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Bericht der Großloge für Deutschland · 1906-03-01 · Nr. 2 - März · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1906
Issue
Nr. 2 - März
Date
1906-03-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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— 35 — Herder-Loge In Hellbronn. Am 4. Febr. dieses Jahres hielten wir die Trauerloge für unsern so früh verstorbenen Br. Max Stern ab. Was wir in diesem lieben Br.. verloren haben geht aus der von unserem Präs. Br. Dr. Gumbel II gehaltenen Gedächtnisrede hervor^ weshalb dieselbe hier Platz finden möge. * Verehrte Anwesenden! In düstere Farben ist der Saal gekleidet, noch tönen die feierlichen Klänge des Harmoniums und der erhebende Gesang in unseren Ohren nach, die ganze Umgebung vereinigt sich, um in uns die Stimmung der Wehmut und der Trauer auszulösen, unter deren Zeichen unsere heutige Zusammenkunft steht. Doch wahrlich, es bedurfte hiezu dieses äusseren Rahmens nicht; ist doch unser Inneres noch unter dem frischen Eindruck des schweren Unglücks, das uns betroffen, — sind doch unsere Herzen noch im tiefsten Grunde bewegt in der Erinnerung an den schmerzlichen Fall, den wir zu beklagen haben, — sind wir doch alle noch auf das heftigste erschüttert von dem Todesfall, der eine Lücke in unseren Kreis gerissen hat. von dem Todesfall unseres Br. Max Stern. Wenn ein Mann die Höhe seines Lebens überschritten hat,--er ist durch die Last der Jahre gebeugt, die Beschwerden des Alters sind eingetreten und mehren sich, Krankheit und Leiden reiben ihn auf, er fühlt das Ende seiner Tage nahen, mählich und mählich verglimmt die Lampe seines Lebens, — wenn dann der Tod zu einem solchen Manne kommt, so hat er von dem Schi ecken, der ihm anhaftet, ein gut Teil verloren, er kommt zu ihm als Erlöser, der ihn von aller Erdennot und Erdenpein befreit und mit freundlicher Hand zum besseren Jenseits hinübergeleitet. ——- [Nun aber, ein Mann in den besten Jahren. Ein Mann, der noch aufrecht gestanden hat im Leben; einer der sich noch arbeitskräftig, leistungsfähig und grossen Aufgaben gewachsen gefühlt hat; ein Mann, der bis in die letzte Minute seines Daseins geschafft und gewirkt und sich betätigt hat, wenn ein solcher Mann jählings hinweggerafft wird, wenn er ohne jeden Uebergang dem Untergang geweiht ist, wenn mit einem raschen Schnitte all die tausend Bande, die ihn an das Leben hielten, zerschnitten werden, dann hebt die laute Todesklage an, und es ergreift uns ein solches tragisches Geschick mit besonderer Wucht und Gewalt. " A ' Und ein solches Geschick führt uns heute zusammen, eine solche jammervolle Kunde hat sich am 25. Januar wie ein Lauffeuer durch die Stadt verbreitet, wir sahen mit überwältigender Plötzlichkeit unseren Bruder Max Stern aus dem Kreise der Lebenden gerissen. Aber der wahre Grund unserer Klage und unseres Schmerzes liegt doch nicht in der Art, in der Unneimlichkeit, mit der hier der Allbezwinger Tod seine Beute geholt hat, sondern unsere Trauer ist so tief und echt und nachhaltig, weil der Verlust den wir erlitten, so gross und so bedeutend ist. „Ach, sie haben einen guten Mann begraben, und uns war er mehr''. Nicht was der Verstorbene der grossen Zahl derer, die Leid um ihn tragen, bedeutet hat, brauche ich hier von dieser Stelle aus nicht besprechen, nur was er uns selbst gewesen ist. nur was uns selbst mit ihm entrissen worden ist, nur was uns selbst fehlt, nur das will icn7 in Kürze hier zusammen fassen, damit wir es in unserem Gedächtnis treu bewahren. •Wer von uns hat nicht in Tagen der Kindheit schon um seines Judentums Willen Hohn und Spott und Beschimpfung erfahren? Wer ist nicht im späteren Leben davon Augenzeuge gewesen, wie der Jude in gesellschaftlicher Beziehung gekränkt und zurückgesetzt wird? Wer hat nicht, zumal in den jüngsten Zeiten schaudernd miterlebt, dass Juden, denen man nichts vorwerfen kann, als dass sie eben Juden sind, gegenüber einer in Vorurteilen befangenen und gewissenlos verhetzten Volksmenge ernsten Gefahren für Leib und Leben ' ausgesetzt sind? Man begreift, dass da so mancher ängstlich und verzagt geworden ist, dass da so mancher sieltvor Angriffen geduckt und nicht den Mut gefunden hat, sich zu seinem Judentum zu bekennen,' dass .da so mancher zu der Auffassung gekommen ist, das Judentum sei ein Unglück für ihn nnd für alle. Ich sage, man kann solche Stimmungen und Gedankenrichtungen begreifen-, aber man muss sie gleichwohl bedauern und verwerfen. Wahrlich, wie sollte es besser werden für uns, wenn wir uns von anderen die Meinung einimpfen Hessen, dass es eine Schande -sei, dem Judentum anzugehören: wie sollten wir unsere Position in der Welt verstärken, wenn wir uns selbst und den Glauben an uns selbst aufgeben, wenn wir das Selbstbtwusstsein und die Selbstachtung und die eigene Würde variieren! Unser Orden steht auf dem Standpunkt, dass dem Judentum vor allem Kot tun: Charaktere, dass wir keine Duckmäuser und Leisetreter brauchen können, keine ängstlichen Rücksichtnehmer, sondern Männer, wackere und entschlossene Männer, die sich immer. und unter allen Umständen ihres Judentums .bewusst sind und es niemals verleugnen, Männer, die, ob sie nun einejf" mehr oder weniger freien kirchlichen Richtung angehören, sich doch ihr jüdisches Gefühl,- ihr jüdisches Ehrgefühl bewahit haben. " Und da darf und muss zum. Rahme des Verstorbenen gesagt werden, dass er in: dieser Beziehung uns Allen ein Vorbild hat sein können ubd dass er seinen Kindern das "beste Beispiel zur Nacheiferung gegeben, hat Wir wissen, dass er darum bei unseren christlichen Mitbürgern nicht weniger geachtet, nicht weniger hochgeschätzt war; im Gegenteil, dass er in Kreisen, die uns sonst nicht besonders wohlwollen, sehr viel gegölten hat. Wenn in unserer Mitte so manchesmal geklagt wird, dass uns Juden unser staatsbürgerliches Recht, den Ehrendienst der Schöffen und Geschworenen zu verrichten, in der Regel versagt bleibt, so meine ich, es ist ein gutes Zeichen für unseren verstorbenen Bruder, dass er zu den Ausnahmen gezählt hat, die main. „trotz" ihres Judentums dieser richterlichen Stellung für fähig u|f<I würdig gehalten hat Immer, wenn wir die Zwecke und Ziele unseres Ordens darlegen, so weisen wir darauf hin, dass jeder Jude den Beweis dafür liefern soll, das Judentum gleichbedeutend ist mit rechtschaffenem Verhalten, mit der Betätigung der höchsten Grundsätze der Ethik und Humanität, dass es eine Religion :?t. die offen vor aller Welt zu. bekennen zur Ehre gereicht. ' » Legen Sie diesen Massstab an das Leben unseres Brüders' Max Stern, so werden Sie mit mir die l'eberzeugung teilen: er hat den Ordenwohl angestanden, er hat sich jeder-

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