Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1914
- Issue
- Nr. 3 - März
- Date
- 1914-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zu Ehren Wolf Breidenbachs. Von Br. Rechtsanwalt Dr. Guggenheim. Man sagt uns Juden besondere Dankbarkeit für empfangene Wohltaten nach. Darum scheint es mir unsere Pflicht zu sein, auch in unserer schnellebigen Zeit keinen zu vergessen, der sich um uns und unsere Gleichberechtigung verdient gemacht hat, zumal wenn er bescheiden genug war, sich nicht in den Vordergrund zu drängen UHd sich feiern zu lassen. Ein solcher Mann, dessen Namen Graetz1) der Vergessenheit entrissen hat, dessen Verdienste aber heute noch viel zu wenig gewürdigt werden, war Wolf Breidenbach.-) In seiner „Geschichte der Juden" führt uns Graetz eingehend das Leben und Wirken dieses Mannes vor Augen, der würdig ist, als einer der edelsten und erfolgreichsten Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der Juden genannt zu werden. Das große Verdienst Breidenbachs, der allgemeine Bildung mit jüdischem Wissen und schöpferischer wissenschaftlicher Tätigkeit verband, besteht darin, daß er in den meisten Staaten Mittel- und Westdeutschlands die Aufhebung des J u d e n - L e i b z o 11 s erwirkt hat. ) ">r"* '7- ■ - - jl£ ' ') Graetz: „Geschichte der Juden", Band 11, Seite 233 und Note 5._ •> •J Vgl. Dr. Silberstein: „Wolf Breidenbach und die- Aufhebung des Leibzolls in Deutschland'- in der „Zeitschrift tür die Geschichte der Juden", 1S91; ferner Lehrer Horwitz- Kassel in der Zeitschrift ..Im Deutschen Reich-" Nr.7 8 1911. |\'irgl. noch Dr. M. Silberstein: ..Der Leibzoll der Juden und seine Aufhebung in Nassau-' in der Allgcm. Ztg. d J'udent. 1S°0 Nr. 38. X?) ) Nachstehend in "deutscher Ue'bersetzung die bei Graetz, 11, Seite 62$, in hebräischer Sprache abgedruckten Worte Wolf Heideffheims im Vorwort zu „Machsor". „Der mächtig weise Mann, der hpchangesehene Breidenbach, der ruhmvolle, der viel Gutes getan und Tiewirkt für das Haus Israel, der Mann, der alles tat, um die Schmach des Leibzolls, der seit vielen Jahrhunderten alle unsere Schritte hemmte, von uns zu nehmen. De"r Ewige gab ihm Gunst in den Augen der Völker und Fürsten und sie taten ihm, was er verlangte. Und so steht er in seinem freiwillige^ Berufe, ein Fürsprecher für Israel zu sein, um ihnen, Ruhe zu bereiten. Das ist der eile Mann, dessen Hand mich unterstützte! Er selbst bereitete auch Köstliches durch Uebersetzung einiger Pijutim (poetischer Gebetei, wie „Ich komme Dich anzuflehen (2. Rosch Haschono), das Silluk (Schlusstücki des 7. Passah und Selichoth (BuBgebete> in Kolnidre. Wo ich schrieb, sie seien mir geliefert von einem meiner Freunde, da stammt es von ihm, und seine Hände haben es bereitet". Der Leibzoll, der ursprünglich wohl als eine Art Geleitzoll für Handeltreibende gedacht war, hatte sich m Laufe der Zeit besonders in Deutschland zu einer beträchtlichen Einnahmequelle der deutschen Fürsten entwickelt.4) An jeder Zollschranke der kleineren mitteldeutschen Staaten drohten die Zollstöcke mit der schmachvollen Inschrift: „Juden-Leibzoll." Durch diese Art der Verzollung wurden die reisenden Juden tatsächlich dem Vieh gleichgestellt. Dazu kam noch die oft unmenschliche Härte, mit der die Erheber diesen Zoll auch von den Aermsten der Armen beitrieben. ) t Obgleich schon Ludwig der XVI. in seinem Edikt vom 12. Januar 1784 den Leibzoll für Frankreich abgeschafft hatte ), nachdem auch weiterhin Oesterreich, Bayern und Pr*eußen •) die Juden von der erniedrigenden Abgabe befreit hatten, dachten die kleineren Staaten Mittel- und Westdeutschlands noch immer nicht daran, diese nicht geringen Einnahmequellen aufzugeben. Da war es Wolf Breidenbach, der sich der entehrten Glaubensgenossen annahm und mit 'Mut, Entschlossenheit und edlem Eifer der Gerechtigkeit zum Siege verhalf. Ein zeitgenössischer christlicher Schriftsteller ~) rühmte Breidenbachs Wirken, der „mit Aufopfern von Zeit, Mühe und Kosten sich ein unsterbliches Verdienst um die Juden erwirbt". Es kann nicht meine Aufgabe sein, innerhalb eines kurzen Aufsatzes die mühselige Tätigkeit Wolf Breidenbachs zu schildern und die Kleinarbeit dieses bescheidenen Mannes aufzudecken. Ich verweise auf die angegebene Literatur. Nur darauf sei hingedeutet, das Wolf Breidenbach durch seine Stellung als Hoffaktor bei dem Fürsten von Isenburg zu Offenbach Beziehungen zu den benachbarten fürstlichen Höfen hatte und so bewirkte, daß die Schmach des Juden-Leibzolles nach und nach in den einzelnen Staaten beseitigt wurde. ') In Hessen - Darmstadt zum Beispiel brachte der Zoll jährlich nach Graetz a. a. O., Seite 620, 25 000 bis. 28 000 Gulden, nach Silberstein a. a. O. 11 000 bis 12 000 Gulden. 5I Vgl. Silberstein a. a. O. e) Das Edikt begründet dies: „da es unserer Denkungsart höchst zuwider ist, gegen irgendeinen unserer Untertanen eine Auflage existieren zu lassen, welche den Stand der Menschen schändet." ~) Friedrich Wilhelm II. sprach sich mißbilligend über seine Räte aus, daß diese ihn nicht früher auf diese unwürdige Abgabe aufmerksamgemachthätten. Vgl.Silberstein. ") Scheppler 1805. — 34 -