Mannheim
Compact Memory

Bericht der Großloge für Deutschland · 1913-09-01 · Nr. 9 - September · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1913
Issue
Nr. 9 - September
Date
1913-09-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4864325-6029030-6074218--1559-4865681
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Berlin, September 1913. BERICHT Nummer 9. der GßOSSLOGE HR DEUTSCHLAND Till ü. 0. 8.8. Eingetragener Verein. | Eigener Verlag der Grossloge. Bureau: W. 62, Kleiststr. 12. Telephon: Amt LzwM No. 4619. J Nachdruck sämtlicher Artikel au* diesen Berichten verboten. Inhalt, Zum religiösen Neujahr. — Wollen und Können. — Kindersparverein. - Sonderausschuß <ler Oroßluge für geistige Interessen. —;..Wienau' , abelim." — Aus dem Bureau der Großlogc. — Aus Amerika, — Aus dem Oedächtnisbuche der OroUloge. . ';. Zum religiösen Neujahr. Von Br. Martin Hhilippson. Der Beginn eines neuen Jahres lenkt unseren Blick unwillkürlich in die Vergangenheit zurück. Denn die Aussicht in die Zukunft ist nur möglich auf Grund der Ursachen und Umstände, die sich aus der Vergangenheit ergeben, und deren weitere Evolution dann unsere nächste Zukunft bestimmen und ausfüllen wird. So ist es natürlich, daß wir, die Brüder jüdischer Logen, bei dem bevorstehenden religiösen Neujahr die jüngste Epoche in der Geschichte der deutschen Judenheit unserer Betrachtung unterziehen. Da aber erkennen wir, daß wir inmitten einer tief eingreifenden und nicht unbedenklichen Bewegung stehen. Es gab eine Zeit — die neunziger Jahre des letzten Säculums — wo das Judentum in Deutschland sich in verheißungsvollem Aufschwünge befand. Die harten Angriffe, die kränkenden Demütigungen, denen es der damals auf das leidenschaftlichste wütende Antisemitismus aussetzte, hatten seine Gelreuen in edlem Trotze zusammengeführt. Während der Sturm die trockenen Zweige des uralten Baumes zum Abfall brachte, kräftigte er nur den Stamm selber und dessen lebendige Aeste und Sprossen. Zu gemeinsamer Abwehr, zu gemeinsamem Bekenntnisse fanden sich alle zusammen, die noch Juden sein und heißen wollten. Sogar die bisher Lauen und Gleichgiltigen traten zu ihren verfolgten Brüdern und scharten sich um das Banner Judas.' Die bestehenden großen jüdischen Vereinigungen wurden «verstärkt, neue wurden begründet. Die Angehörigen der verschiedenen religiösen ' Richtungen — 125 vergaßen alles, was sie Irennte, und wollten nur ihrer allgemeinen Eigenschaft als Juden bewufjt sein Alle Juden Gefährten und Verbündete! Man sprach mit Recht von einer jüdischen Wiedergeburt^ von efner jüdischen Renaissance. Herrlich schien das deutsche Judentum wieder aufzubrühen; es.war eine Lust, ihm zu dienen, es zu verfechten: Allmählich verlief dann die Hochflut des Antisemitismus. Eine Bewegung, die gar keine innere-Berechtigung besaß, die lediglich aus Haß, Neid, nationalem Dünkel und aus dem Geschäftsinteresse der Einzelnen hervorgegangen war, konnte keinen bleibenden Bestand haben. Freilich ließ sie, wie jedes Hochwasser, vielen zähen Schlamm zurück: die instinktive Abneigung gegen die Juden bei einem großen Teile der deutschen Bevölkerung. Aber im Grunde begann man sich dieses Gefühles, das man nicht abstreifen konnte, zu schämen; es wagte kaum noch offen hervorzutreten und wucherte nur im Verborgenen fort. Die gewaltsamen Betätigungen hörten auf. Der Jude konnte wieder frei und sicher, erhobenen Hauptes, wenn auch in stolzer Zurückhaltung, unter seinen christlichen! Mitbürgern wandeln. Kaum hatten jedoch die Angriffe von außen nachgelassen, kaum der Druck, der ^uf der gesamten deutschen Judenheit gelastet, sich gelockert, so verschwand auch in ihrem Inneren die Einigkeit und brüderliche Liebe, um den Jahrtausendealten schlimmen Eigenschaften des jüdischen Stammes Platz zu machen: der Eigenliebe, der Rechthaberei, der leidenschaftlichen, haßerfüllten Streitsucht. Sollen Einigkeit und Bruderliebe nur eine kurze Episode gewesen sein? Man mißverstehe uns nicht: Leben und Bewegung muß es in jeder nicht abgestorbenen Gemeinschaft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.