Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 7 - September
- Date
- 1907-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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Br. Maretzki schlägt noch die Kooptation des Fräulein Pappenheim vor, die auf dem Gebiete des Mädchenhandels schon viel geleistet hat. Er ist der Ansicht, dass die Mitwirkung von Frauen für die ethische Aufrichtung in Galizien notwendig und zweckmässig sei. Die Frau finde leichter Zutritt zu der weiblichen Bevölkerung; die judischen Frauen und Mädchen fassten in solchen immerhin delikaten Angelegenheiten zu einer Frau von vornehmem Wesen und wohlwollender Gesinnung leichter und rascher Vertrauen. Das sei wohl zu beachten, und verständnisvolle, selbstlose Frauen könnten unser Werk ausserordentlich gut fördern. Auf die von Br. Landsberg erhobenen Bedenken gegen die Kooptation eines Nichtbruders in ein Komitee der Grossloge bemerken die BBr. Maretzki und Laskar, dass dem nichts im Wege stehe. Das Komitee 'wolle arbeiten und energisch arbeiten, und müsse daher alle sich ihm bietenden Kräfte heranziehen. Es wird nun, beschlösse□, sich an den jüdischen Frauenbund zu wenden und ihn um die Delegation der Damen Fräulein Pappenheim, Frau Direktor Mai und Fräulein Sidouie Werner in das Komitee der Grossloge zu ersuchen. Br. Katschinsky macht noch darauf aufmerksam, dass den Grenzkommissaren für ihre Bemühungen ein gewisses Honorar zu gewähren sein werde. Zum Schluss resümiert Br. Maretzki den Gang der heutigen Beratungen und Beschlüsse. Das Zweigkomitee erblickt seine Aufgabe lediglich darin, die Verschleppung und Entführung von Mädchen zu verhüten. Zu diesem Zwecke sollen in den Grenz- und Hafenstädten Komitees gebildet und Vertrauensmänner gewonnen werden. Diese erhalten eine Instruktion, nach der sie sich zu richten haben, um möglichst schnell das Treiben der Mädchenhändler zu inhibieren. Das Zweigkomitee wird sich mit den staatlichen Organen sowie mit den Bahnhofsmissionen in Verbindung setzen, freundschaftliche Warnungen an alleinstehende Mädchen senden, sowie Warnungstafeln mit jüdischen Lettern in den Eisenbahncoupeä und Bahnstationen anbringen. Mit einem Dank des Br. Katschinsky an den Vorsitzenden und der Versicherung treuer Mitarbeiterschaft seitens aller Komiteemitglieder schliesst um 1 Uhr die Sitzung. Im Jaffa'schen Kinderheim. Ein Zufall hatte mich vor einigen Tagen an der Kinderheimstätte vorübergefühlt. I nd nur ganz zufällig las ich da die Inschrift: Jaffa'sches Fürsorge- und Waisenheim der Grossloge für Deutschland VIII U. O. B. B. Was lag mir da näher als dem ersten Impuls nachzugeben, in das freundlich daliegende Haus zu treten und einmal einen Blick in die Stätte zu werfen, wo jüdischer Hochsinn ein Liebeswerk für die Unmündigen geschaffen hat. Der Zufall war mir günstig. Ich Hess mich melden und traf den Leiter der Anstalt, Br. Finkel zu Hause, der mich alsbald durch die freundlichen Räume geleitete und, woran mir vor allem lag, mir die kleinen Insassen vorführte. Meine leise Befürchtung, das, was mich in Kinderinstituten immer am wenigsten angenehm berührt, nämlich das „soldatische Strammstehen" zuerst zu kosten zu bekommen, traf zu meiner Freude nicht ein. Mit kindlich naiver Unbefangenheit traten die Kleinen auf mich zu, reichten mir, wie dies in Familien häufig ist, die Hand, und beantworteten meine Fragen mit der natürlichen Zutraulichkeit der Jugend, die sich zu Hause fühlt. Und gerade in diesem, der kindlichen Individualität in erster Linie Rechnung tragenden System, das ich sofort hier ins Praktische übersetzt fand, erblicke ich den gtüssten Vorzug dieses Instituts. ' Ist doch gerade das Eingehen in die individuelle Veranlagung des Kindes, an der in fast allen Waisenhäusern so schwer gesündigt wird, eine der bedeutsamsten Aufgaben, die der Leitung erwachsen. Das Nivellieren der jugendlichen Insassen der Waisenhäuser hebt, dessen bin ich fest überzeugt, alle den Kindern erzeugten Wohltaten in neun von zehn Fällen wieder auf, md dass dadurch auch viele Waisenkinder später in falsche Bahnen gelenkt werden, ist bereits ein Erfahrungssatz. Umsomehr erfreute mich bei der''; flüchtigen Besichtigung die Wahrnehmung, dass der derzeitige Leiter nicht auf äusserlichen Drill sein Erziehungswerk richtet, sondern den Kindern das mit dem Elternhaus verlorene Kindesglück zu ersetzen sucht, indem er ihrer Natur keinen Zwang auferlegt und in väterlicher Weise zunächst die Gemüter der Kleineu mit Heimatsgefühl zu gewinnen sucht. Ich nahm den Eindruck mit, dass die Kinder weder die Ssheu, die die Strenge der ihnen verwandtschaftlich Fernstehenden erzeugt, und die die Waisenhauserziehung ihrem Charakter oft zeitlebens aufdrückt, noch l'narten gezeigt haben, die aus dem l'ebersehen der'kindlichen Fehler erwachsen, -und die auch bei einem ganz kurzen Besuch nicht entgehen. ■ Noch ist die Zahl der kleinen Insassen gering, man darf aber nach den Eindrücken, die man beim Besuch der Anstalt gewinnt, überzeugt sein, dass, wenn die Räume auch ganz bslegt sein werden, die jetzige Methode des Familienlebens sich vortrefflich bewähren wird. Das Institut trägt denn auch ganz den Charakter einer Familienwohnung, von dem ich nur herzlich wünsche, dass er ihm auch fernerhin erhalten bleibe. Kaum scheint ja noch für ein weiteres halbes Dutzend Kinder vorhanden zu sein; und der reichlich gefüllte Leinenschrank, die in peinlicher Sauberkeit gehaltenen Zimmer, die überaus praktisch eingerichteten Kleiderschränke mit erfreulichem Inventar deuten darauf hin, dass auch für die Nachrückenden gut gesorgt sein wird. Ich möchte nur wünschen, .dass recht viele Herren und Damen, und nicht nur aus Logenkreisen, das jüngste Kind unserer Logenwirksamkeit. oft besuchen möchten. Die Anstalt ist eine solche Aufmerksamkeit schon wert und wird auch zweifellos jeden Besucher befriedigen. Dr. A. K.