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Bericht der Großloge für Deutschland · 1906-01-01 · Nr. 6 - September · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1906
Issue
Nr. 6 - September
Article
Beilage zu Nr. 7 - November
Date
1906-01-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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tätigung ermöglichen, ihren Ideale i nachzuleben, sich die Wertschätzung der menschlichen Geschlechter zu erringen. Als Juden können wir dera'tige charakteristische Erscheinungen uns gefalleri lassen, die die Hoffnung wachrufen, dass nach mihrtausendjähriger Unterdrückung unseren Grundanschauungen der Zivilisation und Kultur gleiche Sonne und gleicher Wind zuerkannt werden soll. Der Streit um Glaubenssätze und Philosophepe vvürde uns dabei nur in beschränktem Massej berühren. Da Juda den herrschenden Religionen jdie Grundlagen und die Bausteine, mit einem Wort; Alles geliefert hat, was ihre Systeme aufrichtete und haltbar machte, so darf es nicht minder von der siegreichen Ueberzeugung durchdrungen sein, dass seine Daseinsbedingung und .sein Wirken in edler, vornehmer Lebensführung, jGesittung rund Schaffensfreudigkeit aufwärts fphren werde. ' Die Grenzgebiete der Religionen und philosophischen Systeme, um die der Streit im Laufe der Geschichte so häufig erbittert tobte, sind nun in neuerer Zeit einer von den früheren grundverschiedenen Beeinflussung ausgesetzt worden. Dies rührt von der Entwicklung her, die die Naturwissenschaft genommen. Was früher sich als Xaturerkenntnis gab. darf als Kindheitszustand bezeichnet werden gegenüber der gründlichen und umfassendeil Beobachtung, der Massenhaftigkeit der Erfahrungen und der erstaunlichen Häufung der Ergebnisse. Diese Fortschritte beruhen vor allem auf Voraussetzungslosigkeit bei der Forschung nach Wahrheit und auf induktiver Methode. Die Genauigkeit der einzelnen Tatsachen-Beobachtung wird wissenschaftlich festgestellt, die Fülle der Tatsachen gesammelt; aus ihnen werden die Weltgesetze abgeleitet oder bestätigt. Es wird von Stufe zu Stufe gerungen und gestiegen. Mühselig werden die Ziele erreicht. Das Gewonnene aber ist unumstösslich fester Besitz. Diese Durcharbeitung zur Wahrheit kann wohl auf dem Wege abirren und dabei mit dieser oder jener transcendenten, übersinnlichen, theologischen oder philosophischen Konstruktion in Berührung kommen. Dann handelt es sich aber um idypothesen, Voraussetzungen, dl.? keine allgemeine Anerkennung und Gültigkeit erlangt haben, die der wissenschaftlichen Läuterung unterliegen. Aber ihrem Wesen nach hat die Wissenschaft, so sehr auch ihr Grenzgebiet mit denen der Religionsforschung und; der Philosophie zu.-immenstossen mag, mit übersinnlichen Problemen nichts zu tun. Grade die hervorragendsten Naturforscher haben bekannt, wenn es sich um den Urgrund aller Dinge handelte: Wir wissen nichts. Damit haben sie nicht vom Gl.mben, vom Gewissen, vom Gefühl gesprochen, sondern lediglich zugegeben, das:; die Forschung — gleich Raum und Zeit — unbegrenzt, nichts abgeschlossenes ist. Diese Sachlage gebietet uns Juden, vor jeder Unduldsamkeit und falschen Auffassung uns zu hüten; wir dürfen nicht in die Gewohnheitender Kirchen verfallen, die häufig übereifrig und ohne wirkliche Prüfung gegen die Naturwissenschaft Partei ergreifen. Die Neigung zu solchem Verhalten zeigt sich neuerdings auch bei uns nicht etwa nur auf solcher Seite, die jedes Zugeständnis an eine dem Mittelalter entwachsene Zeit ablehnt, sondern gar in gewissen akademisch gebildeten Kreisen, die kraft ihrer besonderen geistigen Begabung und ihres Wissens es wahrlich nicht gebrauchen, der Vertretung eines solchen Standpunktes sich zu bedienen. Vor allem werden wir uns fern davon halten, Männer wie Darwin und Häckel als verschrobene Narren hinzustellen. Wir werden mit der ihnen gebührenden Achtung ihre Aeusserungen in dem von ihnen beabsichtigten Sinne getreu wiedergeben. Wir werden nicht, •wie es z. B. dje Antisemiten tun, losgelöst vom Zusammenhang die Meinung eines einzelnen Gelehrten über einen einzelnen Punkt, als der Weisheit höchsten Schluss der gesamten Wissenschaft ausgeben. Wohl aber werden wir bestätigen müssen, dass der Kern, das Lebensprinzip der geschichtlich entfalteten jüdischen Idee in den beiden elementaren Dingen mit der Naturwissenschaft übereinstimmt. Wie diese, lehrt und bewirkt das.jüdische Geistesleben die Förderung der Kultur. Wir stehen der Askese, der Entfremdung vom Weltlichen durchaus fern. Auf dass es den Menschen wohl ergehe auf Erden, gilt uns als Gesetz und Recht. Was ferner die sittlichen Grundlagen anbetrifft, so muss die Naturwissenschaft zu jeder Zeit die von Juda ausgegangenen sozialen, ethischen Vorbedingungen als gültig anerkennen. Denn wie könnte sie das Wohlergehen der Menschen erstreben wollen, wenn ihre letzten Absichten darauf hinausliefen, den Kampf aller gegen alle zu entfesseln. Ob auch der orthodoxe Protestantismus und der Ultramontanismus sich gegen die Wissenschaft wende, der Jucienheit gebührt ein anderes Verhalten. Sie' vermag durchaus jenem protestantischen Geistlichen und Kantianer zuzustimmen, der den Ausspruch tat*): ,,Gefühl und Verstand stehen nicht über- und nicht untereinander, sondern sie ergänzen sich nach dem Bilde Ephräms, wie die zwei Flügel an dem Leibe einer Taube, den Flug der Erkenntnis zu regeln. Beide müssen in den ihnen eigentümlichen Gesetzen erkannt werden, um die äussere und innere W7elt, die objektiv und subjektiv apodiktische, in Einheit zu bringen. Beide müssen aus denselben Prinzipien erklärt werden, sonst zerfeisst die Einheit des menschlichen Wesens. ") Albrccht Krause, Gesetze des menschlichen Herzens, Lahr 1876 39. Buchdruckerei Max Cohn (Inn.: A. M. Brodaczj, Berlin bW., Ritterstrasse 78.

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