Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1906
- Issue
- Nr. 4 - Mai
- Date
- 1906-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN, im Mai 1906 v No. 4 Bericht der Grossloge für Deutschland U. O. B. B. Nachdruck sämtlicher Artikel aus diesen Berichten verböte Fernsprecher: D. Wolff, VI. No. 4619, Wilhelmstrasse 118. Zur Psychologie des Neueingeführten Ich schicke voraus: es handelt sich in Folgendem nicht um eine Erörterung von Empfindungen bei hyper sensiblen Naturen, — denn es ist ohne weiteres klar, dass bei ihnen der Eindruck der feierlichen Einführung, besonders stark sein muss, — sondern um den Versuch, die Richtung anzudeuten, in der sich die Gedanken und Gefühle des mittel massig veranlagten Menschen etwa bewegen. Denn wie überall so bildet auch im Orden der Mittelstand die breite Basis, und er allein ist der massgebliche Probierstein aller Einrichtungen. Versagt ihre Wirkung bei ihm dann sind sie nicht lebensfähig, tritt sie ein, so ist ihre Zukunft gesichert. Ferner: es wäre unrichtig wollte man die Einführung als selbständigen Akt nehmen und lediglich auf ihn die Psyche des neuen Bruders untersuchen; der lange Zeitraum zwischen 'Meldung und Aufnahme regt unwillkürlich zum Nachdenken an, die Erfüllung der Vorbedingungen, der Besuch des offiziell angekündigten Ordensmitgliedes, die Unterhaltung mit diesem, der Umstand schliesslich, dass von bestimmten Formalien und Zeremonien Ungewisses in der Oefientlichkeit vet breitet ist, all diese Einzelheiten erzeugen ein Gefühl der Spannung und Erwartung, das zum eigentlichen Einführungsakte in Beziehung steht, ihn gewissermassen vorbereitet und deshalb zusammen beurteilt werden will. Das Verhältnis des Durchschnittsisraeliten zu Glauben und Judentum ist ein sehr äusserliches. Was er in beiden Positives leistet geschieht aus Gründen der Pietät, des Mitleids und nicht zuletzt aus Rücksichten der Erziehung seiner Kinder. Die Erinnerung an seihe eigene Jugend, die starken Eindrücke eines frommen Elternhauses haben im gereiften Manne einen Rest von religiöser Stimmung aufgespeichert, der ihn von Zeit zu Zeit in das Gotteshaus drängt, ihn darin >efriedigung seines Glaubensbedürfnisses suchen und finden lässt. Das sogenannte Jüdische Herz" haben bis zum heutigen Tage alle Kämpfe um die eigene Existenz bei den meisten von uns nicht erkalten lassen, und es hiesse eine Binsenwahrheit breittreten, wollte man ausfuhren, dass die Majorität der heutigen Juden gerne und immer wieder für jüdische Zwecke gibt. Und schliesslich veranlasst die bewußtste oder unbewusste Erkenntnis, dass es kaum ein stärkeres Bindemittel zwischen Eltern and Kindern gäbe, als gemeinsame religiöse Empfindungen eine Erziehung im jüdischen Sinne. All das ist viel und wenig zugleich. Viel, denn älte, diese Einzelheiten sind Glieder-an der Kette, die uns mit der Vergangenheit verbindet, Wenig, da es sich fragte ob die Kette nicht doch einst reissen wird, weil ihre Glieder schwach sind und immer schwächer: werden. - Um dieses Menschenmaterial, Wehn1 man so sagen darf, handelt es sich meistens bei der "breiten Schichte neuzugewinnender Brüder; ihrer Anwerbung, steht nichts entgegen, da sie sicherlich der Anforderung, „edeldenkende Israeliten" zu sein, im weitesten Sinne wenigsten«; entsprechen. Wendet man nun auf dem Wege persönlicher Propaganda ihre Aufmerksamkeit dem Orden zu, so wird man alles Verständnis anfangs sicherlich nicht finden und auch kaum verlangen dürfen. Eine jüdische Vereinigung wie andere auch; exklusiver, umfassender in ihren Bestrebungen; nun ja, man hat auch davon gehört, dass sie hervorragendes leistet; hier trägt ein Waisenhaus, dort eine Altersversorgungsanstalt ihren Namen, Toynbeehallen ^und Arbeitsnachweise hat sie geschaffen. Sehr anerkennenswert! Und da man jüdischen Vereinen Angehört, warum soll man nicht als Mitglied des , Zentralvereins, des Hilfsvereins etc. auch der Loge angehören? Doch nunmehr erfolgt die *rste Korrektur ihrer Anschauungen Vom Wesen des Ordens. Die Bereitwilligkeit zum Eintritt genügt nicht-, es genügt auch nicht geben zu wollen für die verschiedensten wohltätigen Zwecke; man stellt Anforderungen an die Person selbst, man verlangt ihre Arbeitskraft in jedem nicht nur materiellen Sinne; das neue Mitglied soll seine Fähigkeiten in den Dienst des Ordens stellen, soll ihm Zeit opfern, Interesse widmen, das sich nicht im wöchentlichen Besuche der Sitzung erschöpit: und Bruder soll er werden nicht nur dem Namen nach . . . Das sind Schwierigkeiten, die überwunden werden müssen, aber sind sie überwunden, so ist eine wichtige Arbeit getan, die Anschauung von Wesen und Zweck der Loge ist eine andere, tiefere geworden. Sie ist kein Verein wie viele andere auch, so viel steht fest; das Interesse beginnt zu wachsen, der Wunsch sich zu regen Näheres zu erfahren.' Man fragt den oder jenen; „Sind Sie Logenbruder, erzählen Sie doch,, ist die Loge mehr wie ein Verein?" Und der neue Kandidat beginnt zu erkennen, dass der Orden in die Kategorie der bekannten jüdischen Vereine sieh, doch nicht gut einschalten lasse, dass ein ungleich innigerer Zusammenhang zwischen den „Brüdern vom Bunde" bestehe als den Mitgliedern irgend einer anderen Organisation. Solche Wahrnehmungen veranlassen den Logenkandidaten unwillkürlich sich immer ein- /