich Deutschlands Zauberbegriff Organisation bewährt Die ewigen Grundsätze der Humanität sind in diesem erbarmungslosesten aller Kriege — wo sie möglich sind — erwacht und haben sich immer mehr durchgerungen, und in .einer der kriegsministt.Hellen Verfügungen stand das schöne Wort: „Der Kommandant des Lagers ist gewissermaßen der Vater der Kriegsgefangenen". In weiser Erkenntnis und bestimmter Erwartung, daß Humanität — geübt gegen Kriegsgefangene — bei den erlaubten engen Beziehungen der Gefangenen mit ihrer Heimat — eine günstige Rückwirkung auf das Schicksal unserer im Auslände gefangenen Krieger hat, verfügte das Kriegsministerium dauernd fortschreitend möglichste Verbesserung der gesamten Lebenshaltung unserer Gefangenen: .fürgute Ernährung ist gesorgt, Rauchen, ist gestattet, Briefe gehen heraus und hinein, Postsendungen (in einer Woche beispielsweise 14000)laufen ein, Beerdigung Vefstorbener findet auf einer besonderen Friedhofsabteilung mit allen Ehren statt, Nachlaßpflege ist geordnet, Ermittlung Vermißter in «veitem Umfang durchgeführt. Ein weitgehender Seuchenschutz ist vorgesehen. Die Gefangenen werden einmal gegen Pocken, zweimal gegen Cholera und dreimal gegen Typhus geimpft. Die Chokraimpfung ' wird nach einem halben Jahre wiederhojt, weil der Impfschutz nur ein. halbes Jahr dauert. Kein Gefangener verläßt das Lager, ohne daß ihm vom Chefarzt die Tatsache seiner Gesundheit und der erfolgten Impfungen bescheinigt wird. Diese „Fürsorge ist .außerordentlich wichtig, denn die Gefangenen sollen nicht nur in ihrem eigensten Interesse (Beschäftigung und Verdienst) in öffentlichen und privaten Betrieben nützliche Arbeit verrichten, sie dürfen auch der Zivilbevölkerung durch Uebertragung von Seuchen keine Gefahr bringen. Diese Sorge, geht soweit, daß auch die auswärtigen Arbeitskommandos der Gefangenen stand an erster Stelle die Sorge um die Verbreitung einer Krankheit, die in der Kriegszeit mehr als die Cholera gefürchtet wurde. Diese Krankheit ist der Flecktyphus; ihre Einschlepper und Verbreiter sind die Rüssen, die Ueberträger sind die Läuse. Die Bekämpfung der Lätise ist eine schwierige und kostspielige Aufgabe gewesen. Man hat die Wahrnehmung gemacht, daß der Flecktyphus unter den Deutschen viel größere Verheerungen anrichtet als unter den Russen, die schon eine gewisse Immunisierung durchgemacht haben. Namhafte ärztliche Forscher sind bei dem Studium und der. Bekämpfung der Krankheit durch Ansteckung zu Grunde gegangen. Die Desinfektion der Gefangenen geschieht z. B. in folgender Weise: Eine Gruppe von 50 Mann wird in einen Auskleideraum geführt und entledigt sich sämtlicher Sachen. Die Sachen werden in einzelnen Bündeln in dem Desinfektionsraum aufgehangen und einer Trockenwärme nuten ausgesetzt. In im Abduschraum von über 110 Grad für'15 Midieser Zeit baden die Gefangenen Darauf betreten sie den Ankleideraum, in den ihnen durch ein Fenster ihre nunmehr desinfizierten Sachen reihenweise hineingereicht werden. So erhält jeder Gefangene wöchentlich wenigstens ein Bad. < In regelmäßigen Abständen findet Austausch schwerverwundeter bezw. kranker Gefangener statt — nunmehr auch mit Rußland, nachdem das Gegenseitigkeitsverhätnis zuerst mit Frankreich, dann mit Engländ eingesetzt hatte, j Hierbei müssen genau festgesetzte Bedingungen innegehalten werden. Die Untersuchung erfolgt durch eine Kommission, der außer dem Chefarzt des Lagers ein Major und ein Oberleutnant angehören. Mit Genehmigung der Vorgesetzten hat sich im Lager eine Hilfsgesellschaft für Gefangene aller Nationalitäten gebildet. Zugleich ist eine Unterstützungskasse mit Vorstand und regelrechten Statuten gegründet worden. Dieser Kasse flielien zu: freiwillige Gaben vermögender Kriegsgefangener, freiwillige Abgäben beim Empfang von Geld oder Paketen, mindestens die Hälfte der Einnahmen bei Musikaufführungen und ähnlichen Darbietungen der Gefangenen. Musikauf fü hrunget i! Auch die Früchte moderner Zivilisation sind In strengste hygienische Beaufsichtigung^erfahren. Dabei der Barackenstadt ausgereift. Eine Militär-Kapelle der — 122 —