Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1904
- Issue
- Nr. 4 - April
- Date
- 1904-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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55 — durchschnittlichen Kosten für eine verschaffte Stellung hier nur 1,50 pro Kopf: Wahrlich! — ein wunderbares Ziel, um einen so geringen Preis ein ganzes Familienglück zu be> gründen, so viele Thränen zu trocknen! Aber auch über seine engeren Ziele hinaus entfaltet der Arbeitsnachweis — in steter Fühlung mit der Fürsorge und Armenkommission der jüdischen Gemeinde — seine überaus segensreiche Thätigkeit. Abgesehen von der Einrichtung einer Schreibstube, wo minder brauchbare und arbeitsunfähige Personen mit Adressenschreiben und dergl. beschäftigt werden sind armen, leidenden Witt wen Arbeitsstuben geschaffen worden. Ebenso finden die gegen die bedauerlicherweise im Wachsen begriffene jüdische Prostitution gerichteten Bestreb ungen hier volle Würdigung, und es ist bisweilen gelungen Mädchen, die, theils ohne ihre Schuld, vor dem Abgrund standen wieder in gute Bahnen zu lenken, indem ihnen ehrliche Arbeit verschafft, Autsicht und Fürsorge für sie übernommen wurde, Die antisemitischen Excesse in Könitz, welche viele kleine jüdische Leute an den Bettelstab gebracht, haben naturgemäß auch den hiesigen Arbeitsnachweis in hervorragendem Masse berührt, da der Zuzug der Geschädigten und ihrer Existenz Beraubten nach Berlin ein ziemlich umfangreicher war. Ein aus Könitz stammender Abdeckereigehilfe, welcher wegen Mordes unter Anklage gestellt war, wurde nach seiner Frei* sprechnng in einer hiesigen grossen Fellhandlung als Arbeiter untergebracht, und auch seinen Kindern Stellung verschafft ebendaher kam ein ruinierter Fleischhändler, dein ein Posten als Platzaufseher in einem Kohlengeschäft zugewiesen werden konnte, während ein durch das wüste Treiben verarmter Kaufmann als Comptoirist Arbeit gefunden hat; ferner wurden die Töchter eines wegen Meineids bestraften Cultu,sbeamten aus der dortigen Gegend in den Stand gesetzt, ihre alten Eltern zu ernähren. . Auch Kischinew hat sich I in die Geschichte des Arbeits nach weises mit eisernem Griffel eingeschrieben. Alle, besonders von den Logen und Brüdern empfohlenen Kischinewer wurden placiert und mit Kleidung versehen, sodass sie jetzt in der Lage sind, sich etwas zurücklegen zu können. So bat der Arbeitsnachweis einem Zimmermann und einem Tischler, beides Familienväter aus Kischinew, Existenzen verschafft; mittelst derer sie sich ordentlich ernähren können, wobei ich als charakteristisch für das Vertrauen dieser Leute erwähnen will, dass sie nicht selten ihre Ersparnisse dem Bureau zum Autbewahren übergeben. Es wäre natürlich leicht, aus der Fülle der Ereignisse -ine grosse Reihe derartiger Fälle . zusammenzustellen, aber iie Zeit würde hierzu nicht ausreichen; daher wollen wir uns nur noch auf einige Mitteilungen beschränken, die durch ihre Eigenart einer besonderen Erwähnung werth erscheinen. Die ganze Familie eines Mannes, der in München ein grosses Geschäft besessen hatte, aber durch Börsenspeculation ip Concurs geratheu war und sich genirte, in seiner Heimath eine abhängige Stellung anzunehmen, wurde placirt, so dass er und die Seinen ihr gutes Auskommen hatten. Ein Arzt, der früher als Assistenzarzt in Magdeburg thätig gewesen, war durch längere Krankheit vollständig heruntergekommen und hatte nicht einmal ein Obdach; er wurde in eiuem erbarmungswürdigen Zustande in der jüdischen Volksküche aufgefunden, ohne einen Pfennig in der Tasche, ohne warme Kleidung gegen die bittere Kälte. Nachdem die über ihn eingeholten Auskünfte günstig lauteten, gelang es durch persönliche Intervention unseres den Arbeitsnachweis leitenden ' Br. 11 i a Bei bei hiesigen hervorragenden Fachleuten das Interesse für ihn zu ^erwecken, sb dass er jetzt eine " gut »gehende Praxiis in Berlin ausübt.' . Mitunter, wenn auch selten, kommen »in all dem Elend auch humorvolle Scenen vor; so fragte ich gelegentlich einen jungen aus Bussland stammenden Burschen, was er gelernt hätte und was er verstände. Seihe Antwort lautete: „Schmuggeln". Da dies Gewerbe'bei uns keinen Boden hat, wurde er nach Hamburg expedirt, und soll als Schiffsjunge sein Dasein tristen; seinen ursprünglichen Beruf wird er wohl inzwischen aufgegeben haben. Ein anderes Mal wandte sich ein schon bejahrter Mann an: das Bureau, und auf die Frage,* wer ihn hierher geschickt hätte, erwiderte er nur : „Gott und mein Dalles.4, Das Vertrauen .auch dieses Mannes ist nicht getäuscht worden. >■ '„ < Da Sie, aus den angeführten Fällen, di« bis' ins Kleinste gehende Sorgfalt des Arbeitsnachweises ersehen haben, bedarf es kaum der Versicherung, dass die Leitung desselben ihre ganze Kraft, dafür einsetzt, Ansprüche, die seitens der Logen an den Verein herantreten, in vollem Umfange zu befriedigen, wie der Arbeitsnachweis überhaupt stets seiner Schöpfer gedenkt und mit seinen schützenden Armen über in Not geratene "Brüder dauernd, wacht. — Ein von der Chemnitzer Loge empfohlener jüdischer Techniker aus Russland wurde trotz seines eigenartigen Aufzuges nnd trotz des geschäftlichen Niederganges bei Borsig untergebracht und verschiedene von einer anderen Loge überwiesene Brüder haben meist gute Stellungen erhalten. So habe ich versucht, Ihnen einen kleinen Einblick in die umfangreiche und segensreiche Thätigkeit des Arbeitsnachweises zu verschaffen, ohne in der Lage zu sein, im Rahmen eines Referates das Thema erschöpfend zu behandeln. Wir aUle aber sollten, dureh die Erfolge ermutigt, dahin wirken,: dass auch an anderen Orten, soweit noch nicht vorhanden, derartige Organisationen ins Leben gerufen-werden, ein Wunsch, der sieh bereits zu einem Antrage an die Grossloge verdichtet hat. Pflicht der Brüder aber ist .'es, diese Schöpfung der «Berliner Logen zu erhalten und an ihrem Ausbau mitzuarbeiten, damit in immer steigendem Maasse alle herantretenden Wünsche nach Arbeit erfüllt werden können.. Vor allem — und das soll auch au dieser Stelle mit Nachdruk gerügt werden — müssen unsere Glaubensgenossen selber die bedauerliche Scheu überwinden, jüdische" Leute bei sich anzustellen. Finden doch nur 25 pCt; aller Placierungen bei jüdischen Arbeitgebern statt. Sollte das Wort wirklich Wahr sein, dass wir Juden oft selbst die grössten Antisemiten sindV! Widerlegen wir Alle diese wiederholt ausgesprochene' Behauptung! Helfen wir durch. Anmeldung von Arbeitsgelegenheit und Zuführung von Mitteln*! Edel der Mensch, der dem Bruder in Noth Hilfreich und freudig reichet das Brot! Edler jedoch — der ihm Möglichkeit schafft, Sich zu ernähren "aus eigener Kraft! Wohlfahrtsbestrebungen der Logen. Die Berliuer Logen haben die Errichtung einer Tojnbeelalle beschlossen, und vorerst einen Credit von zusammen