Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1908
- Issue
- Nr. 2 - Januar
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder, „Wilhelm - Auguste Viktoria - Stiftung". Zwei hocherfreoliche Tatsachen dürfen wir als Einleitung unserem Berichte voranschicken. Unter dem 16. September ging bei sns die Nachricht ein, dass des Königs Majestät durch Allerhöchsten Erlass vom 8. August 1907 zu genehmigen geruht haben, dass unsere geplante Erziehungsanstalt die Namen .Wilhelm- Auguste Viktoria-Stiftung" führe. Im Oktober d. J. ist im Beelitzer Waldrevier der erste Spatenstich zur Errichtung des Baues getan worden. Wenn unserem Werke die Gunst des Wetters erhalten bleibt, so kann das erste Stockwerk vollendet sein in dem Augenblick, da dieser Bericht in die Hände unserer Leser gelangt. Ende des nächsten Sommers ist die Vollendung des Baues zu erwarten, und wir hoffen zum Herbst 1908 das Institut seiner segensreichen Bestimmung übergeben zu können. ' Nachstehend sei eine Schilderung des Bauwerks und seiner inneren Einrichtung gegeben, das bereits sowohl hinsichtlich der architektonischen Anlage als auch wegen der Berücksichtigung der neuesten Errungenschaften der Gesundheitspflege die Anerkennung der berufenen Sachverständigen bei der Kgl. Regierung in Potsdam gefunden hat. Die Grundzüge für die Gestaltung hat Herr Dr. Nawratzky in Nikolassee, der lange Jahre in der Irrenanstalt Dalldorf tätig war, festgelegt. Herr Geheimrat Dr. Maretzki hat noch schätzenswerte Winke gegeberi, damit der Bau jeglichen Anforderungen seines speziellen Zweckes genüge. Die allgemeinen Gesichtspunkte waren, dass das Haus ohne jeden äusseren oder inneren Prunk zu bauen sei, dagegen müsse Material und Arbeit in jeder Weise gut und solide sein, damit nicht häufige Reparaturen erforderderlich werden. Den hygienischen Anforderungen der Neuzeit sei in jeglicher Weise Rechnung zu tragen. Ferner müssen die Räume iür Knaben und Mädchen vollständig getrennt sein; es sind weder gemeinschaftliche Treppen noch Flure anzuordnen. Das Haus liegt mitten in dem sehr ausgedehnten städtischen Forst, aber doch nur wenige Minuten von dem Bahnhof Beelitz der Bahn Jüterbog-Potsdam, und nahe bei der Stadt, dagegen von den Berliner Lungenheilstätten weit entfernt. Es besteht nun aus einem Untergeschoss, hohem Erd geschoss, erstem Stockwerk nnd ausgebautem Dachgeschoss Im Untergeschoss befindet sich ein grosser Turnsaal, zwei Werkstätten, in welchem Handfertigkeitsunterricht erteilt werden soll, die geräumige Küche nebst Anrichte- und Vorratsräume, je ein- Brausebad für Knaben und für Mädchen und Räume für Heizung, Kohlen und Maschinen für die Gas- und Wasseranlagen. Eine besondere Treppe führt von der Wohnung des Schulvorstehers zu den Küchenräumen. Im hohen Erdgeschoss liegt die Wohnung des Vorstehers, bestehend aus zwei Wohnzimmern, Schlafzimmer und Sprechzimmer. Nur das Sprechzimmer hat Verbindung mit den Anstaltsräumen; von aussen ist ein besonderer Zugang angelegt. 14 — . ||. ' § ■ / Ferner liegt hier der gemeinschaftliche Speisesaal mit Speiseaufzug von der Küche und je ein Schulzimmer nnd ein Spielzimmer für Knaben und Mädchen, sowie die notwendigen Klosetträume. Das erste Stockwerk enthält je zwei Schlafzimmer mit anstossenden Waschräumen für Knaben und für Mädchen. Zwischen den Schlafzimmern, sodass jedes derselben beobachtet werden kann, befinden sich Zimmer für einen Lehrer beziehungsweise eine Lehrerin; so stehen die Zöglinge nachts immer unter Aufsicht. Ausserdem sind noch zwei Reservezimmer vorhanden, entweder für zahlende Schüler oder für Kranke. Im Dachgeschoss liegen Absonderungszimmer für Kinder mit ansteckenden Krankheiten, die Waschküche, Trockenboden und einige Zimmer für Dienstboten. Eine Warmwasserheizung sorgt für die genügende Erwärmung der Räume, auch der Flure und Treppen. Ein Motor schafft das Wasser aus einem Tiefbrunnen in sämtliche Stockwerke nnd eine eigene Gasanlage ist für Beleuchtung vorgesehen. Sämtliche Decken werden massiv aus Eisen" und Stein verfertigt; die Fussböden erhalten Linoleumbelag. Es ist ersichtlich, dass alle Anlagen, die man früher nur in der Grossstadt kannte, wie Wasserleitung. Klosetts mit Wasserspülung, Gasbeleuchtung durch die fortgeschrittene Technik bei einem verhältnismässig kleinen Bau, abseits von Kulturstätten, geschaffen werden können; allerdings sind die Kosten hierfür im Verhältnis zum ganzen Bau ziemlich erheblich. Da das Grundstück 5 Morgen gross ist, so ist hinreichend Raum für Gartenanlagen, Spielplätze usw. vorhanden, die Kinder können sich im Freien tummeln und haben die beste denkbare Waldluft. Zahlreiche jüdische Eltern im ganzen Reiche sehnen die Eröffnung des Israelitischen Instituts herbei, durch die eine drückende Gewissenslast von ihren Herzen abgewälzt werden soll. Das ersehen wir aus den vielen Aufnahmegesuchen von seiten solcher Eltern, deren Kinder bereits in einer nicht Jüdischen, im Geiste einer anderen Religion geleiteten Anstalt sich befinden. Doppelt beklagenswert sind aber die Familien, die aus religiösen Bedenken ihre, wegen ihrer Hilflosigkeit besonders zärtlich gehegten Sprösslinge überhaupt nicht aus dem Hause gegeben haben. Es handelt sich also, wie entgegen den Zweiflern an der Notwendigkeit einer jüdischen | Anstalt für schwachsinnige Kinder nicht oft genug hervorgej hoben werden kann, nicht bloss darum, zunächst 40 noch bildungsfähige Minderjährige, beiderlei Geschlechts, sacbgemäss zu erziehen und innerhalb der von der Natur gezogenen Grenzen zu brauchbaren Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden — das allein wäre schon der grössten Mühen und Opfer würdig —. sondern auch darum, ebenso vielen beklagenswerten Familien, die durch die Verpflegung solcher Kinder in ihrer wirtschaftlichen Entwickelung behindert und seelisch bedrückt werden, eine dauernde Erleichterung zu verschaffen. Diese Einsicht wird sicher bei zahlreichen hervorragenden Männern mitgesprochen haben, die ihren wissenschaftlich und sozial hochangesehenen Namen für unseren Aufruf wegen