Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1903
- Issue
- Nr. 3 - März
- Date
- 1903-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4864325-6028961-6074072--0510-4864685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 32 — „Wir sollen alle Menschen lieben, wir lieben die lustigen, das ist die Familienliebe, wir lieben unsere Freunde, das ist die Freundesliebe, wir lieben das Vaterland, das ist diebei uns gebotene Vaterlandsliebe, wir lieben die Armen uud Notiiieidenden, das ist unsere erbarmende und helfende Liebe. Aber wir lieben auch unsere Widersacher un'l Be-: leidiger, das i>t.unsere verzeihende liebe, ebenfalls im SiMie •foü Maimonides der auf einen Schmähbrief Pinchas antwoitete* Wisse, dass ich nicht zu ' denjenigen gebore, welche Verleumdungen ihr Ohr leihen. . Ich weiss auch zu unterscheiden, wie viel das Gerücht, von Mund zu Mund fortgepflanzt übertreibt. Aber wenn ich selbst mit meinen Ohren vernähme, dass mich Jemand geschmäht und meine Arbeit gering geschätzt hat, leb würde es verzeihen und vergessen. Aber keine Liebe ohne Opfer, Opferwilligkeit das ist die Wahrheit der Liebe. Wir sollen Opfer bringen bei unserem Wohltliun. aber noch schwerer sind die anderen Opfer, welche die' Bruderliebe von uns verlangt. Schwer ist es, seine Leidenschaften, seinen Groll, Rechthaberei, Eitelkeit, Empfindlichkeit. Härte in der Beuitheilung seiner Mitmenschen und alle die anderen Splitter und Balken des Egoismus in den Flammen der Bruderliebe aufgehen zu lassen. Schwerer ist es, die Stacheln angethaner- Kränkung, Zurücksetzung, niedergekämpfte Wünsche aus dem Herzen zu reissen. Ja. das ist schwer, aber die Bruderliebe, die Menschenliebe,- sif verlangt solche .Opfer und ein echter Bnai-Biiss vermag sieli Opfer und Siege abzugewinnen, ob es auch schmerze : die Wundenmale die er davonträgt, sind Ehlennarben. In fliesen Sinne-arbeiten wir,, diese Grundsätze wollen w ir im Orden befolgen und in dieser Arbeit dürfen wir nicht ermüden, denn sie gilt nicht nur uns, sondern auch unseren Söhnen und Enkeln. Wir müssen unausgesetzt darnach stieben. rasere-Mitbürger vom Gegentheil des zu üburzeHgen, <le>.sen fean uns zeiht. Unsere Erscheinung und unsere Handlungsweise .müssen das beste Zeugniss für uns ablegen. Wir wissen sehr wohl, dass. dies alles in sehr vielen Fällen v '✓■'•* uns nichts nutzt, wir wissen sehr wohl, dass ein ganzes Leb. n voll Ehrbarkeit. Rechtschatfenheit uud Wohlthätigkeit iriis nichts nutzt und bei der ersten Gelegenheit das Vorui rheil, der verhaltene Hass, so unverdient er'auch .ist," zum Vorschein kommt. Aber alles dies daif uns nicht zurückhalten, unser Streben darf nicht ermatten, ja, vergessen wir nicht, dass uian 'uns, selbst wider unseren Willen, eine Solidarität, wenigstens in dem, was man uns Tadelnswerthes zusehreibt, auferlegt. Jeden jüdischen Spitzbuben stellen unsere Gegner jubelnd an den Pranger als ausnahmsloser ..Semiten-Typus1-. Diese Solidarität-erhöht unsere ethischen Verpflichtungen. Zeichnet sich der Jude, wie" auch unsere Gegner anerkennen, in Werken der Barmherzigkeit, in Fürsorglichkeit für seine Familie,- in Nüchternheit und Sparsamkeit vor seinen ein Ist liehen Nachbarn aus. so muss er sich in gleicher Weise, in Reinheit der Sitten und Lauterkeit des Lebenswandels auszeichnen, i Dies Wird die beste Warle wider unsere Gegner sein. Strenge Selbstprüfung und Selbstzucht wird uns dem Ziele der Läuterung näher bringen! Hie uud da liegt doch ein Körnlein Wahrheit in der Anschuldigung der Judenfeinde. Die Folgen des vielhundertjährigen Druckes, der auf uns Juden lastete, die Leiden und ZarQcksetzungen, sie haben es bewirkt, dass sich mancher unserer Glaubensgenossen ein Ton und eine Haltung bemächtigt hat, die unangenehm wirken.-', Anma'ssung in Sprache, Ton, Haltung und Gebärde, Sucht sich hervorzudrängen, das sind unerfreuliche Erscheinungen, die auch heute noch nicht ganz aufgehört haben. Bezüglich des Vermeideus der Zudringlichkeit ist es duft-akieristisch, wenn Maimonides sagt: „Wie beim Feuereiue gewisse Entfernung die wohlthuende Wärme gewährt, während die Nähe und Berührung Schaden bringt, so kann die Zudringlichkeit, die das Maass der verstatteteu Zutraulichkeit überschreitet, uns nachtheilig werden. Das sind goldene Worte, die auch heut noch beherzigeuswerth sind. Es haben auch Juden arg gesündigt durch Wucher,Betrug und unerlaubten Gewinn. Erst wenn der Geist strengster Rechtlichkeit und Scheu vor jedem unlauteren Beginnen alle Kreise unserer jüdischen Bevölkerung ergriffen haben wird, ganz wie das Maimonides verlangt, dann werden wir Hoffnung haben, den Kampf, den wir in unseren Logen kämpfen, zu einem siegreichen Ende zu führen. / l ud wenn dies — die Hebung der Juden — der eine Teil unserer Aufgabe ist, so besteht noch ein anderer wichtiger Teil in der Hebung des Judentums. Die Juden der Gegen wärt hatten sich entwöhnt, mitzufühlen mitzuraten, mitzuthaten bei Allem, was die Juden berührte. Sie meinten die Zeiten der Glaubensunterschiede seien vorüber. Nur ungern liessen sie sich daran erinnern, dass sie Juden seien. Ihnen erschien das Judentum für ein überwundener Standpunkt und pietätlos verrieten sie und gaben preis die eigeue Tradition um gesellschaftlicher Vorteile willen. Und wie oft sind es gerade unsere besten und fähigsten Köpfe, die sich 'uns abwenden. Dieser Gleichgültigkeit und diesem Abfall wirkt unser Orden entgegen, indem er uns zur Erkenntnis des eigenen Werts erzieht und uns lehrt, den Kopf hoch zu tragen in der Erkenntnis unserer eigenen Schätze, um aus demselben Kraft, Mut und die L'eberzeugung zu schöpfen, dass auch das Judentum eine \Religion ist, die ihie Bekenner zur reinsten Humanität, zur echten Menschenliebe und zur treuesten Pflichtelfüllung leitet. Deshalb rufen wir jedem Mitgliede zu: Bleib Jude wie du dich auch zu den Bräuchen des Judentums stellst, das ist nicht unsere Sache; bleib Jude mit bescheidener Zurückhaltung, wie wir, das von allen Juden wünschen, aber doch mit stolzem Selbstbewusstsein. Mühsam haben unsere Väter gekämpft unter schwierigen Verhältnissen und haben doch treu festgehalten an dem Vatererbe, das sie mit um so grösserer Liebe gepflegt, je mehr es bedroht war. Ich brauche nur an die Zeit der Judenverfolgungen hier in Nürnberg selbst zu erinnern, namentlich zn der Zeit des Judenverfolgers Rindfleisch, wo die Juden ihre eigenen Häuser anzündeten, .sich mit Weib und Kind in die Flammen warfen, nur um sich nicht taufen lassen zu müssen. So wollen auch wir nicht ablassen von dem Reste des Kampfes, der uns auferlegt ist. Wie die Väter unter' schwerem Drucke, unter hartemDulden aufrechtgestanden, Entbehrungen getragen haben mit treuem Sinn, nicht Freiheit erkaufend mit unwahrer Anbeijuemung,'mit innerem Widerspruch, so wollen auch wir nicht ermatten, in dem jezt viel leichteren Kampfe, so wollen auch wir nicht als Flüchtlinge befunden werden, die ihre Religion, das Erbteil aus lieber