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Bericht der Großloge für Deutschland · 1905-12-01 · Nr. 9 - Dezember · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1905
Issue
Nr. 9 - Dezember
Date
1905-12-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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— 112 — sachte und fand er Erklärungs- und, Entschuldigungsgründe. Denn nimmer gab er es zu, dass jemand das Böse tun könne um dvi Busen willen. In seiner Gegenwart empfand man es stets mit Beschämung, wie sehr wir au deren am Staube kleben, und wie ' „Hinter ihm im wesenlosen Scheine * „Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine. Und mit kindlich reinem Herzen übte er Wohltätigkeit. Unsere Weisen sagen, der Wert einer wohltätigen Handlung bemesse sich nach der Gesinnung des Spendenden. Wer seine Gesinnung kennen lernen wollte, der musste ihn beobachten wenn er allmorgens den Zug der Hilfsbedürftigen empfing. Keine Ungeduld, keine Schroffheit. Sie alle hörte der Vielbeschäftigte an, ihnen allen half er nach Massgabe seiner Kräfte und darüber hinaus. Welch eifrige Sammeltätigkeit entfaltete er für humanitäre Zwecke! Wie manchen des Gebens Ungewohnten hat er zur Zedokoh gerührt! Was er im Stillen gewirkt, jetzt nach seinem Tode wird es uns klar. Da kommt ein Brief und fragt, was mit dem Knaben geschehen solle, den er einer verwahrlosten Familie entrissen und erziehen lasse, und ein anderer fragt, wer nun, da Br. Prager entschlafen, das Kostgeld zahle für ein idiotisch Kind. Denn tiefstes Mitgefühl mit der leidenden Kreatur war ihm eigen. Allerdings auch eine Mitfreude konnte er empfinden, herzentquellend und überwältigend. Denn Menschenliebe füllte sein Herz zum Rande. Nitht nur für die, die seinem Herzen nahe standen; nicht nur für die Glieder seiner Gemeinde — er liebte alles, was Menschenantlitz trägt. Und was der Prophet, Micha verlangt, liebevolle Betätigung am Nächsten, er hat sie geübt aUe Tage seines Lebens. Wer ihm der Nächste war? Sie haben seine Rede zur Jahrhundertfeier der r Humanitätsgesellschaft" über den Begriff der Nächstenliebe im Judentum gehört und wissen, dass er in jedem Menschen das Gotteskind, seinen Bruder, sah. Und redlich hat er sich gemüht, den Schatz zu heben, den — nach Hermann Cohen — der Geist als den höchsten, als den einzigen Wert des menschlichen Daseins anerkennt: die Menschheit ... in jedem Menschen. Selbst in den von der Gesellschaft Ausgestossenen bat er sie gesucht, und tief bewegt kehrte er stets von seinen Dienstgängen in das Zuchthaus heim, dessen Beamten sein Selbstloses Wirken mit Bewunderung und tiefem Danke anerkannten. , Solch eiuteines Her>c aber giebt den Frieleu und be iarf seiner. Kampf nur dem Hässlichen, Schlechten, Unwahren; sonst *ber entbot er Frieden, Frieden dam Fernen und dem Nahen. l ud ein reicher, fester Geist^ein zielbewusster Wille war ihm eigen. Vor allem: er war ein ganzer Jude, d. h. er war erfüllt von der Verpflichtung, mitzuarbeiten am Fortschritt der Menschheit. Denn aufwärts ging für ihn ihr Weg. Den Pessimismus verdammte er ..als das radikal Böse1*. Er war ein gauzeT Jude. d. h. ein ganzer Mann, „dem die vielen Gei-emonialgesetze vom äu-sern Vorgang zum iunern Erlebnis werden, dem das Rituale zum Religiösen sich wandelt*. Und wie er im verzweifelnden Skeptizismus seiner Jugendjahre mehrere Semester hindurch dem Studium der Physiologie sich widmete, s©«ist er — ganz abgesehen'von der Theologie — den Wissenschaften treu geblieben sein Leben lang. Soeh in seinem Todesjahr suchte er sich über den neuesten Stand der physiologischen Forschung zu informieren, und wie er in Rechtsphilosophie arbeitete, ja sogar der Belletristik sein Interesse zuwandte und tiefgründige Studien über da> moderne Drama trieb. seiue letzten Humanitätsvortiäge habe» es Ihnen erwiesen. Dennj er waf ein ganzer Jude, d. b. ein Mann, der wei-s. dass er sich den Resultaten der Erkenntnis nicht verschlussen darf; „denn nur, diese ermöglicht, nur diese sichert Wahrhaftigkeit. All sein Arbeiten und Forschen aber befestigte und vertiefte in ihm nur den Glauben seiner Väter. * Und daraus entquoll sein tiefes Gefühl für die Hoheit und Würde seines Amtes. Nicht Eitelkeit wars und öicht Ehrgeiz. Aber er wollte in Wahrheit das sein, was er hiess: ein Rabbi, ein Lehrer seiner Gemeinde, nicht nur ii: Worten und Reden, sondern vor allem, im Tun, im vorbildlichen "Handeln. Wir anderen, meine Brüder, richten unser Verhaltwn im Gotteshaas nach der Bedeutung des Tages, an dem wir dort erscheinen. Und,-scheint Ihnen das ui yutretiriiL m vergleichen Sie nur einual die Art, wie wir das Olenu-Gebet am Schlüsse des Werktagsgottesdienstes sprechen mit der Weihe, die wir ihm an den Jomim nauroim »eben. Er blieb sich immer gleich. Ohne Ehrfurcht und Verehrung hat ihn niemand im Gotteshaus beobachtet. Aber auch ausserhalb des Tempels fühlte er sich stets unter dem Aj;u raueh, dem..'altes schauenden Auge, dem alles vernehmenden Ohr. Das gab ihm die weihevolle Lebensanschauung, die das (Jespräcb mir, ihm zu einer Eiquickung und Erhebung gestaltete. -. , . ' Auch dje 'Schaffensfreude auf wissenschaftlichem Gebiejte hat sein klarer Geist genossen, die höhere, die der Vollendung, war ihm veisagt. Sein Werk über RJfcbbi Akiba ist fast vollendet. Auch das Schlusskapitel ist geschrieben. Nur ein Abschnitt sollte noch eingefügt werden. In Norderney hat er ihn diesen Sommer zu schreiben begonnen, — da nahm ihm der Tod die Feder aus der Handf i * Aber Hei z und Geist, LieW und scharfsinniger Verstand wirkten zusammen, um ihn zu dem Redner und Predig e r zu i.jbachen, der die Herzen bewegte und den Geist erhob, der Belehrung ausgoss und Alle in seinen Bann zog. Wir Juden sind vielleicht für i.e Predigtrnicht reif. E r b a u u n g ,durch eine Rede ist unjüdisch, und will sie Belehrung spenden, nun. sie-ist uns Allen meinei» Gegenstand der Kritik, als eine Quelle der Wissensmehrung. Er wusste das und überschätzte die Predigt nicht. Aber ob er in der Synagoge Gottes Wort lehrte, ob er am Grabe Trost spendete, ob er Ä in der „Humanitätsgeseilsc hart* Beweise geistreichen Scharfsinns gab, oder hier in der Loge die Herzen der Brüder erhob, — immer haben wir gefühlt, dass er, wie R. Jehudah bar Jlai, war: aller Redner Haupt, wohin er kam. So war er im harmonischen Einklang von Herz und Geist eine Persönlichkeit nach den Anforderungen unserer Weisen, so erfüllte er Lutzes Postulat, dass die Persönlichkeit Vorbedingung aller Sittlichkeit. Aber auch Persönlichkeit im Goethe'schen Sinne war ihm eigeu.

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