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Bericht der Großloge für Deutschland · 1914-06-01 · Nr. 6 - Juni · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1914
Issue
Nr. 6 - Juni
Date
1914-06-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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ungefähr gleichkam und das verdientermaßen bereits vergessen wird, aber gerade deshalb ungeheuer viel gelesen ward, wiederum einmal die Frage: „Was lesen die jüdischen Frauen?" einigermaßen aktuell gemacht. Eben als das Buch: „Das gefährliche Alter" von der Karin Michaelis erschien, erdreisteten sich einige antisemitische Zeitschriften, das Werk als für J ü d i n n e n bestimmt und zutreffend und die Verfasserin selber als J ü d i n zu bezeichnen. Des fernem wurde, wie nicht anders zu erwarten war, der Schmutz in Wort und Bild den Juden in Bausch und Bogen auf das alte große Schuldkonto gesetzt. Kurz, die jüdischen Frauen kamen — in der bekannten Verallgemeinerung — in V.oranstellung der berüchtigten Tauentzienstraßetypen, sehr schlecht weg. Die Frage, was unsere jüdischen Frauen aber in Wirklichkeit lesen, ward dabei wiederum nicht zutreffend beantwortet, kaum ventiliert. Wir wollen davon absehen, ob unsere jüdischen Damen, wenn sie unter sich sind, gerade Schöngeistern. Das bewiese auch absolut nichts füijijhre mehr oder weniger gediegene Belesenheit; wäre keine Widerlegung für oder wider einer wirklichen Bildung, gleichviel, ob dieses an sich ja auch ganz nebensächliche Moment ■ alsBildungszubehör, höher oder niedriger bewertet wird. So lange jüdische Frauen unter sich diel altjüdische Reinheit und Keuschheit selbst bei ausgelassenster Fröhlichkeit auch in Worten und Witzen wahrer, so lange „die Lichter nicht heruntergeschraubt" werden müssen, um sich ordinäre Zoten erzählen zu können — was ja nach jedem gesunden sittlichen Empfinden nur tierhaft niedrige Frauen sich erlauben dürften — nimmt es ihnen nichts von ihrem wahren Bildungswert, wenn sie auch nur selten, wenn/sie nur gediegen lesen, und sich über dieses wenige ohne bombastische Zutaten aussprechen. I Sehr betrüblich ist und bleibt allerdings die Tatsache, daß die jüdischen Frauen der Gegenwart yieles und viel zu viel, wähl- und ausnahmslos, hingegen so gut wie gar nichts „jüdisches" lesen. Hand aufs Herz! Ihr jüdischen Frauen! Wieviele von euch lesen allwöchentlich auch nur einmal eine jüdische Zeitschrift? Wieviele von euch haben auch nur je sich mit jüdischen Z e i t - und Streitfragen in den verschiedenen jüdischen Zeitschriften befaßt? Wer von euch, ihr jüdischen Damen, kennt aus eigener Lektüre auch nur ein paar jüdischer Romane, Novellen oder Erzählungen? Wer von Ihnen hat einen bevor,? zugten jüdischenNovellistenoderRomanschreiber? Wieviele von euch jüdischen Frauen haben ujtfer Dutzenden : ' i' " — »7- oder Hunderten von Büchern auch nur drei von jüdischen Verfassern in ihrem Bücherschrank? L_Man könnte diese und ähnliche Fragen noch verzehnfachen. Aber da känte~eihj so beschämendes Facit heraus, daß es zugleich! auch ein Bildungsdefizit betrübendster Natur würde. Das Verblüffendste, was der Schreiber dieser Zeilen je' erlebt hat, ist das Geständnis einer an der Spitze zahlreicher1, jüdischer Vereine stehenden (Berliner) Dame, die. mit rührender Offenheit gestand, daß sie nicht auf eine einzige jüdische Zeitung abonniert hat, überhaupt keine jüdischen Zeitungen lese, es sei denn, daß „etwas" von Jhren Vereinen „drinstehe"! j Und dies im Zeitalter wiederauflebenden jüdischen Vereins- und Sammlungsgeistes! In England und Amerika sieht es hierin doch viel besser aus als in Deutschland. Obwohl nun die moderne jüdische Belletristik viel Gutes und Schönes geschaffen hat (abgesehen von den modern sozialen Misch- und Taufromanen — Milieu: Berlin W., Ort der Handlung: Berlin bei Kommerzienrats oder Geheimrats), soll hier für die jüdische Frauenwelt doch nur auf .ein. ganz kleines: Werkchen hingewiesen werden, das. weder spezifisch jüdisch,noch christlich,aber echt menschlich und frauenhaft anmutig geschrieben ist Das Büchlein trägt den Titel: Wege hinauf, die Verfasserin heißt Franziska Man n. (Verlag Bruno Cassirer, Be.lin W.) Können wir , uns auch nicht überall mit der- Verfasserin ein- * * . * verstanden fühlen, ja sogar oft in Widerspruch, so bleiben doch so viele gute Gedanken darin so beherzigenswert, daß einiges hier zitiert werden soll: Wie ein Mensch aus seinen Enttäuschungen hervorgeht, das besiegelt'sein Schicksal. Den einen beugen sie rasch,. den andern langsam, den morden, jenen erheben sie. Die'Familie, in der man die Wage nicht richtig belastet mit idealen und praktischen Werten, rüstet ihr Kind nicht gut für den Lebenskampf aus. Daß eine Speise durch ein Lot zu wenig verdorben werden kann, wissen die Tüchtigen, daß man ein Leben durch zu wenig Denkkraft verdirbt, überlegen sie nicht. Das Verantwortlichkeits-Empfinden wird in vielen nie geweckt. Sie glaub enstets, sie wären besser, und doch haben .sie es nur besser. Scheue dich nicht, dein Herz an eine gute Sache zu verlieren. Leide für die leuchtenden Quellen in deiner Brust, —

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